Feuerwehrleute kontrollieren am 24.02.2016 in Oranienburg (Brandenburg) Wohnungen im Sperrkreis einer Bombenentschärfung. (Quelle: dpa)
Video: Brandenburg aktuell | 24.02.2016 | Mark Albrecht

Sperrkreis ist wieder aufgehoben - Weltkriegsbombe in Oranienburg ist entschärft

Oranienburgs Innenstadt ist wieder frei: Der 1.000 Meter große Sperrkreis um den Weltkriegsblindgänger wurde am Mittwochnachmittag aufgehoben. Mehr als 12.000 Oranienburger hatten für die Entschäfung der Bombe Büros und Wohnungen verlassen müssen. Und die nächste Evakuierung steht schon fest.

Eine 250 Kilogramm schwere Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg ist am Mittwochnachmittag in Oranienburg entschärft worden. Sie war in einem Gewerbegebiet in der Lehnitzer Straße bei Sucharbeiten gefunden worden.

Für die Entschärfung hatten rund 12.000 Menschen ihre Häuser verlassen müssen, also fast jeder dritte Bewohner der Stadt. Um 11.15 Uhr meldete die Feuerwehr, dass der 1.000 Meter große Sperrkreis menschenleer sei. Die Sprengmeister hatten dann ihre Arbeit in Schutzkleidung verrichten müssen, da die Fundstelle im Gewerbegebiet mit Chemikalien verseucht ist. Um 15.30 Uhr wurde der Sperrkreis wieder freigegeben.

Die Art neigt zur Selbstdetonation

Die Räumung gestaltete sich zunächst schwierig. Eine Stadtsprecherin sagte: "Wir haben um fünf Uhr morgens begonnen, aber da unser Krankenhaus und ein großer Seniorenstift im Sperrkreis liegen, sind die Transporte sehr aufwendig".

Die besondere Gefährlichkeitseinstufung der Bombe begründete Bürgermeister Hans Joachim Laesicke (SPD) am Mittwochmorgen im rbb Inforadio mit dem Typ: Es handele sich um eine amerikanische Langzünderbombe. Anders als der konventionelle Aufschlagzünder, der relativ ruhig liegen bleiben könne, bestehe bei den "Langzünderbomben die Gefahr, dass die unkontrolliert explodieren", so Laesicke.

Die Evakuierung der Gebäude gestaltete sich dann sehr aufwändig. So hätten drei Sporthallen dafür hergerichtet werden müssen. Dies sei ein riesiger logistischer Aufwand, weil die Hallen ausgekleidet werden müssten, ebenso bräuchten die Pflegebetten extra Strom, der Transport der Menschen müsse organisiert und finanziert werden. "Das sind Kosten, auf denen die Stadt Oranienburg hängen bleibt", so Laesicke wörtlich.

Nächste Entschärfung Mittwoch vor Ostern

Zudem musste der S- und Regionalbahnverkehr zeitweilig unterbrochen und ein Ersatzverkehr mit Bussen eingerichtet werden. Und es stehen weitere Evakuierungen für Entschärfungen an. Fünf andere Weltkriegsbomben wurden auf dem Gelände geortet. Die erste soll am Mittwoch vor Ostern entschärft werden. Die restlichen dann im Drei-Wochen-Takt.

Sperrkreis Oranienburg am Mittwoch (Quelle: Stadt Oranienburg)

Kampfmittelräumung ist nationale Aufgabe

Angesichts des riesigen logistischen Aufwandes forderte der Bürgermeister von Oranienburg im rbb Inforadio mehr finanzielle Unterstützung des Bundes. Es könne nicht sein, dass allein die Kommunen die Kosten für die Beseitigung der Kriegsfolgen tragen müssten. 

Da es bislang keinen einzigen Cent vom Bund gegeben habe, dränge sich der bittere Eindruck auf, dass es die Kommunen seien, die den zweiten Weltkrieg verloren hätten, sagte Laesicke. Aus seiner Sicht handele es sich um eine nationale Aufgabe, die Bevölkerung und die Industrie vor den rund 300 Blindgängern zu schützen, die noch in und um Oranienburg im Boden lägen, betonte Laesicke.

Der Bund hatte Ende letzten Jahres beschlossen, sich erstmals an den Kosten für die Beseitigung von Kampfmitteln der Alliierten aus dem Zweiten Weltkrieg zu beteiligen. Danach werden künftig 50 Prozent der entstehenden Kosten vom Bund getragen. Bis 2019 stellt er deutschlandweit 60 Millionen Euro dafür zur Verfügung. Der Bund hatte sich bislang nur an der Beseitigung von reichseigener Munition beseitigt, nicht aber von Blindgängern der alliierten Streitkräfte.

"Es wurde höchste Zeit"

Oranienburg gehört bundesweit zu den Städten, die besonders mit Weltkriegsmunition belastet sind. Seit 1990 wurden knapp 200 Bomben gefunden. 300 werden noch im Erdreich vermutet. Zuletzt wurden im November vier Bomben auf einmal unschädlich gemacht. Rund 20.000 Bomben sollen im Zweiten Weltkrieg auf dem einstigen Rüstungsindustrie-Standort abgeworfen worden sein. Der Bund hatte Ende letzten Jahres beschlossen, sich erstmals an den Kosten für die Beseitigung von Kampfmitteln der Alliierten aus dem Zweiten Weltkrieg zu beteiligen.

Jedes Jahr gibt Brandenburg bislang einen zweistelligen Millionenbetrag zur Beseitigung von Kampfmitteln der Amerikaner, Briten, Franzosen und Russen aus. Eine Beteiligung des Bundes fordert Brandenburg schon seit Langem. "Es wurde höchste Zeit, dass der Bund endlich seine Mitverantwortung anerkannt hat", kommentierte Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). Zufrieden ist er mit der der Bundesmittel nicht. "60 Millionen hört sich erst einmal viel an. Aber wenn man sich die Aufgabe insgesamt anguckt, ist die Summe doch relativ bescheiden", sagte Woidke dem rbb. "Ich hoffe, dass es nicht das letzte Wort des Bundes ist." Die eigenen Ausgaben für die Munitionsbeseitigung will Brandenburg nicht zurückfahren, das Geld vom Bund komme oben drauf, kündigte Woidke an.

Mit Informationen von Lisa Steger, rbb-Reporterin Antenne Brandenburg

Fundort der Bombe

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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