Am 15.03.2016 wurde durch einen Sprengsatz ein VW Passat zerstört. Der Fahrer starb an der Unfallstelle (Quelle: imago/Stefan Zeitz)
Video: Abendschau | 16.03.2016 | Kerstin Breinig

43-jähriges Opfer polizeibekannt - Mordanschlag war möglicherweise Racheakt im Drogenmilieu

Einen Tag nach dem Bombenanschlag auf ein Auto in Berlin-Charlottenburg vermuten die Ermittler eine Auseinandersetzung im Kokainhandel als Tatmotiv. Die Staatsanwaltschaft hat am Mittwoch auch erklärt: Der 43-Jährige hat bereits eine Haftstrafe in Polen abgesessen. Die Obduktion ergab, dass er verblutet ist.

Nach dem Tod eines Autofahrers durch einen Sprengsatz in Berlin vermuten die Ermittler einen Racheakt im Drogenmilieu. "Wir gehen davon aus, dass der Hintergrund im Bereich des Kokainhandels lag", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, am Mittwoch.

Der Ermittlungsbehörde zufolge war der 43-Jährige wegen Drogen- und Falschgelddelikten sowie illegalen Glücksspiels bei der Polizei bekannt. Zudem soll der Mann vor einiger Zeit in Polen wegen eines Drogendelikts inhaftiert gewesen sein.

Opfer erlitt Explosionstrauma und verblutete

Mehrere Medien berichteten zuvor unter Berufung auf Ermittlerkreise, dass es bei dem möglichen Racheakt um ein verpatztes Drogen-Geschäft gegangen sein könnte. Der Anschlag könne auch einem daran beteiligten Freund des Opfers gegolten haben, denn der Getötete war nicht der Halter des Wagens. Das bestätigte die Staatsanwaltschaft allerdings nicht. "Wir haben keine konkreten
Hinweise darauf, dass jemand anderes im Visier stand."

Desweiteren ergab die Obduktion, dass der 43-Jährige an einem Explosionstrauma starb, wie der Behördensprecher rbb online weiter mitteilte. Die Beine wurden durch die Bombe so schwer verletzt, dass er verblutete.

Am Mittwoch begannen Ermittler, Menschen aus dem Umfeld des Opfers und Zeugen des Vorfalls zu vernehmen. In dessen Wohnung wurde der Staatsanwaltschaft zufolge nichts gefunden, was sie "substanziell weiterbringen würde". Ein terroristischer oder rechtsextremistischer Hintergrund wurde aber ausgeschlossen.

Der Abgeordnete Christopher Lauer teilte indes mit, dass er es falsch finde, nicht weiter in Richtung eines rechtsterroristischen Hintergrunds zu ermitteln. "Auch bei den sogenannten Dönermorden gingen Ermittler über zehn Jahre davon aus, dass es sich um Straftaten im Bereich der organisierten Kriminalität handelt", heißt es in einer Mitteilung.

"Die Täter wollten ein Zeichen setzen"

Ob es sich um Kriminalität im Rockermilieu, bei Großfamilien oder im Bereich der sogenannten Russenmafia handelt, könne man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, sagte Kriminalhauptkommissar Norbert Cioma am Mittwoch im rbb. Mehrere Tätergruppen kämen in Betracht.

Auffällig sei, dass der Anschlag am helllichten Tag auf einer sehr belebten Straße verübt worden sei, sagte Cioma. Die Täter hätten bewusst die Öffentlichkeit gesucht. Damit hätten sie ein Zeichen gesetzt und zeigen wollen: 'Seht, wir haben keine Angst!', so der Ermittler.

"Schwer im Milieu der Organisierten Kriminalität zu ermitteln"

Es heiße, das Opfer habe bei der Polizei ausgesagt und sei "deswegen abgestraft" worden, sagte der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, André Schulz, im ZDF-Morgenmagazin.

Schulz zufolge ist es jedoch schwer, im Milieu der Organisierten Kriminalität zu ermitteln, da die Beamten in "abgeschottete Welten" eindringen müssten. Dazu fehle es an Personal. Laut Statistik gebe es jedes Jahr in Deutschland etwa 600 Fälle Organisierter Kriminalität. Das heiße aber nicht, dass es nur 600 Fälle gibt, sondern dass bei dieser Zahl "die Kapazitätsgrenze der Polizei" erreicht sei.

SPD fordert effizienteren Einsatz der Polizei

Der SPD-Abgeordnete Tom Schreiber hat angesichts des Mordanschlags eine verstärkte Bekämpfung der Organisierten Kriminalität in Berlin gefordert. "Eine Autobombe mitten im Berufsverkehr zu zünden – das ist eine neue Qualität", sagte Schreiber der "Berliner Morgenpost". Er forderte einen effizienteren Einsatz der Polizei: Es sei unklug, seit einem Dreivierteljahr Polizisten im Görlitzer Park Kleindealern hinterherjagen zu lassen.

"Wir brauchen die Einsatzhundertschaften und die Bereitschaftspolizei im Kampf gegen die organisierte Kriminalität.", so Schreiber weiter. Zudem fehle es an sehenden Augen vor Ort, verdeckten Ermittlern und Observationskräfte.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hatte sich am Dienstag erleichtert gezeigt, dass es sich "wohl um kein Anschlagsszenario" handelt. Nach derzeitigen Erkenntnissen habe die Tat auch kein politisches Motiv, sagte Müller während der Senats-Pressekonferenz.

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Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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