Nächtlicher Autounfall auf dem Tauentzien (Quelle: rbb / Doris Anselm)

Raser in der Berliner City - Sie wollen doch nur Aufmerksamkeit

Anfang Februar starb ein 63-Jähriger Autofahrer auf dem Berliner Tauentzien: Ein junger Mann krachte bei einem illegalen Autorennen in den Wagen des unbeteiligten Opfers hinein - mit 150 und obwohl seine Ampel rot zeigte. Was kann die Polizei gegen diese "Profilierungsfahrer" tun? Marie Asmussen hat Antworten gesucht.

Ein Auto rast im Dunkeln auf einem ziemlich leeren Supermarktparkplatz herum. Immer wieder droht das Heck auszubrechen, aber der Fahrer beherrscht den hochmotorisierten Wagen, das kann man in diesem Video im Internet erkennen. Anders als der PS-Fan auf dem dunklen, leeren Parkplatz wollten die Unfallverursacher vom Tauentzien offenbar Live-Publikum. Sven Heinrich, Leiter für Verkehrssicherheit bei der Berliner Polizei, bezeichnet sie als "Profilierungsfahrer": Sie sind in teuren, technisch und optisch aufgemotzten Autos unterwegs und wollen gesehen und gehört werden. "Auffallen, Fußgänger ein bisschen erschrecken und natürlich sich hervorheben aus der Masse der anderen Verkehrsteilnehmer." Meistens seien das recht junge Leute zwischen 18 und 24 Jahren, und vor allem junge Männer mit Migrationshintergrund, sagt Heinrich.

Erklärte Lieblingsstrecke ist der Kurfürstendamm, da lassen es die "Profilierungsfahrer" bei kurzen Sprints richtig röhren. Bei einer Schwerpunktaktion im letzten Sommer kassierten die Beamten dort immerhin zwanzig Autos wegen diverser technischer Mängel: Auspuffanlage, Bremsen, Fahrgestell, vieles umgebaut und so nicht zulässig, sagt Heinrich. Die Fahrzeuge werden sichergestellt, ein Gutachten erstellt, und eine neue Zulassung gibt es erst, wenn die Mängel beseitigt sind. Für die Fahrzeughalter ist das ein teurer Spaß: Sie müssen die Gutachten bezahlen, die Beseitigung der Mängel und die Wiederzulassung.

Konspirative Vorbereitungen - die Polizei kommt oft zu spät

Bei der Aktion im letzten Sommer hatte die Polizei nicht nur die Autos im Visier sondern auch deren Fahrer. Ein 21-Jähriger verlor bei der Überprüfung seinen Führerschein: "Er hat besonders häufig gegen Verkehrsvorschriften verstoßen und war gegenüber der Polizei völlig uneinsichtig und aggressiv", sagt Heinrich. "Da muss man sich natürlich die Frage stellen, ob so ein junger Mensch überhaupt geeignet ist, ein 320-PS starkes Auto durch die Gegend zu fahren."

Auch anderswo in der Stadt liefern sich diese sozial und vielleicht auch psychisch gestörten Automobilsten und andere Raser teils lebensgefährliche Rennen. Gelegentlich werden sie dabei von der Polizei erwischt, allerdings längst nicht immer. Es sei einfach schwierig herauszubekommen, wann und wo genau diese Rennen stattfinden, meint Verkehrssicherheitsleiter Heinrich: "Die Verabredungen laufen sehr konspirativ und da kommen wir häufig auch zu spät, muss man ehrlich zugeben." Die Polizei könne immer nur hoffen, dass nichts passiert.

Cartuning - ein Geschäftszweig für sich

Es gibt in der Stadt aber auch andere, für die das Auto mehr ist als ein bloßes Fortbewegungsmittel: Die Mitglieder der Tuning-Szene. Die konzentrieren sich vor allem darauf, ihre geliebten fahrbaren Untersätze optisch zu verschönern und technisch zu optimieren. Stress mit der Polizei haben sie eher selten.

Tuning und Carstyling kann man auch in Werkstätten in Auftrag geben. Florian Haase betreibt so eine in Adlershof: Neben normalen Reparaturen übernimmt seine Werkstatt auch Verschönerungsmaßnahmen im Sinne der Kunden - vor allem Fahrwerkstechnik, erklärt der 38-Jährige: Wir legen ein Fahrzeug ein bisschen tiefer, wir machen es auch schneller, wir machen andere Abgassysteme ran und so weiter, so dass der Kunde mit seinen individuellen Vorstellungen nachher glücklich ist." Und durch den TÜV kommt er nach den kosmetischen Maßnahmen von Florian Haase mit seinem Auto dann auch noch.

Röhrende Auspuffgeräusche in der Fahrerkabine

Im Werkstattbüro liegen als Hingucker ein paar blitzblanke dicke Auspuffrohre im Regal. Außerdem im Angebot sind Abgasanlagen, deren Sound man beim Fahren per Knopfdruck verändern kann. Mal lauter, mal leiser - wie es gerade passt. Der letzte Schrei sind Lautsprechersysteme, die Auspuffgeräusche in den Innenraum projizieren. Damit hört sich das Auto für den Fahrer selbst sportlicher an, selbst wenn er gleichzeitig im Elektroauto fast lautlos durch die Stadt schnurrt. Röhren lassen wie beim Zwölfzylinder – aber rückstandsfrei und ohne Gestank.

Ob das die Kudamm-Raser befriedigen würde, sei dahingestellt. Von denen kommen aber auch welche in Haases Werkstatt, was den nicht gerade begeistert: "Davor ist man nicht gefeit. Das sind einfach auch Leute, die wenig Hirn haben." Wenn man ein Fahrzeug so sehr getunt habe wie die, dann sollte man damit auch da fahren, wo das ginge, meint Haase. Der Mechaniker denkt dabei an den Lausitzring oder den Sachsenríng: "Der Kudamm ist wirklich der falsche Ort dafür."

Oberstes Ziel ist Aufmerksamkeit erregen

Wer das nicht begreift, dessen Führerschein ist wahrscheinlich irgendwann einmal weg. Um ihn nach Ablauf der Sperrfrist zurückzubekommen, müssen die Verkehrsrowdies dann zur medizinisch-psychologischen Untersuchung, besser bekannt als "Idiotentest". Dort werden sie medizinisch gecheckt und von Psychologen befragt. Der Verkehrspsychologe Helmuth Thielebeule bereitet Kandidaten auf diese Untersuchungen vor. Er arbeitet mit ihnen an der Einstellung zu sich selbst, zum Auto und zu anderen Verkehrsteilnehmern.

Thielebeule glaubt, dass die "Profilierungsfahrer" bei ihren lautstarken Wettrennen auf dem Ku'damm genau das bekommen, was sie sich am meisten wünschen: Aufmerksamkeit. Denn wenn das Auto eine bestimmte Farbe hat oder laut röhrt, dann drehen sich die Leute um, sagt der Psychologe: "Wenn der Fahrer selbst über die Straße geht würde sich kein Mensch umgucken. Und das merkt der." Und deshalb will er diese Aufmerksamkeit immer wieder, um fast jeden Preis.

Einen Konflikt auch mal verbal lösen

Eine Therapie beim Verkehrspsychologen dauert normalerweise zwei bis drei Monate, bei schweren Fällen auch länger. Zwischen den wöchentlichen Sitzungen müssen die Klienten konkrete Aufgaben erledigen. Zum Beispiel: Konfliktgespräche führen.

"Also nicht gleich raufhauen oder fluchen, sondern lernen, einen Konflikt vielleicht einmal verbal zu lösen", meint Thielebeule. "Je nachdem, wie er darüber berichtet merken sie sehr schnell, ob er dieses Konfliktgespräch geführt hat oder nicht oder welche Probleme er damit hat."

Am Ende könne die Therapie nur funktionieren, wenn der Patient begreife, warum er dort sei, sagt der Psychologe. Wenn sich der zu Therapierende nicht bewege, merke er das spätestens nach der vierten Sitzung, sagt Thielebeule: "Dann brechen wir das ab."

Führerscheinentzug auf Lebenszeit gibt es nicht

Für diese Kandidaten ist es dann schwer, ein positives medizinisch-psychologisches Gutachten zu bekommen – und damit die Fahrerlaubnis zurückzubekommen.

Aber sie können es später nochmal versuchen. Einen Führerscheinentzug auf Lebenszeit gibt es in Deutschland nicht - auch nicht für notorische Raser oder Profilierungsfahrer.

Beitrag von Marie Asmussen

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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