L. Geifrig: Die Setzerinnenschule des Lette-Vereins (Illustrirte Zeitung, 1902) (Quelle: Berufsausbildungszentrum Lette-Verein)
Audio: Kulturradio | 18.02.2016 | Margit Miosga

150 Jahre Lette-Verein - Eine Lehranstalt für Frauen feiert Geburtstag

Seit 150 Jahren gibt es den Lette-Verein. Einst wurde er in Berlin gegründet, um Frauen in Arbeit zu bringen und leistete damit einen großen Beitrag zur Emanzipation - was die Gründerväter ausdrücklich nicht wünschten. Heute bietet das Berufsausbildungszentrum in Schöneberg ein breites Spektrum, nicht nur für Frauen. Von Margit Miosga

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Jahrelang werden unsere junge Mädchen […] mit dem Erlernen von Dingen belastet, mit Klavierspielen, das in den seltensten Fällen über eine bescheidene Mittelmäßigkeit hinaus erlernt wird, […] mit Zeichnen und Malen, denen wir ja gern jede Berechtigung zuerkennen, aber einer der Grundpfeiler des späteren Haushaltes, das rationelle Kochen und […] einen Einblick in das Ernährungsleben des Menschen zu gewinnen, das muss als Lehrgegenstand noch mehr berücksichtigt werden.


Das schrieb die Ernährungsphysiologin Elise Hannemann in der 100. Auflage ihres Kochbuchs im Kriegsjahr 1917. Hannemann leitete jahrelang die Kochschule im Lette-Vereins. Ihr Buch wurde zum Klassiker und tausendfach gekauft, um jungen Frauen die Kunst des preiswerten und gesunden Kochens zu vermitteln.

Der Lette-Verein war aber immer mehr als eine Haushaltsschule, denn er bot  Ausbildungen für innovative kreative und technische Berufe an, wie Schriftsetzerin, Röntgenschwester, Metallographien oder Photographin. Manche Berufe verschwanden wieder vom Lehrplan, wie beispielsweise die Gutssekretärin,  dafür kamen neue hinzu - genauso wie die Männer, denn ursprünglich war der Lette-Verein eine reine Frauenlehranstalt.

Verein als Hilfe zur Selbsthilfe gegründet

Der Lette-Verein wurde am 27. Februar 1866 von 300 preußischen Männern gegründet, die meisten von ihnen waren bereits im "Centralverein für das Wohl der arbeitenden Klassen" engagiert. Ein  Motor der liberal-bürgerlichen Versammlung war der Abgeordnete Wilhelm Adolf Lette. Er starb bereits zwei Jahre nach der Vereinsgründung, ihm zu Ehren wurde die Bildungsstätte umbenannt und hieß fortan "Lette-Verein zur Förderung der höheren Bildung und Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts". Lettes Ziel: die sinnvolle Beschäftigung von unverheirateten Frauen und Witwen. Lette war ein klassischer Liberaler, er propagierte nicht die Mildtätigkeit, sondern die Hilfe zur Selbsthilfe: "[…] nur durch die eigene sittliche und wirthschaftliche Erhebung, durch Selbsthülfe, durch die selbstthätige Mitwirkung der Arbeiter und deren Erkenntnis, daß jeder Mensch zunächst selbst für sein […] Wohl verantwortlich ist."

Das traf auch auf Frauen zu, allerdings nur, wenn sie ihre Bestimmung als Ehefrauen und Mütter nicht erfüllen konnten. Denn im Vereinsblatt des Centralvereins, im "Arbeiterfreund", schrieben die Gründer der Bildungsstätte: "Was wir nicht wollen und niemals, auch nicht in noch so fernen Jahrhunderten wünschen und bezwecken, ist die politische Emancipation und Gleichberechtigung der Frauen."

Frauen in Lohn und Brot bringen

So können sich kluge Männer täuschen! Man kann nicht das eine haben – Frauen, die Geld verdienen – und das andere nicht wollen: deren politische Emanzipation. "Die Frauen sollen ja Geld verdienen, sie sollen aber auch beschäftigt werden, es gibt einen Frauenüberschuss zu diesem Zeitpunkt, es gab viele Kriege zu den Zeiten, als der Verein gegründet wurde, und diese Frauen, die alleinstehend sind, mögen in Lohn und Brot gebracht werden", sagt Julia von Randow. Die stellvertretende Schulleiterin benennt zwei Institutionen, die damals fast revolutionär waren: "Es gibt auf der einen Seite das Damenkaffee, das Damenrestaurant, wo Frauen zum allerersten Mal ohne männliche Begleitung Café trinken konnten und essen konnten mit ihren Freundinnen. Und auf der anderen Seite gibt es diesen Viktoria Basar, wo Frauen ihre Artefakte, das, was sie mit ihren eigenen Händen hergestellt haben, verkaufen konnten, der wirtschaftliche Aspekt."

Als drittes kam die Arbeitsvermittlung hinzu; betrieben wurde sie übrigens von Josephine Levy Rathenau, einer Cousine von Walter Rathenau. Das Büro vermittelte Absolventinnen und Nicht-Absolventinnen. Durchaus mit Eigeninteresse betätigten sich zahlreiche Gattinnen von Berliner Unternehmern als Förderinnen des Vereins. Denn sowohl in den Firmen ihrer Männer brauchte man Arbeitskräfte, als auch im bürgerlichen Haushalt, dort wurden gute Kindermädchen und Haushälterinnen benötigt. Immer wieder wurden dem Verein größere Geldbeträge gestiftet, etwa um Mädchen aus armen Familien, die das Schulgeld nicht bezahlen konnten, eine Ausbildung zu ermöglichen.

Pauken bei Alice Salomon und Anna Köppen

Schulgeld ja - aber ein sehr niedriges

Auch ganz bedeutend: die Unterstützung vom Hofe. Kronprinzessin Viktoria von Preußen ließ zur Vereinsgründung mitteilen: "Ihre Königliche Hoheit, die Frau Kornprinzessin wenden den Bestregungen […] ein lebhaftes Interesse und eine rege Theilnahme zu und geben Höchst Sich gern der Hoffnung hin, dass der Verein diejenige allseitige Anerkennung und Unterstützung finden möge, auf welche seine […] wohltätigen Zwecke einen so gerechten Anspruch haben." Die Protektion seitens des Hofes war wichtig für die gesellschaftliche Anerkennung, ebenso die großzügige finanzielle Zuwendung. "Die Frauen waren unproduktiv, weil sie nirgends rein kamen. Es muss wohl entsetzlich gewesen sein", meint von Randow. "Wenn ich Kaiserin gewesen wäre, hätte ich auch gesagt, das ist doch eine Superidee, das sind tolle, kompetente Leute, die fördere ich. Das Kapital hat sich ausgezahlt gemacht."

Bis heute gilt: Mangelnde Finanzmittel der Eltern dürfen kein Hindernis für eine gute Ausbildung sein, darauf weist von Randow hin: "Wir haben ein sehr niedriges Schulgeld, im Monat zahlen unsere Schülerinnen und Schüler 95 Euro für eine sehr hochwertige Ausbildung, wir haben Schulgeldbefreiung, wir haben eine BaföG-Berechtigung." Die Ausbildung am Lette-Verein sei immer kostenpflichtig gewesen, sagt Jana Haase, Leiterin der Bibliothek, "es waren ja Privatschulen. Die normalen Kursgebühren waren tatsächlich ziemlich hoch, das konnte sich nicht jeder leisten." In einer frühen Phase seien auch Kurse für die niederen Stände angeboten worden. "Und hier habe ich gerade gelesen in einem alten Bericht, die wurden für 1 Mark ein Abendbesuch angeboten. Das waren eine Art Module, die als Abendkurse nach der Arbeit besucht werden konnten, so dass die Mädchen wirklich nach ihren zeitlichen und finanziellen Möglichkeiten sich das auch selber zusammenbauen konnten."

Auch die Männer kratzen an der Tür

Während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 nahm der Verein  die Ausbildung zur Krankenschwester in ihr Repertoire auf. In dieser Zeit wurde Anna Schepeler-Lette, eine der Töchter von Lette, zur Vereinsvorsitzenden gewählt. Sie wird viele Jahre dafür sorgen, dass junge Frauen für die jeweils neusten Anforderungen des Arbeitsmarkts ausgebildet werden. Sie reagierte schnell und umsichtig auf wichtige technische Neuerungen und  gesellschaftliche Veränderungen. Ein Beleg dafür sind die Ausbildungen zur Telegraphistin oder auch zur Schriftsetzerin, letzteres übrigens gegen große Widerstände aus der selbstbewussten Klasse der Stehkragenproleten in Zeitungen und Verlagen.  Eine allgemeine Fortbildungseinrichtung wird gegründet, dann die Zeichen- und Kolorierschule; 1883 kommen die Kochschule, und die Haushaltsschule dazu. Nur teilweise können die Schülerinnen im Haupthaus in der Königgrätzer Straße unterrichtet werden, für jedes  neue Fach mussten weitere Räume angemietet werden.

Eine bis heute bedeutende Neugründung fand 1890 mit der Photographischen Lehranstalt statt. Sie war für 20 Schülerinnen geplant, aber schon im ersten Halbjahr so nachgefragt, dass getrennte Kurse für Amateure und Profis eingerichtet werden mussten. Die Ausbilder legten größten Wert auf den professionellen Umgang mit der neuen Technik, und so ist es auch heute noch. Die Photographische Lehranstalt des Lette Vereins bildete auch Retoucheusen – wie man sagte – aus. Heute ersetzt Photoshop dieses Handwerk.

Im Fach Photographie fand auch der große Paradigmenwechsel statt, erklärt der Leiter der Abteilung Fotodesign, Frank Schumacher: "Die war so erfolgreich, dass die Männer an der Tür gekratzt haben und 20 Jahre später, 1910 eine Klasse für Männer eingerichtet hat. Mittlerweile ist es ganz interessant: Unserer Jüngster Jahrgang besteht zu zwei Dritteln aus Frauen. Das war in der Vergangenheit eine Männerdomäne. Und hat sich in den letzten Jahren auch dahin entwickeln, dass Frauen die Ausbildung machen, erfolgreich abschließen und erfolgreich als Fotografin arbeiten."

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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