Symbolbild: Ein Taschendieb entwendet ein Portemonnaie aus eine Umhängetasche (Quelle: imago/SKATA)

Interview | Ermittler über Taschendiebstahl in Berlin - "Das Dunkelfeld ist fünf Mal größer"

Die Zahl der Taschendiebstähle in der Metropole Berlin liegt auf Rekordniveau. Sven Lichtenberg von der Bundespolizei jagt den Tätern täglich hinterher. Im Interview erklärt er, woher die Taschendiebe kommen, wie sie organisiert sind – um warum nur so wenige Fälle aufgeklärt werden.

rbb: Warum ist die Zahl der Taschendiebstähle in Berlin in den vergangenen Jahren so drastisch gestiegen?

Sven Lichtenberg: Das liegt vor allem an den Taschendieben, die seit zwei drei Jahren in Gruppen aus Südosteuropa kommen. Seit dieser Zeit werden sie von Nordafrikanern aus anderen Gegenden hierher verdrängt.

Uns haben rumänische Taschendiebe erzählt, dass sie in NRW von Banden aus Nordafrika mit Gewalt vertrieben worden sind. Gibt es solche aggressiven Banden auch in Berlin?

Nur sehr vereinzelt, zum Beispiel rund um das RAW-Gelände in Friedrichshain, wo sie abends und nachts aktiv sind, bei dem Partyvolk. Stichwort "Antanztrick", darüber wurde ja zuletzt viel berichtet. Noch sind sie nicht in großen Gruppen in Berlin. Aber das kann sich in Zukunft ändern. Die Rumänen arbeiten tagsüber und sind kaum aggressiv. Täter aus Marokko oder Algerien wenden oft Gewalt an, um nicht entdeckt zu werden.

Gibt es denn auch deutsche Taschendiebe?

Ja, aber sehr selten. Die meisten kommen aus Rumänien, manche aus Herzegovina. Auch die polnischen Taschendiebe, mit denen wir es in Berlin traditionell zu tun haben, werden immer weniger.

Aber kommen die Banden aus Rumänien nicht schon nach Berlin, seitdem sie diese Länder Reisefreizügigkeit genießen und seit sie 2007 dem Schengen-Raum der geöffneten Grenzen beitraten?

Das auch, wir haben ja seit 2007 einen stetigen Anstieg bei den Taschendiebstählen. Aber seit 2013 war das dann nochmal drastischer. Berlin ist eben lukrativ für Taschendiebe, hier gibt es viele Touristen, einen gut ausgebauten öffentlichen Personennahverkehr und günstige Hotels.

Die Aufklärungsquote ist mit vier Prozent sehr gering, und selten landet ein Taschendieb in Haft. Warum ist das so?

Viele der Täter sind ja Kinder oder Jugendliche, die ohnehin Straffreiheit genießen. Die Anzeigen gegen sie müssen fallen gelassen werden. Das wissen sie, deshalb werden sie auch gezielt eingesetzt. Oft zeigen die Geschädigten den Taschendiebstahl auch gar nicht an oder merken erst sehr viel später, dass ihre Geldbörse oder ihr Handy gestohlen wurde. Dann ist es aber zu spät. Die Taschendiebe sind Profis - und dann schon längst in der Masse verschwunden.

Können sich denn die Täter denn bei ihrer Festnahme ausweisen, oder wie stellen sie deren Alter fest?

Die meisten haben gar keine Ausweise dabei, geben falsche Namen an, und sagen dass sie jünger sind als ihr tatsächliches Alter.

Und wie stellen Sie das tatsächliche Alter dann fest?

Über Altersgutachten von einem Zahnarzt per richterlichem Beschluss. Dann gehen wir mit den Kindern zum Zahnarzt, der dann meistens feststellt, dass sie viel älter sind, also nicht 12 oder 13 Jahr alt, sondern 16 oder 18.

Sie sagen ja, dass das Dunkelfeld mindestens fünf Mal größer ist als die angezeigte Zahl der Taschendiebstähle. Warum zeigen viele Opfer die Taschendiebstähle denn gar nicht an?

Viele Leute, die beklaut werden, haben nur geringe Bargeldsummen bei sich. Sie scheuen deshalb den Aufwand, den eine Anzeige mit sich bringt. Viele Touristen bemerken den Diebstahl auch erst, wenn sie wieder zu Hause sind. Oder sie vermeiden den Gang zur Polizei, weil sie kein Deutsch sprechen und die deutschen Gepflogenheiten nicht kennen.

Die Fragen stellten Adrian Bartocha und Olaf Sundermeyer.

Im rbb-Fernsehen wird "Der große Klau" am 12. April 2016 um 20.15 Uhr ausgestrahlt.

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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