Polizist mit Dienstwaffe in Cottbus (Brandenburg) (Bild: Patrick Pleul/dpa)
Video: KLARTEXT | 10.02.2016 | Gabi Probst

Lebensgefährliche Verletzungen durch Kopfschuss - Festnahme mit Schusswaffe in Cottbus unverhältnismäßig?

22. August 2014, kurz nach Mitternacht: Beamte fahnden nach einem 37-Jährigen. Der Mann wird per Haftbefehl gesucht. Als die Polizisten ihn in seinem Auto anhalten, löst sich ein Schuss und trifft den Gesuchten am Kopf. Er liegt seitdem im Koma, der Polizist bekommt eine Bewährungsstrafe. Doch nun tauchen Widersprüche über den Einsatz auf.

Die Festnahme eines 37-jährigen Mannes unter Einsatz einer Schusswaffe im August 2014 in Cottbus war offenbar unverhältnismäßig. Das haben Recherchen des rbb-Politikmagazins KLARTEXT ergeben.

Der Mann war bei dem Einsatz am 22. August durch einen Kopfschuss von einem Polizisten lebensgefährlich verletzt worden und liegt bis heute im Koma. Er soll ein mutmaßlicher Betrüger sein. Die Staatsanwaltschaft Cottbus rechtfertigt bis heute den Einsatz. Sie gab den Auftrag für die Festnahme.

Mutter äußert sich erstmals öffentlich

Die Cottbusser Staatsanwaltschaft ermittelte offenbar bereits seit 2009 gegen den Mann aus Cottbus. Warum er nach so vielen Jahren gerade an diesem Tag festgenommen werden sollte, erschließt sich nach den Recherchen nicht. Von der Staatsanwaltschaft wird lediglich in einer Presseerklärung die Festnahme mit dem Auffinden eines Sturmgewehres begründet.

"Damit suggerierte man der Öffentlichkeit, dass mein Sohn gefährlich war. Das stimmt aber gar nicht. Er ist doch jahrelang nicht abgehauen. Außerdem war er doch tagsüber bei der ersten von zwei Hausdurchsuchungen anwesend. Sie hätten ihn doch gleich verhaften können", sagte die Mutter des Geschädigten dem rbb. Sie spricht damit erstmals in der Öffentlichkeit.

Auch Dezernats-Leiterin mit Zweifeln

Verschwiegen hatte die Staatsanwaltschaft der Presse auch, dass es sich bei dem aufgefundenen Gewehr um eine unscharfe Deko-Waffe handelte. Schon beim Auffinden während der ersten Hausdurchsuchung und in Anwesenheit des Verdächtigen war das durch Beamte des Landeskriminalamts (LKA) festgestellt worden. Die Recherchen zeigen auch, dass diese Waffe schon 2010 vom LKA untersucht und dem Mann zurückgegeben wurde. "Da lag ja das Zertifikat dazu immer gleich dabei. Man hat der Öffentlichkeit also nur die halbe Wahrheit gesagt, um ihren ungeheuerlichen Einsatz zu rechtfertigen", so die Mutter weiter.

Wie interne Unterlagen belegen, äußerte auch die Leiterin des Dezernates Wirtschaftskriminalität der Außenstelle des LKA in einem Telefonat mit der zuständigen Oberstaatsanwältin aus Cottbus ihre Zweifel an dem Einsatz. "Frau G. hielt die Vorgehensweise der Staatsanwaltschaft im vorliegenden Fall für übertrieben", heißt es im Protokoll.

Dieselbe Staatsanwaltschaft beantragte gegen den Polizisten, von dem der Schuss bei der Festnahme ausging, vor ein paar Wochen einen Strafbefehl mit neun Monaten Freiheitsstrafe auf zwei Jahre Bewährung.

Das Cottbusser Gericht ist dem gefolgt, der Polizist hat den Strafbefehl angenommen. Somit gibt es keine öffentliche Hauptverhandlung. "Damit will die Staatsanwaltschaft den Einsatz gegen meinen Sohn klein kochen, um nicht eigene Fehler öffentlich eingestehen zu müssen", klagt die Mutter des Opfers an.

rbb KLARTEXT hat den Fernsehbeitrag am Mittwoch um 22.15 Uhr gezeigt. In Kürze ist er als Video verfügbar.

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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