Prüfung von Falschgeld im Schwarzlicht (Quelle: rbb/was!)
Video: was! | 24.02.2016 | Beitrag von Robin Avram

rbb-exklusiv | Falschgeld im Online-Versand - Blütenträume aus dem Darknet

Das Falschgeldaufkommen in Berlin und Brandenburg hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt. Das liegt laut Ermittlern auch daran, dass sich im Darknet falsche Fünfziger fast so einfach bestellen lassen wie Bücher bei Amazon. Der Student Lukas P. hat das getan. Kurze Zeit später stand ein Sondereinsatzkommando vor seiner Tür. Von Robin Avram

Gegen Lukas P. ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft - wegen eines Verbrechens, dass er im Zusammenhang mit dem Darknet begangen haben könnte. Und trotzdem ist der Student immer noch recht freizügig im Netz unterwegs. Auf seinem Facebook-Account kann jeder Besucher seines Profils dutzende Fotos von ihm anschauen: mit Dreitagebart im Berghain oder nur seine schlaksigen Beine auf einem Bar-Tresen. "Hard day at work", steht darüber. Sechs Personen gefällt das.

Lukas P heißt in Wirklichkeit anders. Laut Polizeiakten ist er 26 Jahre alt, kam vor  einigen Jahren aus seiner osteuropäischen Heimat nach Berlin und studiert hier ein künstlerisches Fach. Lukas P. ist ein Student wie Tausende andere auch in Berlin und Brandenburg, der offenbar gerne feiern geht und dabei einige Dummheiten macht.

Im Sommer vergangenen Jahres kam er aber auf eine wirklich sehr, sehr dumme Idee: Er bestellte sich im Darknet Falschgeld. "Ich hab das nur aus Spaß gemacht, ich war neugierig, ob das funktioniert", beteuert er.

Bewertungen auf Seiten im Darknet, über die Falschgeld bestellt werden kann (Quelle: rbb/was!)
"Das Papier könnte besser sein": Bewertungen für Blüten im Netz

Falschgeldaufkommen in zwei Jahren verdoppelt

Lukas P. Geschichte steht exemplarisch für Dutzende ähnliche Geschichten von jungen Menschen, die sich wohl nie und nimmer trauen würden, in einer dunklen Hinterhof-Ecke Falschgeld von Kriminellen anzukaufen - deren Leben aber nun auf die schiefe Bahn zu geraten droht, weil das Falschgeld im Darknet eben nur ein paar Mausklicks weit weg ist. Das "dunkle Netz" lässt sich als eine Art digitales Paralleluniversum erklären, in dem Computer anonymisiert und verschlüsselt über spezielle Software miteinander kommunizieren.

Den Falschgeld-Ermittlern der Landeskriminalämter bereiten Lukas und seinesgleichen Sorgen: Seit 2013 hat sich das Falschgeldaufkommen in Berlin und Brandenburg von 6.100 auf rund 12.500 falsche Euro-Scheine verdoppelt - und das liegt auch an der leichten Verfügbarkeit von Falschgeld im Darknet.

Viele Blüten aus Italien in der Region

Brandenburger Ermittler gehen nach rbb-Recherchen sogar davon aus, dass bereits ein Drittel der in Brandenburg ausgegebenen 20- und 50-Euro-Falschnoten - die mit Abstand am weitesten verbreiteten Blüten - aus dem Darknet stammen. Das lasse sich anhand bestimmter Herstellungsarten, Serien- und Plattennummern nachvollziehen.

Hergestellt wird das in Berlin und Brandenburg zirkulierende Falschgeld laut Ermittlern meist in Italien, von der "Napoli-Gruppe", einem international operierenden, hochprofessionellen Fälschersyndikat mit Verbindungen zur Mafia. Mitglieder dieser Gruppe nutzen häufig Offset-Druckmaschinen von pleite gegangenen Druckereien, die Hologrammstreifen stammen oft aus China. Die Napoli-Group soll nach Polizeiangaben für rund die Hälfte des in Europa verbreiteten Falschgeldes verantwortlich sein.

1.000 Euro kosten im Schnitt 200 Euro

Mit was für Berufkriminellen er sich da einlässt, als er das Falschgeld bestellt - darüber hat sich Lukas offenbar nicht sonderlich viele Gedanken gemacht. Auf die Idee sei er gekommen, weil er online einen Bericht gelesen hat, der beschreibt, was im Darknet alles gehandelt wird: Cannabis, Kokain, LSD, Schusswaffen, Springmesser - und eben Falschgeld.

Waffen? Kokain? Übers Darknet leicht zu haben (Quelle: rbb/was!)
Waffen? Kokain? Übers Darknet leicht zu haben

Von diesen reißerischen Berichten gibt es Dutzende im Netz. Lukas beginnt zu googeln. Nach ein paar Tagen bekommt er Zugang zu einem virtuellen illegalen Marktplatz - zu welchem, daran könne er sich nicht mehr erinnern, behauptet er. Die Darknet-Marktplätze heißen AlphaBay oder Agora; sie imitieren den vertrauten Look von Shopping-Portalen wie Amazon oder Ebay.

Das Falschgeld wird dort nicht einzeln, sondern in Bündeln verkauft. Ein Bündel mit 20 falschen Fünfzig-Euro-Scheinen im Wert von 1.000 Euro kostet im Schnitt 200 Euro. Die Glaubwürdigkeit der Anbieter sollen Bewertungen von anderen Nutzern erhöhen, das haben sich die Betreiber der Darknet-Plattformen von Amazon abgeschaut: "Good quality" oder "best on the web" steht unter einem solchen Falschgeld-Angebot. Lukas grübelt, er zögert - und dann bestellt er. Ein paar Tage später lieferte die Post tatsächlich ein Paket mit Falschgeld.

Besteller fliegen als "Beifang" auf

Rüdiger Weis seufzt, als er die Geschichte von Lukas hört. Der Informatik-Professor und Kryptographie-Experte trägt einen schwarzen Kapuzenpulli und Turnschuhe, in seinem winzigen Büro im Dachgeschoss der Beuth-Hochschule steht eine Flasche Mate-Tee-Limonade auf dem Tisch. Weis pflegt sein Hacker-Image. Seit 20 Jahren Jahren ist der Verschlüsselungsfachmann Mitglied im Chaos Computer Club. Als Hacker von Format ist er natürlich bis ins Mark geprägt von den Debatten über den Überwachungsstaat, diese staatsskeptische Grundhaltung merkt man ihm deutlich an. Doch beim Thema Falschgeld erwacht in ihm der Pädagoge.

"Ich möchte speziell junge Leute ganz eindeutig davor warnen, Falschgeld im Darknet zu bestellen, denn wer sich Falschgeld beschafft, der wird als Staatsfeind angesehen", sagt Weis. Das Darknet sei keineswegs ein sicherer und vollständig anonymer Ort, dort tummelten sich sehr viele Geheimdienst-Mitarbeiter. "Schließlich finanziert die US-Regierung zu 60 Prozent das Darknet, um den Demokratieaufbau in unterdrückten Staaten voranzubringen", doziert er.

Doch speziell die US-Geheimdienste würden regelmäßig auch "umfangreiche Angriffe" auf das Darknet fahren. "Und wenn ein umfangreicher Angriff läuft, dann sind unter Umständen sehr viele Leute enttarnt. Selbst wenn man nur ein paar Scheine bestellt, ist man dann ein Beifang bei einer Großaktion gegen terroristische Netzwerke im Netz", so der Alt-Hacker.

Ein Jahr Mindeststrafe für Falschgelddelikte

Am 11. November 2015 schläft Lukas P. um fünf Uhr morgen tief und fest, als es laut an seiner Tür klopft. Sechs maskierte Polizeibeamte stürmen seine Wohnung. Die Beamten durchkämmen die WG, finden Falschgeld, dass an seiner Wand pinnt, beschlagnahmen seinen Laptop, nehmen ihn mit zur Vernehmung zum Landeskriminalamt in Tempelhof, Dezernat 413 für Falschgelddelikte.

Zeitgleich durchsuchen Polizisten in Berlin sieben weitere Wohnungen, bundesweit sind es rund 80. Der Tipp kam über Europol von italienischen Ermittlern. Sie hatten den Darknet-Anbieter der Falschnoten, bei dem Lukas P. bestellt hatte, zuvor festgenommen. Anschließend mussten sie nur noch die Kundendatenbank auswerten - hunderte Besteller auf einen Streich enttarnt.

Nun ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft gegen Lukas P. und sieben andere Tatverdächtige. "Demnächst stehen die Gerichtsverhandlungen an. Man kann davon ausgehen, dass eine Teil der Täter auch wegen Geldfälschung verurteilt wird, wobei ein im Darknet bestellter Geldschein ausreicht, der wissentlich in den Verkehr gebracht wird", sagt Kriminalkomissar Karsten Urbat von der Soko Falschgeld.

Wenn Lukas P. verurteilt werden sollte, müsste er mit einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr auf Bewährung rechnen. Falschgeld verbreiten, das wertet der Staat als Verbrechenstatbestand. Drei Jahre lang stünde die Bewährungsstrafe in Lukas polizeilichem Führungszeugnis - viele Arbeitgeber würden abwinken, wenn er sich nach seinem Studium um einen Job bewirbt. So ganz scheint Lukas aber immer noch nicht bewusst zu sein, worauf er sich da eingelassen hat. "Ich habe das doch nur aus Spaß gemacht", wiederholt er und beteuert: "Das Geld habe ich gar nicht ausgegeben. Sondern nur Papierflieger daraus gefaltet."

Beitrag von Robin Avram

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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