Collage - links oben: Demonstration gegen Berliner Hundeverbot, Mitte oben: ein voller Berliner Mülleimer, links unten: eine Berliner S-Bahn, Mitte unten: Marihuanafund im Görlitzer Park, rechts: BER-Baustelle (Quelle alle: dpa)
Video: rbb Doku & Reportage | 15.03.2016 | "Die zehn größten Aufreger Berlins"

Zehn Punkte, die die Berliner wahnsinnig machen - Die Berliner Nervliste

Berlin könnte eigentlich regelmäßig einen Jubel-Newsletter rausbringen. Zehntausende Neuberliner und Millionen Touristen jedes Jahr, Hertha BSC könnte bald in der Champions League spielen - wenn da nur nicht die anderen Probleme wären. Der rbb und Infratest Dimap haben die Berliner gefragt, was ihnen am meisten auf den Zünder geht.

Chaotische Zustände bei der Registrierung und Unterbringung von Flüchtlingen, Millionenverschwendung beim BER und anderen Großprojekten. Die S-Bahn läuft wegen defekter Wagen, gestörter Signale und Weichen immer noch nicht rund. Obwohl es die Welt nach Berlin zieht, hat die Stadt dennoch einen schlechten Ruf. Bundesweit macht sie Negativschlagzeilen als "dreckigste Stadt Deutschlands", "größte Geldvernichtungsmaschine" und "failed city".  

Amüsiert sich Bolle dennoch oder hadern die Berliner selbst mit ihrer Stadt? Der rbb hat in Zusammenarbeit mit Infratest Dimap repräsentativ gefragt, was die Hauptstädter auf die Palme bringt. Am Pranger stehen die üblichen Verdächtigen, nur einen Neuzugang in der Top-Ten-Liste gibt es zu vermelden: das Lageso. Und das hat sich seinen Platz redlich verdient.

Platz 10: S-Bahn

Wenn sie kommt und pünktlich fährt, sind eigentlich alle zufrieden. Aber wehe, es gibt einen Kabelbrand, eine Notarzteinsatz, die Lokführer streiken oder es hat geschneit. Die Berliner S-Bahn hat Aufreger-Potenzial. Wenn sie nicht fährt oder zu spät kommt, drehen die Passagiere durch.  

Die Zuverlässigkeit der S-Bahn ist wohl der Gier modernen Manager zum Opfer gefallen. Zeitweise stehen hunderte Züge kaputtgespart auf dem Abstellgleis. Dabei stand am Anfang ein großer Traum: Der einst unter Kanzler Gerhard Schröder und Bahnchef Hartmut Mehdorn geplante Börsengang der Deutschen Bahn. Ein Staatskonzern als neoliberaler Leuchtturm. Statt ums Gemeinwohl geht’s vor allem um Gewinne.

Vier Chaos-Winter in Folge - zeitweise werden ganze Stadtteile vom S-Bahn-Netz abgekoppelt. Politisch mehr und mehr unter Druck, kündigt der Senat an, einen Teil des S-Bahn-Netzes nun auch für die Bahn-Konkurrenz auszuschreiben. Doch wieder sind die Probleme auch Politik-gemacht. Denn weil das Ausschreibungsverfahren immer komplizierter wird und sich über Jahre hinzieht, springen nach und nach alle Interessenten ab. Bis auf die, die einst das Chaos verursachten: Die Deutsche Bahn und ihr Tochterunternehmen S-Bahn, die nun feierlich den Auftrag erhalten.  

Damit hat sich die S-Bahn Platz zehn der häufigsten Aufreger Berlins gesichert.  

Platz 9: Drogen

Alltag im Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg. Dealen scheint ganz selbstverständlich. Manche nennen den Park einen rechtsfreien Raum und das mitten im Szene-Kiez. Marihuana, Kokain, Speed oder Crystal Meth wechseln die Besitzer, auch direkt neben dem Kinderspielplatz.

Versuche der Polizei, den Drogenhandel hier zu beenden, laufen ins Leere. Zwar wird auf Anordnung der Innenverwaltung eine "Task Force" gebildet und der Görlitzer Park zur "Null-Toleranz-Zone" erklärt. Jeglicher Besitz von Drogen, auch kleinste Mengen Haschisch, sind hier nun strafbar.

Man hat immer gedacht, na gut so bisschen gehört es zur Folklore, ein bisschen Laissez-faire, wir sind ja eine liberale Stadt. Solange bis die Anwohner gesagt haben: 'Uns reicht es, wir können damit nicht mehr leben.'

Lorenz Maroldt, Chefredakteur Tagesspiegel

Drogendeals in die Nebenstraßen verlagert

Laut Polizei wird im Park selbst jetzt weniger mit Drogen gedealt, dafür umso mehr in den Nebenstraßen und an den U-Bahnhöfen in der Nähe.

Bei Dreharbeiten mit versteckter Kamera am Görlitzer Bahnhof wird den Passanten ständig Drogen angeboten. Es ist ein Katz- und Maus-Spiel zwischen Polizei und Dealern.  

Bezirksbürgermeisterin Monika Hermann beantragt einen umstrittenen Modellversuch zur legalen Abgabe von Cannabis. So soll der Schwarzmarkt bekämpft werden. Aber Hermann scheitert – Antrag abgelehnt. Die Diskussion gärt weiter.

Und so wird an altbekannten Hot-Spots weiter gedealt: dem Kottbusser Tor, in den U-Bahnhöfen oder an neuen Szenetreffs rund ums RAW-Gelände in Friedrichshain. Treffpunkt hauptsächlich für neu Zugezogene und Touristen -  unter ihnen auch Abnehmer von Drogen aller Art.

Dass die Polizei gelegentlich vorbeikommt, kann Drogendealer und -käufer nur kurzfristig vertreiben. Eine langfristige und nachhaltige Strategie gibt es nicht, solange man die Ursachen nicht in den Griff bekommt.

Deshalb sind die Drogen auf Platz neun der Aufreger-Liste Berlins gelandet.

Platz 8: Kriminalität

Auf Platz acht der zehn größten Aufreger Berlins schafft es die Gewalt und Kriminalität in der Stadt. Immer brutaler schlagen organisierte Banden zu, räumen reihenweise Läden leer. Auch die Zahl der Einbrüche in Häuser und Wohnungen ist auf einem historischen Hoch. Ebenso die Zahl der Taschendiebstähle, denen besonders häufig Touristen zum Opfer fallen.

Tatsächlich ist Berlin für Ganoven auch deshalb attraktiv, weil die Polizei über Jahre drastischen Stellenabbau erlebte. Ob Schutz- oder Kriminalpolizei – es fehlt vielerorts an Personal, sodass die Chancen für Kriminelle groß sind, ungestraft davon zu kommen.  

Obwohl Berlin Regierungssitz ist, die Polizei sowohl diplomatische Einrichtungen als auch Bürger schützen muss, ist die Ausstattung der Berliner Polizei oft schlechter als bei ihren Kollegen in der Provinz.

Digitalfunk unzuverlässig - Schießstände marode

Jahrelang musste darüber gestritten werden, bis Berliner Beamte standardmäßig mit Schutzwesten ausgestattet wurden. Der Digitalfunk klappt manchmal so schlecht, dass Polizisten im Einsatz auf private Handys zurückgreifen müssen.

Obwohl Geheimdienste vor terroristischen Anschlägen warnen, laufen Hauptstadtpolizisten Gefahr, das Schießen zu verlernen. Denn rund zwei Drittel der Trainingsanlagen sind marode oder so schadstoffbelastet, dass dort nicht mehr geübt werden darf. Dies in Zeiten, in denen in Europäischen Hauptstädten islamistische Terroristen durch Anschläge Angst und Schrecken verbreiten, in Zeiten, in denen IS-Kämpfer mutmaßlich auch nach Berlin kommen.

Zudem leben mittlerweile rund 50 Rückkehrer aus den IS-Kampfgebieten in der Stadt, viele frustriert, viele brutalisiert. Für die Rund-um-die-Uhr-Überwachung fehlt das Personal. Berlins Staatsschützer können sich nur auf wenige Fälle konzentrieren.  

Zwar gibt es nach einem Jahrzehnt des Sparens nun erstmals wieder neue Stellen bei der Polizei und zusätzliche Millionen für Ausrüstung. Doch die Zahl der IS-Heimkehrer steigt stetig, die der Straftaten insgesamt ebenso.  

Platz 7: Hundehaufen

In Berlin leben geschätzt 100.000 bis 150.000 Hunde. Wie viele es wirklich sind, weiß niemand so genau. Aber das, was hinten raus kommt, kennt jeder. Rund 330.000 Hundehaufen, macht 55 Tonnen Kacke – pro Tag. Die Hinterlassenschaften sind ein Berliner Dauerbrenner.

Dabei gibt es doch mehr oder weniger originelle Möglichkeiten. Nach Kotaufsaugmaschinen in den 80er Jahren folgten Tütchenspender hier und da. Auch mit immer neuen Kunstaktionen wird Berlin der Lage nicht Herr. Obwohl die Neon-Kacke wirklich nicht zu übersehen ist, hilft es nur bedingt. Vielen Hundebesitzern ist der Dreck einfach scheißegal.

Das Bezirksamt Mitte holte sich vor lauter Frust Schützenhilfe aus Österreich und der Schweiz. Ein Sackerl für jedes Kackerl und mehr Geld von der Stadt. Aber Berlin ist nicht Wien. Der nächste Versuch des Senats war der Bello-Dialog.

Am runden Tisch saßen Hundebesitzer und Hundegegner, um sich für ein friedliches Miteinander und weniger Kacke zu arrangieren. Es wurden Maßnahmen vereinbart wie Hundeführerscheine,  Häufchen-Aufnahmepflicht für Herrchen und Frauchen und Leinenzwang. Allerding kann Zuwiderhandlung nur geahndet werden, wenn Hund und Besitzer in flagranti erwischt werden. Am Personal für die Kontrollen mangelt es außerdem, ebenso wie an der Anzahl der Tüten.

Platz 7 hat der Berliner mit seinem ausscheidenden Hund in der Umfrage der nervigsten Aufreger sicher.

Platz 6: Lageso

Lageso - diese drei Silben sind inzwischen deutschlandweit, gar international bekannt und gelten als Synonym für das Versagen Berliner Behörden. Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) ist für Flüchtlinge oft weder gesund, noch sozial.

Über Monate immer wieder das gleiche Bild. Tag für Tag, bei jedem Wetter, stehen Hunderte vor der Behörde in Berlin Moabit, um Obdach, Geld fürs Essen oder medizinische Versorgung zu bekommen. Schon in der Nacht beginnt das oft vergebliche Warten. Denn ob die Flüchtlinge einen Termin haben oder nicht, meist bekommen sie statt Hostelgutschein oder Geld maximal einen neuen Termin.

Täglich klagen Geflüchtete vor dem Sozialgericht und bekommen dort meist Recht gegen eine Behörde, die so unfähig ist, dass das ganze Land fassungslos ist.

Nach Wochen des Wartens drohen im Herbst zwei Asylbewerber, sich aus dem zehnten Stock des Lageso in die Tiefe zu stürzen. Immer wieder prügeln überforderte Sicherheitsmänner auf Asylbewerber ein. Auch gibt es Korruptionsverdachtsfälle.  

Wo der Staat versagt, verhindern Ehrenamtliche ein humanitäres Desaster. Sie verteilen Lebensmittel und Kleidung. Freiwillige Ärzte organisieren über Monate die medizinische Versorgung, bis sie im Herbst angesichts zunehmender Flüchtlingszahlen Alarm schlagen.

Am Lageso zerbricht beinahe die rot-schwarze Berliner Koalition, am Ende bleibt der Senator, der die Lage nicht in den Griff bekommt, und der Lageso-Chef muss gehen.

Nun sollen Berater von McKinsey das Lageso retten, doch es wird weiter gewurstelt wie bisher. Zeitweise sind in der Leistungsabteilung mehr als die Hälfte der Mitarbeiter krank.

Ein Schichtbetrieb, wie er zum Beispiel in Bayern normal ist, verhindert vorübergehend die Personalvertretung. Nur zäh gelingt der Versuch, willige Mitarbeiter anderer Dienststellen als Verstärkung heranzuziehen.

An der Lageso-Krise zeigen sich mangelnde Flexibilität und leistungsfeindliche Strukturen des öffentlichen Dienstes insgesamt. Damit haben sie die drei Silben souverän an den sechsten Platz der Nervliste der Berliner vorgearbeitet.  

Platz 5: Steigende Mieten

Auf Platz Nummer fünf ärgern sich die Berliner über ständig steigende Mieten. "Runter mit der Miete" ist eine Forderung, die viele auf die Straße treibt. Die Menschen haben Angst, ihr Zuhause zu verlieren, verdrängt zu werden aus dem Kiez, den sie lieben. Aus allen Stadtteilen häufen sich die Hilferufe. So klagen vielen Anwohner über sanierungswütige Vermieter.

Manche Projektentwickler lassen sich richtig was einfallen. Da kann’s schon mal passieren, dass monatelang eine Plane die Sicht verdeckt. Im Mieter-Slang: Schikane-Plane.  

Berlin wird immer attraktiver, deutschlandweit, auch international. Das lässt Investoren-Herzen höher schlagen. Da wird jede – aber auch wirklich jede - Baulücke genutzt. Oftmals für Eigentumswohnungen, die sich im Kiez kaum jemand leisten kann.

Berlin ist ein Hotspot geworden auf der ganzen Welt. Warum auch immer das geschehen ist, das weiß man ja gar nicht so genau. Die Leute interessieren sich dafür, hier zu wohnen. Da steigen die Mieten. Ich glaube nicht, dass man das grundsätzlich verhindern kann.

Birgit Fehrle, Chefredakteurin Berliner Zeitung

Gesetze können nicht durchgesetzt werden

Die Politik hat die Entwicklung lange verschlafen. Auf Druck von Mieterinitiativen hat sie nun reagiert und unter anderem das so genannte Wohnraumversorgungsgesetz beschlossen, das vor allem Sozialmieter schützen soll. Auch gegen illegale Ferienwohnungs-Vermietungen gibt’s jetzt ein Gesetz, aber zu wenige Beamte, die konsequent kontrollieren können. Mitte ist einer der wenigen Bezirke, der tatsächlich Kontrolleure losschickt.

Manches lässt sich auch einfach nicht mehr rückgängig machen, etwa in der Wilhelmstraße. Wohnblöcke mit etwa 1.000 Wohnungen hat die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft WBM vor mehr als zehn Jahren an private Investoren verkauft. Die wollen jetzt alles aus den Filetgrundstücken rausholen. Günstiger Wohnraum geht verloren. Luxus rein, Mieter raus. 

Die Proteste gegen Verdrängung und Mietwucher werden weitergehen, nicht nur in Kreuzberg

Platz 4: Dauerbaustellen

Der vierte Platz der größten Aufreger geht an die Dauerbaustellen in der Stadt. Die Berliner Infrastruktur gilt vielen als Desaster. Die Stadt ist nur für diejenigen ein Paradies, die viel Zeit und engelsgleiche Geduld haben. Berlin kann die Hölle sein für Menschen, die einfach nur von A nach B kommen wollen.

Fußgänger sollten sich immer beeilen. Fahrradfahrer sollten sich am besten ganz schmal machen, denn das mit dem fließenden Verkehr ist nicht gerade die Stärke der Stadt  - mehreren tausend Baustellen parallel sei Dank. Es entsteht der Eindruck, es wird nach dem Motto: "flicken, statt sanieren", gearbeitet.

Aber wenn die Kosmetik tiefe Furchen nicht mehr überdecken kann, lässt sich der Beamtenapparat etwas anderes einfallen, wie etwa Tempo 10 in der Yorkstraße.  

Immer wieder werden die Straßen aufgerissen, oft mehrfach hintereinander an derselben Stelle, um mal Kabel, mal Rohre zu verlegen oder einfach die Fahrbahn zu reparieren. Das Geld fürs Stopfen der Schlaglöcher ist zwar da, muss aber erst durch das bürokratische Nadelöhr der Verkehrslenkung Berlin. Doch die ist schlicht überfordert.

Sie besteht aus gut 40 Mitarbeitern, die die Unterlagen und Anträge der Bezirke prüfen müssen, um dann Bauarbeiten anzuordnen. Doch die Baufirmen warten ewig. Erst auf die Anordnung und dann darauf, dass die fertigen Straßen auch wieder für den Verkehr freigeben werden.

Ein Lichtblick für die Unternehmen ist jetzt Baustellenatlas, den es online gibt. Das, was die Stadt nicht schafft, machen die Unternehmen einfach selbst. Sie koordinieren ihre Bauarbeiten. Damit müssen Straßen auch nur einmal aufgerissen werden.  

Platz 3: Dreck

Berlin hat weder Schickeria, noch ein noble Alster, dafür jede Menge Dreck. Müll gehört ins Berliner Stadtbild wie Hundedreck und Currywurst. Die Volkssportarten im Sommer sind inzwischen Baden mitten im Abfall und natürlich Grillen zwischen Müll.

Das Bild im Winter ist kaum besser: Schnee, Split und Dreck sammeln sich zur einer Melange ohne Verantwortungsbewusstsein. Sobald einer was fallen lässt oder vor der Haustür statt in der Tonne entsorgt, wird er zum Vorbild für Dutzende andere. Am Ende entsorgt keiner mehr seinen eigenen Kram. Ein Verhalten, dass sich seit Jahrzehnten kultiviert hat.

Mittlerweile ist die Zahl der illegalen Berliner Müllkippen auf stolze 7.000 angewachsen, und es werden immer noch mehr. Selbst da, wo riesige Container stehen, bleibt extrem viel liegen. Im Partyhotspot Mauerpark an schönen Wochenenden mehr 20 Kubikmeter Müll, macht 100.000 Euro für die Reinigung jeden Tag - alleine hier.

Das Mülleinsammeln aus allen Straßen und Grünflächen kostet Berlin fünf bis sieben Millionen Euro im Jahr. Wie immer bräuchte es mehr: mehr Mülleimer, mehr Geld für Kontrollen und mehr Vorbilder. Stattdessen gibt es mehr Grünanlagen und weniger Mitarbeiter.

Ein Pilotprojekt in Kreuzberg war zeitweise erfolgreich. Da wurde  im letzten Sommer einmal Geld in die Hand genommen und drei Wochen lang täglich gereinigt – und siehe da, es blieb etwas sauberer. Aber auf den Berliner ist Verlass: Ohne Müll kann er nicht.

Deswegen ist Dreck unangefochten Platz drei der Aufreger-Liste für Berliner, obwohl er selber Schuld hat.

Platz 2: Marode Schulen

Auf den zweiten Rang haben es die maroden Berliner Schulen geschafft. Berlin schickt seine Kinder zum Lernen, wo andere Städte die Abrissbirne schwingen. Viele Berliner Schulen müssten seit Jahren saniert werden, aber es passiert viel zu wenig.

Dafür gibt es baufällige Gebäude, Turnhallen voller Gerüste, Fenster, die auf Schüler fallen, eine Sport betonte Schule – ohne Sportplatz, Sandwüste statt Pausenhof. Einfach sanieren geht nicht, denn es fehlt wie immer am Geld.

Momentan fehlt es vor allem an einem Plan von Bildungssenatorin Sandra Scheeres.
Weder sie noch sonst jemand weiß genau, was die Sanierung der maroden Schulen kosten würde, es gibt nur Schätzungen. Die belaufen sich auf dezente zwei Milliarden Euro. Für eine genaue Auflistung und für die Bearbeitung der Schäden fehlen Geld und Personal in Schul- und Bauämtern. Die Verwaltung ist überfordert, Reparaturen werden verschoben, bis die Gebäude drohen, einzustürzen.

Lösungen nach Berliner Art: 7.000 Euro gab es ab 2013 pro Schule pro Jahr, egal wie groß die Schäden waren. Flickwerk statt großer Sprünge war das Ergebnis. 2016 will die Stadt 60 Millionen für Schulsanierungen liefern und zwölf Millionen Euro nur für Toiletten ausgeben.

Platz 1: BER

Unangefochten hat es der nicht eröffnete Flughafen BER an die Top-Position der Liste der größten Aufreger Berlins geschafft. Es sollte einer der schönsten Airports der Welt werden. Der Flughafen Berlin Brandenburg Willy Brandt wurde als internationales Drehkreuz geplant und war ein Prestigeprojekt. Es wurde zur größten Peinlichkeit der Hauptstadt, wegen Missmanagement, Korruptionsfällen und Fehlplanungen. Die Kontrollmechanismen versagten.  

Vor genau zwanzig Jahren besiegeln Berlin, Brandenburg und der Bund, dass die Hauptstadtregion einen international vorzeigbaren Airport bekommen soll. Was beim Richtfest zehn Jahre später niemand ahnt, dass statt der ursprünglich geplanten rund 1,1 Milliarden Mark für die Steuerzahler bald ein Vielfaches an Kosten entstehen wird.

Erst gibt es Probleme mit dem Brandschutz. Dann mit Daten- und Stromkabeln – und insgesamt rund 75.000 Baumängeln. Es kommt zu Korruptionsskandalen und Pleiten beteiligter Firmen. 2012 glauben Verantwortliche zunächst nur an ein paar Wochen Verzögerung.

Aktuell gibt es Zweifel, ob die Eröffnung im Herbst 2017 realistisch ist. Derweil regen Brandenburgs Rechnungsprüfer an, Regressansprüche gegen die Ex-Aufsichtsräte Wowereit und Platzeck zu prüfen. Ex- Flughafenchef Schwarz machte gute Erfahrungen vor Gericht. Nach seinem Rauswurf erstritt er eine Millionenabfindung. Er konnte belegen, dass er den Aufsichtsrat vor möglichen Problemen mit dem Eröffnungstermin gewarnt hatte.

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

Studio Frankfurt

Vom Landkreis Oder-Spree bis zur Uckermark: Das rbb-Regionalstudio Frankfurt (Oder) mit Nachrichten, Reportagen und Hintergründen aus der Region.  

Das könnte Sie auch interessieren