Ein Aufkleber mit den Aufschriften "Achtung! Taschendiebe!" und "Beware Pickpockets!" ist am Eingang eines Clubs auf dem RAW-Gelände an der Revaler Straße in Friedrichshain in Berlin (Quelle: dpa)
Video: Abendschau | 26.02.2016 | Norbert Siegmund

Berliner Polizeiliche Kriminalstatistik 2015 - So wenig Gewalt wie lange nicht - dafür mehr Taschendiebstähle

Die Kriminalität in Berlin hat im vergangenen Jahr um fast fünf Prozent zugenommen. Allerdings ist der Zuwachs vor allem auf Diebstähle zurückzuführen. Die Gewalttaten dagegen sind auf einem neuen Tiefststand. Mit einer Ausnahme: Gewalt von rechts.

Vor allem wegen Taschendiebstahls hat die Kriminalität in Berlin 2015 deutlich zugenommen. Innensenator Frank Henkel (CDU) sagte am Freitag bei der Vorstellung des Kriminalitätsberichts, insgesamt seien knapp 570.000 Straftaten in der polizeilichen Statistik erfasst worden. Das sei ein Plus von fast fünf Prozent. Vor allem der ungebrochene Anstieg bei Taschendiebstählen sei für die Steigerung verantwortlich. Die Zahl dieser Delikte stieg demnach im Vergleich zu 2014 um mehr als ein Viertel auf 40.399 Fälle.

Jeder dritte Tatverdächtige aus Rumänien

"Der Druck, den reisende Täter auf unsere Stadt ausüben, erhöht sich weiter", sagte Innensenator Frank Henkel (CDU) am Freitag bei der Vorstellung der Kriminalitätsstatistik. Von den 1.324 Tatverdächtigen, die ermittelt werden konnten, waren der Statistik zufolge 1.148 keine Deutschen. Den Angaben zufolge handelt es sich häufig um professionelle Banden. Etwa jeder dritte Tatverdächtige kam der Statistik zufolge aus Rumänien. Die Zahl der Delikte ist so hoch wie in den vergangenen zehn Jahren nicht.

Polizeipräsident Klaus Kandt zufolge gab es zugleich weniger Haftbefehle. Ihm stelle sich daher die Frage: "Wie kann ich es justiziabel machen, dass ich hier Serientäter habe?", erklärte er. Ein Taschendiebstahl werde juristisch nämlich als Bagatelldelikt eingestuft und daher selten weiterverfolgt. "Wir haben es aber mit professionellen Banden zu tun", betonte Kandt.

Taschendiebe haben demnach vor allem Touristen im Visier, weil diese häufig viel Bargeld in der Tasche haben. Sie schlagen etwa auf Großveranstaltungen oder im Nahverkehr zu. Besonders oft versuchen Diebe es der Statistik zufolge auch mit dem sogenannten Antanztrick. Sie tanzen ihr Opfer dabei scheinbar im Spaß an - und ziehen ihm Handy oder Geldbörse aus der Tasche. Bei Touristen beliebte Orte seien die Brennpunkte, erklärte Kandt. Nachts war zuletzt vor allem das RAW-Gelände in Friedrichshain-Kreuzberg aufgefallen.

Positiv sei hingegen, dass bei Gewalttaten insgesamt ein neuer Tiefstand erreicht wurde, betonte der Senator. Die Zahlen für Mord und Totschlag haben demzufolge stark abgenommen; ebenso wie Sexualdelikte oder Gewalt in Bussen und Bahnen. "Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Gewalttat zu werden, hat sich gegenüber dem Jahr 2007 praktisch halbiert", betonte Henkel. Einzige Außnahme in diesem Bereich ist rechte Gewalt. Hier stieg die Gesamtzahl der Straftaten im vergangenen Jahr an, wie aus dem ebenfalls am Freitag vorgestellten Bericht Politisch Motivierter Kriminalität hervorgeht.

Gewalttaten auf Zehn-Jahres-Tief

Der Innensenator und Polizeipräsident Klaus Kandt waren sich bei der Vorstellung der Kriminalitätsstatistik einig, dass die Zahlen den nachhaltigen Erfolg intensiver Polizeiarbeit im Bereich der Gewalttaten zeigten. Sie offenbarten aber auch, wie sehr der chronische Personalmangel zu einem Anstieg krimineller Handlungen führt.

Kerstin Philipp, Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei sagte, es sei deutlich zu sehen, wie sinnvoll es ist, Kriminellen mit viel Personal entgegenzutreten. In dem Bereich, in denen die Polizisten mit den "benötigten Kräften engagiert agieren können, spürt man klare Verbesserungen", so die Gewerkschafterin. Besonders zu erkennen, sei das bei so genannten Rohheitsdelikten durch Jugendgruppen, Raubtaten und der häuslichen Gewalt. Dort hätte man sogar Zehn-Jahres-Tiefstwerte registrieren können.

Robin Juhnke, innenpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, erklärte: "Die neue Polizeiliche Kriminalitätsstatistik zum Jahr 2015 zeigt deutlich, dass die von Berlins Innensenator Frank Henkel sowie der Führung der Berliner Polizei gesetzten Akzente bei der Bekämpfung der Gewaltkriminalität richtig waren und nun auch Erfolge zeigen." Mord, Totschlag, Rohheits- und Sexualdelikte hätten stark abgenommen. Berlin sei in dieser Hinsicht ein großes Stück sicherer geworden.

LKA und Einsatzhundertschaften haben gute Ideen

Bei Taschendiebstahl, Kellereinbrüchen und Ladendiebstahl offenbare sich jedoch der akute Personalmangel bei der Berliner Polizei. Gewerkschafterin Kerstin Philipp sagte: "Erklären Sie mal jemandem, der gerade bestohlen wurde und sich neben dem finanziellen Verlust auch noch mit der Neubeantragung sämtlicher Dokumente herumplagen muss, dass die Stadt sicherer geworden ist". LKA und Einsatzhundertschaften hätten gute Ideen, um "präventiv" und "repressiv" vorzugehen. "Die Strategien aber können noch so gut sein, wenn das nötige Personal fehlt, um sie in die Tat umzusetzen", sagt Philipp.

Gewalt gegen Polizisten muss ein Straftatbestand werden

Ein weiteres Problem sieht die Landesvorsitzende in der Vielzahl der Angriffe auf Polizeivollzugsbeamte. Erst am vergangenen Wochenende seien Polizisten mit Feuerlöschern, Gegenständen und Flaschen attackiert und 15 Beamte verletzt worden, weil sie ein Szenelokal durchsuchen wollten, in dem ein Mann verprügelt wurde. Polizisten seien zur Wahrung der Sicherheit auf der Straße da. Auch sie müssten geschützt werden. "Gewalt gegen Polizisten muss endlich als Straftatbestand definiert werden", forderte Philipp.

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