Eine Person geht im Gegentlicht über den Bahnsteig am U-Bahnhof Kottbusser Tor (Quelle: dpa)
Video: Abendschau | 10.03.2016 | Ulli Zelle

Einwohnerversammlung zur Kriminalität am Kottbusser Tor in Berlin - "Mit Sozialarbeit und ein bisschen Tamtam nicht zu lösen"

Mehr Diebstähle und Gewalt, ein Unsicherheitsgefühl bei Anwohnern und Ladenbetreibern: Das Kottbusser Tor ist zu einem Kriminalitätsbrennpunkt geworden. Die Polizei ist verstärkt vor Ort. Doch wie die Entwicklung stoppen? Dabei können die Menschen am "Kotti" vielleicht von denen am Bahnhof Zoo lernen.

Gewalt und Kriminalität am "Kotti" nehmen zu, Anwohner und Gewerbetreibende beklagen bereits seit Längerem die Entwicklung rund um den Kreuzberger U-Bahnhof Kottbuser Tor: Im vergangenen Jahr wurden hier mehr als 2.000 Diebstahldelikte angezeigt. Bei Gewalttaten und bei Raub verzeichnet die Polizei einen enormen Anstieg. Sie hat daher ihre Präsenz deutlich verstärkt. Die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann (Grüne), sagte am Donnerstag über die Kriminalität am "Kotti": "Es geht hier nicht darum, dass wir Flüchtlinge haben, die aus ihrer Not heraus dealen, sondern wir haben hier ganz klar kriminelle Strukturen. Das ist mit Sozialarbeit und ein bisschen Tamtam nicht zu lösen."

Doch Polizeistreifen allein können die Probleme im Kiez auch nicht bewältigen, die Menschen am "Kotti" wollen sie gemeinsam angehen. Am Donnerstag kamen 300 Menschen zu einer Einwohnerversammlung ins Friedrichshain-Kreuzberg Museum in unmittelbarer Nähe zum U-Bahnhof Kottbusser Tor. "Es wurde viel gestritten, ich persönlich fand gut, dass der Fokus etwas weg von den Junkies gegangen ist - und mehr zu den Touristen und den Problemen, die sie schaffen", sagte ein Besucher danach.

Tanja Knapp, die Leiterin der Polizeidienststelle des zuständigen Abschnitts 53, diskutierte bei der Versammlung mit. Das "Kotti" sei von jeher sozialer Brennpunkt, sagte Knapp zuvor radioBerlin 88,8. "Und damit auch ein Treffpunkt von Obdachlosen, Trinkern, Drogenabhängigen". Doch die Lage vor Ort verändere sich, vor allem die Bereitschaft zu Gewalt nehme zu - etwa wenn Taschendiebstähle eskalierten: "Wenn die Opfer sich wehren oder den Diebstahl bemerken, kommt es zunehmend auch zu Gewalt", sagt Knapp. Ein Anwohner erklärt: "Jeden Tag werden fünf, sechs, sieben Leute ausgeraubt." Bei Taschendiebstählen werde selten ein Haftbefehl erwirkt, sagt Knapp. Bei Raub aber werde es für die Täter ernster: Dann entscheide sich die Justiz häufiger, einen Haftbefehl zu erteilen.

In Gesprächen würden Anwohner immer wieder ihre Sorgen äußern. Einige würden sich bereits als eine Art "Streife" organisierten, die zum Beispiel unübersichtliche Gänge patroullierten. "Im Sinne einer präventiven Abwehr ist dagegen nichts einzuwenden", meint Knapp, solange niemand Selbstjustiz versuche.

"Ich finde hier täglich Ausweise, leere Portemonnaies und so weiter", erzählt ein Anwohner. "Die Leute sind aggressiver und dazu kommt, dass der Görli geräumt wird und dadurch haben wir die afrikanischen Dealer hier dann auch noch am Abend." Wenn die Polizei hier nicht mehr präsent sei und die Sache in den Griff bekomme, dann kippe der Kotti. "Dann wird es ein richtiger Moloch."

Eine weitere Anwohnerin sagt, sie gehe nach 19 Uhr als Frau nicht mehr aus dem Haus. Denn am Kotti habe sich alles zum Negativen verändert. Es sei unsicher und dreckig.

Knapp: "Menschen am Kotti können nicht ausweichen"

Wichtig sei, so Knapp, "dass alle Akteure am Ort gemeinsam aktiv sind". Daher setzt die Polizei auf verstärkte Präsenz – aber auch auf mehr Kontakt zu den Anwohnern und Gewerbetreibenden. "Mir liegt der 'Kotti' am Herzen", so die Abschnittsleiterin, "weil das ein Ort ist, an dem die Menschen leben und arbeiten, sie können nicht ausweichen." Daher sei der Platz am Kottbusser Tor Schwerpunkt ihrer Arbeit.

Im Mittelpunkt stehen aber nicht nur mehr Streifen vor Ort, sondern auch der aktive Kontakt zu Anwohnern, der Hausverwaltung, dem Bezirk, der Stadtreinigung oder auch der BVG. Dazu gehöre, dass Anwohner etwa für das Einholen von Erstinformationen kontaktiert würden, so entstehe auch mehr Transparenz. "In Bürgergesprächen wird uns zurückgemeldet, dass das auch bemerkt wird", sagt Knapp.

Lernen aus der Entwicklung am Bahnhof Zoo?

Im Westen der Stadt sorgt seit Jahrzehnten ein von Anwohnern gegründeter Verein am Bahnhof Zoo für Ordnung. Vorstand der Arbeitsgemeinschaft "AG City" Uwe Timm glaubt, dass ein Zusammenschluss der verschiedenen Akteure vor Ort helfen kann. "Je mehr Anlieger und Gewerbetreibenden sich in eine Organisationsform begeben, umso mehr Durchschlagskraft hat man in Bezug auf Verwaltung und Politik." Sich zusammensetzen, sich organisieren, das sei wichtig. Versammlungen zu organisieren, reiche allerdings nicht. "Dann muss man auch handeln", so Timm.

Die "AG City" hatte einmal 100, und besteht heute aus mehr als 440 Mitgliedern. Anlieger, Immobilienfirmen und Geschäftsinhaber haben in den letzten vierzig Jahren das Ziel "Sauberkeit und Sicherheit" verfolgt. Gekennzeichnet war das "Aufräumen" am Bahnhof Zoo etwa von baulichen Veränderungen, so Timm: "Es gab relativ viele Investitionen in Baumaßnahmen. Bis hin zur Tunnelschließung entlang der Budapester Straße, das ist seinerzeit privat finanziert worden. Auch in Immobilien wurde investiert und es gab eine ganze Reihe 'softer' Faktoren: Mit privaten Sicherheitsdiensten und Reinigungsfirmen konnten wir sofort auf den privaten Grundstücken Abhilfe schaffen. Die privaten Firmen haben mit der Polizei oder mit der BSR zusammengearbeitet." Dem gemeinschaftlichen Einsatz war damals ein Workshopverfahren vorausgegangen. Die Anlieger trafen sich über ein dreiviertel Jahr immer wieder, um über Maßnahmen zu diskutieren.

Drogen und Diebstahl auch weiterhin Probleme in der City West

Der Bahnhof Zoo und die City West haben sich in den letzten Jahren offensichtlich verändert. Doch frei von Problemen ist die Gegend nicht: Im Bereich Drogenkriminalität arbeiten Sicherheitsdienste und Polizei zum Beispiel vor Ort zusammen, um Drogenverstecke aufzudecken. "Ich bin mir nicht sicher, ob man diese Problem komplett hier herausdrücken kann – oder auch will", sagt Timm. "Die wirklich krassen Erscheinungen des Konsums und Handels haben wir in den Griff bekommen - am Bahnhof Zoo etwa gemeinsam mit der Deutschen Bahn."

Aber auch Taschendiebstahl ist nicht nur ein Problem am "Kotti", sagt Timm: "Tatsächlich war im letzten Jahr im Weihnachtsgeschäft ein überdurchschnittlicher Anstieg zu verzeichnen. "Wir haben uns zeitnah mit der Polizei zusammengesetzt, haben die Passanten mit Faltblättern gewarnt, und auch unsere Präsenz verstärkt." Das bedeutete: mehr Sicherheitspersonal auf den privaten Plätzen, in Läden und Shoppingcentern - mehr Polizei auf den Straßen.

"AG City"-Vorstand Timm räumt ein, ein Allgemeinrezept könne es nicht geben, für die Probleme in der City West genauso wenig wie für die am Kottbusser Tor. Die Menschen vor Ort prägten allerdings immer die Bedingungen mit. Und aus den Erfahrungen in der City West habe er gelernt, dass Anwohner und Gewerbetreibende das gemeinsame Interesse eint, die Dinge zu verbessern.

Mit Informationen von Djamil Deininger, Simone Augustin, Miriam Keuter

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