Saal 621 Landgericht Berlin (Quelle:rbb/Morling)

18-Jährige aus Berlin soll Großtante ermordet haben - "Ich hasse mein Leben"

Im Juli letzten Jahres wird eine 79-Jährige schrecklich zugerichtet in ihrer Wohnung in Berlin-Lankwitz gefunden. Sie ist mit 13 Hammerschlägen getötet worden. Jetzt steht eine junge Frau wegen Mordes vor dem Landgericht - die Rentnerin war ihre Großtante. Von Ulf Morling

Als die Feuerwehr mit Blaulicht vorfährt, wird sie von Sabrina S. erwartet: Die 18-Jährige steht mit blutbespritztem T-Shirt verloren am Straßenrand und führt die Feuerwehrleute in die Wohnung ihrer Großtante. Die Rettungskräfte finden im Wohnzimmer die Leiche der grausam zugerichteten Liselotte F. Die Leiche umklammert das Stuhlbein eines umgestürzten Hockers. An ihren Füßen liegt ein blutbeschmierter Hammer.

"Ich hatte so etwas wie einen Blackout"

Sabrina S. sitzt im Schlafzimmer ihrer Großtante auf dem Bett. Die Feuerwehrleute versuchen mit ihr ins Gespräch zu kommen. Sie habe einen Schock und sei gerade aufgewacht, berichtet sie. Sie habe sich zuvor mit der Tante gestritten. Der Hammer habe auf dem Tisch gelegen. Was danach geschah, wisse sie nicht mehr. Sie habe das Bewusstsein verloren. Als sie aufgewacht sei, habe die Tante regungslos in einer Blutlache gelegen. Sie habe die Feuerwehr mit ihrem Handy alarmiert.

Die 18-Jährige wird festgenommen und kommt in Untersuchungshaft. Die Berliner Staatsanwaltschaft klagt sie wegen heimtückischen Mordes an.

Geständnis und Tränen im Prozess

Nicht alle Zuschauer passen in den Gerichtssaal 817. Sabrina S. wird von Fotografen abgelichtet. Sie steht scheinbar gefasst, sehr schlank, mit Jeans und graumeliertem Pullover vor der Anklagebank. Ihre braunen Haare sind streng zum Pferdeschwanz gebunden. Sie sieht oft nach unten.

Die 9. Jugendkammer des Berliner Landgerichts tritt ein. Iris Berger ist eine erfahrene Richterin. Sie gilt als streng und einfühlsam. "Wir haben erst für übernächste Woche Zeugen geladen um genug Zeit zu haben, uns Frau S. zu widmen" sagt die Richterin. Sabrina S. atmet tief durch. Dann verliest sie ihr Geständnis. Am Ende weint sie.

Wollte Sabrina ihre Tante nur um Hilfe bitten?

"Ich war verzweifelt“, liest die Schülerin mit leiser Stimme vor. "Früher habe ich mich richtig gut mit Mutter verstanden!" Doch schon lange waren Mutter und Tochter wohl entzweit, auch weil die Großtante großen Einfluss in Erziehungsfragen auf die Mutter Sabrinas hatte und: weil Sabrina ihre eigenen Wege gehen wollte.

"Fleißig und engagiert" büffelte sie für ihr Abitur, so Verteidigerin Sylvia Frommhold. Doch der Ehrgeiz Sabrinas fand wenig Verständnis zu Hause: "Meine Mutter wollte, dass ich ausziehe. Sie war unnachgiebig. Ich wollte mich aber auf mein Abi konzentrieren. Ich wollte am Tattag meine Tante um Hilfe bitten, dass ich erst nach dem Abitur ausziehen muss."

"Scheiß Göre!"

Am Tattag gegen 11 Uhr soll Sabrina S. an der Wohnungstür der Großtante geklingelt haben. Zögerlich wurde sie von der 79-Jährigen eingelassen. Im Wohnzimmer soll die Schülerin dann plötzlich den zuvor im Bauhaus gekauften Schlosserhammer gezückt und immer wieder auf den Kopf der völlig überraschten Seniorin eingeschlagen haben. Ein klarer Mord für die Staatsanwaltschaft.

Sabrina S. hingegen beschreibt den Besuch bei der Großtante als einzige Erniedrigung: "Das geschieht Dir alles ganz recht", soll die Großtante zu ihr gesagt haben. Als "Scheiß Göre" soll die 79-Jährige sie beschimpft haben. Dann habe die Seniorin versucht, sie aus der Wohnung zu werfen. Da habe ihr Kopf gekocht, sie habe ein Stechen gespürt und nach hinten gegriffen, so die Angeklagte. Dort habe der Hammer auf einem Schränkchen gelegen. Sie habe auf die brüllende Großtante eingeschlagen.

Also doch kein heimtückischer Mord?

Keine Freunde, aber Disziplin

In den letzten Jahren hatte Sabrina S. gelernt, die Zähne zusammenzubeißen. Ihren Vater hat sie nie gekannt. Ihre Mutter soll stark von den Ansichten der Großtante abhängig gewesen sein. So wurde die Mutter-Tochter-Beziehung offenbar nachhaltig gestört.

S. musste allein für sich sorgen und nahm 20 Kilo ab. Sie arbeitete neben dem Abistress als Aushilfe an einer Tankstelle. Sie sehnte sich nach einem Freund, und machte einem Mitschüler Geschenke, damit er sich mit ihr abgab. Dann kam wohl alles zusammen: Ihre Mutter nahm ihr den Laptop weg, den sie fürs Abi brauchte und sie sollte ausziehen. Irgendwann notierte sie bei Whatsapp: "Ich hasse mein Leben." Zwei Wochen später geschah die Tat.

Mögliche Höchststrafe: 15 Jahre

Elf Verhandlungstage hat die Jugendkammer für den Prozess geplant. Am nächsten Prozesstag wird Sabrina S. weiter über die Tat und ihr Leben berichten. Auch ihre Mutter ist als Zeugin geladen.

Als Heranwachsende hat die Schülerin eine Höchststrafe von 15 Jahren wegen Mordes zu erwarten. Sollte auf Totschlag erkannt werden, könnte die Strafe erheblich niedriger sein.

Beitrag von Ulf Morling

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