Urnengräber auf dem Gräberfeld des Neuen Zwölf-Apostel-Friedhofs in Berlin-Schhöneberg (Quelle: rbb/Nele Haring)

Sozialbestattungen in Berlin - Wenig Spielraum für die Würde

Auf Berliner Friedhöfen dehnen sich Urnenfelder - anonyme Bestattungen waren lange Zeit sehr in Mode. Nicht immer aber ist es freiwillg, wenn jemand irgendwo unter dem grünen Rasen begraben wird, sondern es ist auch eine Frage des Geldes. Immerhin gibt es Leute die versuchen, arme Menschen nach dem Tod vor dem Vergessen zu bewahren. Von Nele Haring

Peter Scheller war 77, als er starb. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in einem Männerwohnheim in der Kreuzberger Nostitzstraße, vorher lebte er Jahrzehnte auf der Straße. Beigesetzt ist Scheller in einem Urnen-Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof am Halleschen Tor. Familie kam wenig zu seiner Beerdigung, dafür gaben ihm zum Abschied viele Weggefährten das letzte Geleit.

Gemeinschafts-Urnengrab auf dem Friedhof am Halleschen Tor, Berlin-Kreuzber (Quelle: rbb/Nele Haring)
Das Gemeinschafts-Urnengrab auf dem Friedhof am HalleschenTor in Berlin-Kreuzberg. Hier bestattet die Kirchengemeinde Heiligkreuz-Passion obdachlose Menschen.

Schellers Name ist der letzte von 39, die auf dem marmornen Grabstein an der Friedhofsmauer eingraviert sind. Dass er hier begraben wurde, dass es eine Trauerfeier gab und dass sein Name an ihn erinnert, liegt an der Initiative der Kirchengemeinde Heiligkreuz-Passion. Die hat das Gemeinschaftsgrab vor 14 Jahren gekauft und lässt dort mittellose Menschen bestatten, die von der Gemeinde betreut wurden.

Christine Pförtner, Koordinatorin der Obdachlosenarbeit in der Kirchengemeinde Heiligkreuz-Passion, Berlin Kreuzberg (Quelle: rbb/Nele Haring)
Christiane Pförtner koordiniert die Obdachlosenarbeit der Kirchengemeinde Heiligkreuz-Passion

Die Menschen sollen gesehen werden

"Wir wollen, dass diese Menschen in der Gesellschaft gesehen werden", erklärt Christiane Pförtner das Anliegen, "und zwar auch nach dem Tod." Pförtner koordiniert die Obdachlosenarbeit der Gemeinde. Sozialarbeiterinnen kümmern sich um Anträge und Formalitäten, damit das Sozialamt die 750 Euro bewilligen kann, die Bedürftigen in Berlin für eine Bestattung zustehen. Normalerweise stellen die Hinterbliebenen diese Anträge, im Fall von Obdachlosen geschieht das aber sehr selten. Für eine würdige Feier mit Blumen, Musik und Aussegnung in der Kapelle legt die Gemeinde noch was drauf. Die 275 Euro für die Namensgravur kommen über Spenden herein, die Christiane Pförtner sammelt. Denn eine namentliche Kennzeichnung des Grabes ist nicht drin bei  Sozialbestattungen.

"Arme Menschen haben nicht die Wahl"

"Ich führe immer mal wieder Diskussionen mit Leuten, die sagen: Wo ist denn das Problem, ich will mich doch auch anonym bestatten lassen", erzählt Christiane Pförtner. "Dann sage ich: Aber Sie haben die freie Wahl, arme Menschen haben die nicht."

Wenn die Gemeinde nicht wäre, wäre Peter Scheller wohl "ordnungsrechtlich" bestattet worden – anonym, unter Rasen, auf dem Friedhof mit den niedrigsten Gebühren. Das ist die billigste Form der Sozialbestattung, sie greift in den Fällen, in denen keine Hinterbliebenen ermittelt werden können und in denen niemand einen Antrag auf Sozialbestattung stellt. Der Bezirk Kreuzberg zahlt dafür pro Todesfall 135 Euro an den Bestatter. Das reicht noch nicht einmal für eine Urne, sondern nur für eine einfache "Aschekapsel".

Begriffsklärung

Sozialbestattung nach Par. XII SGB

Die Kosten für eine Bestattung können vom Sozialamt übernommen werden, wenn der Verstorbene dafür nicht genügend Geld hatte und auch die Bestattungspflichtigen (in der Regel die Hinterbliebenen) nicht über genügend Mittel verfügen. Sie müssen dann einen Antrag auf Kostenübernahme stellen.

Die Regelung findet sich im Sozialgesetzbuch, Par. XII

Bei dieser Form der Sozialbestattung kann der Friedhof selbst gewählt werden. Auch  Erdbestattung ist möglich. Eine namentliche Kennzeichnung des Grabes wird nicht finanziert.

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Ordnungsrechtliche Bestattung

Falls keine Hinterbliebenen oder sonstige Bestattungspflichtigen ermittelt werden können, wird der Verstorbene ordnungsrechtlich bestattet. Das bedeutet Einäscherung und anonyme Bestattung, meistens auf einem Urnenfeld. Bestattungsunternehmen und Friedhof bestimmt der Bezirk, entscheidend ist der Preis.  

Harter Preiskampf im Bestattergewerbe

Die ordnungsrechtlichen Bestattungen werden vom Bezirk per Ausschreibung für jeweils ein Jahr vergeben, den Zuschlag erhält das billigste Unternehmen. Der Markt ist hart umkämpft, in Berlin gibt es eigentlich zu viele Bestatter, sagt Fabian Lenzen von der Bestatterinnung Berlin-Brandenburg.

Auch er habe sich einmal für diesen Auftrag beworben, sagt Lenzen: "Aber den Zuschlag habe ich nicht bekommen." Als er erfuhr, was das Amt zahlt, war ihm alles klar: "In diesen Wettbewerb möchte ich mich nicht begeben." Was eine Bestattung sonst im Schnitt kostet? Schwer zu sagen, sagt Lenzen. Aber 2.000 Euro kämen da schnell zusammen. Schließlich sei es mit der Beerdigung allein nicht getan. Hinzu komme beispielsweise die Überführung und die Herrichtung des Verstorbenen, und auch die Betreuung der Hinterbliebenen gehöre bis zu einem gewissen Grad zu den Aufgaben eines Bestatters. Das alles brauche Zeit und Ruhe.

Wissen, wo der Verstorbene beigesetzt wurde

Bei 135 Euro bleibt wohl nicht viel Spielraum für eine würdevolle Bestattung. Die Aschekapseln werden im Dutzend aus dem Krematorium abgeholt und unter den Rasen gebracht. An einen Aushang oder eine Trauerfeier ist gar nicht zu denken. "Das ist fatal", sagt Margret Burhoff von der Zwölf-Apostel-Gemeinde in Schöneberg. "Für Hinterbliebene ist es enorm wichtig, sich zu verabschieden und zu wissen, wo der Verstorbene beigesetzt wurde."

Um diese Situationen zu vermeiden, haben auch andere Gemeinden die Initiative ergriffen. Die Suppenküche der Kirchengemeinde St. Marien beispielsweise unterhält eine Grabstelle auf dem Parochialfriedhof an der Landsberger Allee. Dort werden Obdachlose bestattet, die zuvor in der Suppenküche betreut wurden. Die evangelische Kirche hat mittlerweile auch eine Handreichung für Kirchengemeinden zum Thema Sozialbestattungen herausgegeben.

Urnenfeld auf dem Neuen Zwölf-Apostel-Friedhof in Berlin-Schöneberg (Quelle: rbb/Nele Haring)
Urnenfeld auf dem Neuen Zwölf-Apostel-Friedhof in Berlin-Schöneberg. Die Namensschildchen auf den Steinplatten müssen bei Sozialbestattungen selbst finanziert werden - oftmals sammeln Freunde der Verstorbenen dafür.

Sozialbestattungsboom nach 2004

Zum Massenphänomen wurden die Sozialbestattungen ab 2004. Damals strichen die gesetzlichen Krankenkassen das Sterbegeld aus ihrem Leistungskatalog, und viele Menschen konnten nicht mehr für ihre Beerdigung aufkommen. In ganz Deutschland, und vor allem im armen Berlin, stieg daraufhin die Zahl der Sozialbestattungen nach Paragraph XII SGB sprunghaft an – und wuchs bis 2008 stetig weiter. Seitdem sinkt sie genauso konstant - und zwar in allen Bezirken, was angesichts der immer noch schwachen Berliner Sozialstatistik erstaunt.

"Seit 2008 werden die Rücklagen für die eigene Bestattung bis zu einem bestimmten Betrag als Vermögen nicht mehr angetastet", erklärt Monika Hebbinghaus von der Senatsverwaltung für Soziales. "Viele Menschen haben seitdem für ihre eigene Bestattung Vorsorge getroffen, solange sie noch nicht von Sozialhilfe betroffen waren." Das klingt schlüssig. Allerdings liegt die Anzahl der ordnungsrechtlichen Bestattungen in zahlreichen Bezirken ziemlich hoch – das ergab eine Anfrage im Abgeordnetenhaus. In Kreuzberg waren es in den vergangenen beiden Jahren doppelt so viele ordnungsrechtliche wie "normale" Sozialbestattungen.

Altersarmut ist in Kreuzberg ein Thema

Sozialstadtrat Knut Mildner-Spindler (Linke) aus Kreuzberg räumt ein, dass Altersarmut im Bezirk ein Thema ist, auch wenn Kreuzberg immer jünger wird.  Diese Einschätzung teilt die Heiligkreuz-Gemeinde. "Viele alte Menschen in unserer Gemeinde haben zwar noch eine Wohnung, aber sonst kaum Geld", meint Christine Pförtner. "Und viele trauen sich nicht, das zu sagen."

Auch die Zahl der Obdachlosen, die bei der Heiligkreuz-Gemeinde Schutz suchen, nimmt zu. Das Gemeinschaftsgrab am Halleschen Tor wird nicht mehr lange ausreichen. In den eineinhalb Jahren seit Peter Schellers Tod wurden hier schon wieder acht weitere Menschen bestattet, nur das Geld für die Inschriften fehlt noch. Aber die Gemeinde will  weitermachen: Mit Hilfe einer größeren Spende hat sie schon das nächste Gemeinschaftsgrab gekauft.

Beitrag von Nele Haring

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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