Deutsche Bahn - Online Ticket - Im Aztec-Code (Matrixcode) des Tickets sind Informationen zu der gebuchten Fahrkarte gespeichert, aufgenommen am 24.08.14 (Quelle: imago / Rüdiger Wölk).

Betrügerischer Verkauf von Bahntickets vor Gericht - Betrug am Zug

Thiery I. war 2012 der erste, der in Deutschland in großem Stil mit gefälschten Bahntickets handelte. Seit Dienstag steht er wieder vor Gericht, wegen hohen Betruges. Jährlich soll die Bahn durch Ticketbetrug insgesamt acht bis zehn Millionen Euro Schaden haben, sagen Ermittler. Unterm Strich zahlen es die Kunden. Von Ulf Morling

Ein Internetportal für Mitfahrgelegenheiten, dort werden billige Fahrkarten der Bahn angeboten. Der Interessent teilt per Email die persönlichen Daten, den gewünschten Reisetag und das Ziel mit. Er zahlt einen Schnäppchenpreis - und kurz darauf landet das Onlineticket im Mailbriefkasten. Dann geht's in den Urlaub oder zu Freunden. Zwischen 2012 und 2014 soll es 1.686 Mal genau so passiert sein, arrangiert durch den mutmaßlichen Betrüger Thiery I.

"Es gibt ganz legale Onlineportale, in denen können Sie kostengünstig Bahntickets erwerben. Das sind sogenannte Rest- oder Kontingenttickets. Diese Tickets bieten Firmen an, die Tickets übrig haben. Dritte können die Fahrkarten dann online erwerben. Der Angeklagte soll das ausgenutzt haben. Sein Kundenkreis war ein Querschnitt der Gesellschaft: Von der Studentin, über die Oma bis zum Geschäftsreisenden. Sie alle haben die Tickets gutgläubig erworben", sagt der Staatsanwalt Marcus Hartmann. Er ist Fachmann in der Abteilung Organisierte IT-Kriminalität der Berliner Staatsanwaltschaft, die im August 2015 eingerichtet wurde.

Das Berliner Landgericht in der Littenstraße im Bezirk Mitte am 30.04.2013 (Quelle: dpa)

Dumpingpreis mit Millionenschaden

30 oder 60 Euro kosteten die Bahntickets, je nachdem, ob es eine einfache, oder Hin- und Rückfahrt sein sollten. Wenn der Betrüger die Mail der Interessenten mit deren Daten bekam, kaufte er auf der Onlineseite der Bahn die gewünschten Tickets. Zum Bezahlen nutzte der Täter gestohlene Daten von ahnungslosen Kreditkartenbesitzern.

Die Bahn bleibt dadurch auf Millionenschäden sitzen, auch im Fall Thiery I. Der Bahn-Anwalt Rainer Frank sagt: "Die Deutsche Bahn geht in diesem Komplex von einem Schaden von mehr als 700.000 Euro aus." Das Unternehmen wolle mit der Teilnahme am Prozess ein Zeichen setzen, dass es seine Schadenersatzforderungen durchsetze, "auch im Interesse der Bahnkunden."

Verhaftung auf Phuket

Jahrelang versuchten Spezialisten der Bundespolizei, gemeinsam mit den Berliner Kollegen, dem 33-jährigen Thiery I. auf die Spur zu kommen. Erst im September 2015 verhafteten ihn Zielfahnder in Thailand. Auf der Urlaubsinsel Phuket mit den weißen Sandstränden klickten die Handschellen.

"Das ist kein Einzelfall. Bundesweit gibt es diverse Gruppierungen, die mit Ticketbetrug Gelder generieren. Wir hatten in Berlin mehrere Verfahren, auch in Hamburg liefen einige Verfahren, wie im ganzen Bundesgebiet", sagt der Staatsanwalt Hartmann.

31 mutmaßliche Helfer beteiligt

Der Angeklagte hatte bis zu seiner Verhaftung laut Akte 31 Helfer, "Finanzagenten" genannt. Sie sollen insgesamt 33 Bankkonten eröffnet haben. Auf diesen Konten ging das Geld der Kunden für die von ihnen gekauften Bahntickets ein. Von dort aus wurde es nach Thailand geschleust. Über einen Tipp kam die Bundespolizei auf Thiery I.. Bis zu dessen Festnahme erhärtete sich ihr Verdacht.

Verstärkt versuchen Internetbetrüger in letzter Zeit, Flüchtlinge anzuwerben: Gegen Bargeld sollen die mit dem Leben in Deutschland nicht vertrauten Ausländer ihr Bankkonto zur Verfügung stellen. Dadurch wollen die Betrüger ihre kriminellen Geldströme verschleiern. Gegen solche "Finanzagenten" würden derzeit allein in Berlin Ermittlungen "in niedrigem zweistelligen Bereich" geführt, sagt Hartmann.

Mehr Online-Sicherheit bei der Bahn möglich?

Damit der Onlineticket-Betrug im Fall Thiery I. nicht sofort aufflog, hatten die Täter ausgespähte deutsche Kreditkarten zur Onlinezahlung benutzt. "Pro Kunde, dessen Konto unberechtigt belastet wurde, gab es einen Schaden zwischen 100 und 900 Euro. Die Kreditkarten wurden nach kurzer Zeit meistens gesperrt, wenn das Muster der Bezahlung vom sonst Üblichen abwich", sagt Hartmann.

2012 zählte die Bundespolizei 17.183 Verdachtsfälle von Onlineticket-Betrug. Ein Jahr später waren es bereits knapp 28.000. Ermittler aus dem Bereich des Internetbetruges berichteten am Rande des Prozesses, dass es für die Bahn zusätzliche Möglichkeiten gäbe, Betrug mit Online-Tickets besser zu verhindern: Die zwingende Angabe einer PIN, die nicht auf einer Kreditkarte vermerkt sei, böte viel weniger Möglichkeiten des Missbrauchs.

Bei Geständnis: Knast

Ein erster Prozessanlauf scheiterte im März 2016. Für die neue Verhandlung am Landgericht Berlin gegen den wegen Betruges Vorbestraften sind 24 Tage vorgesehen. Am ersten Prozesstag am Dienstag schweigt der Angeklagte zu den Vorwürfen. Ob die Ermittlungen der Bundespolizei zu einer Verurteilung ausreichen, ist fraglich. Denn: I., seine mutmaßlichen Helfer und die Bahnticket-Kunden hatten nie persönlich, sondern immer nur übers Internet miteinander Kontakt. Ob die Indizien ausreichen, muss das Gericht entscheiden.  

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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