Der junge Pole Kuba ist wohnunglos in Berlin. (Quelle: rbb/Klaas-Wilhelm Brandenburg)

Ausstellung über junge Wohnungslose in Berlin - Jung, traumatisiert und ohne Dach über dem Kopf

Ob in der U-Bahn, im Park oder einfach auf der Straße: In ganz Berlin trifft man immer wieder auf wohnungslose Menschen. Jugendliche und junge Erwachsene haben es besonders schwer, vor allem, wenn sie aus dem Ausland kommen - wie der 24-jährige Kuba aus Polen. Von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Kuba sitzt auf einem Sofa in einem Büroraum in Berlin-Mitte. Seine wuscheligen blonden Haare versucht er mit einer Mütze zu bändigen. Er sieht entspannt aus und lächelt viel, während er erzählt. Dabei gäbe es für ihn allen Grund, genau das Gegenteil zu tun: Denn Kuba ist wohnungslos, schon seit zwei Jahren. Und er hat mit seinen 24 Jahren Dinge durchgemacht, die andere in ihrem ganzen Leben nicht erleben müssen.

Kuba kommt nicht aus dem gleichnamigen sozialistischen Inselstaat in der Karibik, sondern aus Polen - dort steht Kuba für die Verniedlichungsform des Namens Jakob. Aber Kubas Jugend war alles andere als niedlich: Kuba ist homosexuell, was im katholischen Polen nicht gern gesehen wird. Als seine Eltern davon erfuhren, wollten sie keinen Kontakt mehr zu ihm. Mit 19 zog er deshalb von zu Hause aus und mit seinem Freund zusammen in eine gemeinsame Wohnung nach Warschau. "Als dann unsere Beziehung in die Brüche ging, bin ich in ein tiefes Loch gefallen", erzählt er. "Ich habe es einfach nicht mehr geschafft, mich aufzuraffen."

Im Februar 2014 ging ihm das Geld aus und er wurde aus der Wohnung geworfen. So landete er vor zwei Jahren auf der Straße, ausgerechnet am Valentinstag. "Es war schwierig, in Warschau Hilfe zu bekommen oder auch nur etwas zu Essen", berichtet Kuba rückblickend. Geschlafen hat er am Hauptbahnhof: "Das Schutzpersonal dort war brutal, sie haben uns geschlagen." Bis zum August 2014 hat er in Warschau auf der Straße gelebt, dann kam er nach Berlin: "Hier habe ich viel Hilfe bekommen im Vergleich zu Polen."

Junge Menschen aus Osteuropa haben es besonders schwer

Hilfe gefunden hat Kuba im "Klik", einem Kontaktladen für wohnungslose junge Menschen in Berlin-Mitte. Jugendliche und junge Erwachsene bis 27 können dort etwas Warmes essen, sich Duschen, ihre Wäsche waschen oder sich in so gut wie allen Lebensfragen beraten lassen. Anett Leach leitet das Projekt seit sieben Jahren und erzählt, dass Kuba kein Einzelfall sei: Allein im letzten Jahr hatten die Sozialarbeiterinnen im "Klik" mehr als 2.300 Besuche von 333 unterschiedlichen jungen Menschen. "Zu uns kommen sehr viele aus Osteuropa, vor allem aus Polen", so Leach. Darum seien auch drei Kolleginnen Polnisch-Muttersprachlerinnen.

Für Menschen wie Kuba, die aus Osteuropa kommen, ist die Lage besonders schwierig: Wenn sie keine Wohnung haben, kriegen sie in Deutschland keine Krankenversicherung und haben deshalb auch keine Möglichkeit, beispielsweise bei Suchtproblemen eine Therapie zu machen. Auch deshalb seien junge Menschen, die in Berlin obdachlos sind, oft nicht aus Deutschland. "Sie kommen hier her, können sich aber polizeilich nicht anmelden, weil sie keine Wohnung haben", erklärt Anett Leach das Problem. Durch die fehlende Anmeldung gibt es dann aber auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld II, weshalb auch kein Geld da ist, um eine Wohnung zu finanzieren. "Und wenn sie sich das Geld durch Arbeit verdienen wollen, sagen viele Arbeitgeber: Ohne polizeiliche Anmeldung gibt es keinen Arbeitsvertrag. Es ist ein Teufelskreislauf!"

Einige sind nur kurz ohne Wohnung, andere jahrelang

Dass junge Menschen wohnungslos werden, kann an verschiedenen Gründen liegen. Eine Ursache kommt aber häufig vor: "Es sind oft die Eltern oder das nähere soziale Umfeld", erklärt Anett Leach. Wenn Kinder und Jugendliche in ihren Familien Gewalt oder sexuellen Missbrauch erleben, kann das genauso zu einer Flucht auf die Straße führen wie Suchtproblematiken. "Wir kennen hier Leute, die aus Dörfern kommen, wo die Hälfte der Bewohner alkoholabhängig ist." Andere waren psychisch verwahrlost. "Wir haben schon Geschichten gehört, wo Jugendliche in den Keller gesperrt wurden, weil die Haarfarbe nicht gepasst hat", so Leach. Es gebe aber auch Leute aus relativ behüteten Verhältnissen. Sie rennen von zu Hause weg, weil zum Beispiel nahe Angehörige oder gute Freunde gestorben sind.

Wie lange die jungen Menschen dann ohne Wohnung bleiben, kann ganz unterschiedlich sein: "Es gibt Menschen, die kenne ich seit dem 15. Lebensjahr, die sind jetzt 23", erzählt Anett Leach über ihre Erfahrungen im "Klik". "Ich hatte auch schon Leute, die sind ein ganzes Jahr hier gewesen, zu jeder Öffnungszeit, und plötzlich sind sie nicht mehr aufgetaucht - keine Ahnung, wo sie jetzt sind." Es gebe aber auch welche, die nur den Sommer über blieben und dann wieder gingen.

Die Ausstellung "Ich bin hier und ich lebe" in der Zionskirche vom 09.03.-18.04.2016 stellt neun junge wohnungslose Menschen in Berlin vor. (Quelle: rbb/Klaas-Wilhelm Brandenburg)
Der Kontaktladen "Klik" stellt in einer Ausstellung in der Zionskirche neun junge Wohnungslose vor

335.000 Menschen schätzungsweise wohnungslos

Als wohnungslos gelten Menschen, die sich in prekären Wohnsituationen befinden. "Sie haben irgendwie ein Dach überm Kopf, was sie aber von heute auf morgen wieder verlieren können", sagt Anett Leach. Zum Beispiel, wenn junge Menschen in einer Form des betreuten Wohnens, bei Verwandten, einem Freund oder einer Freundin unterkommen. Wer auch diese Möglichkeit nicht hat und auf der Straße übernachten muss, gilt als obdachlos.

Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe waren 2014 in ganz Deutschland 335.000 Menschen ohne Wohnung und damit fast ein Fünftel mehr als noch 2012. Auch die geschätzte Zahl der Obdachlosen, die ohne jede Unterkunft auf der Straße leben, stieg von 2012 zu 2014 um 50 Prozent auf rund 39.000. Genaue oder aktuellere Zahlen gibt es nicht, da es in Deutschland keine bundeseinheitliche Wohnungsnotfall-Berichterstattung auf gesetzlicher Grundlage gibt.

Randgruppe der Randgruppe

In Berlin sind die letzten Zahlen über Wohnungslosigkeit bereits vier Jahre alt. "Mit Stichtag 31.12.2012 waren 11.046 wohnungslose Personen in Berlin behördlich registriert", so der Berliner Senat als Antwort auf eine kleine Anfrage des Grünen-Politikers Martin Beck. In Neukölln gab es mit großem Abstand die meisten wohnungslosen Menschen: 2.047 waren es dort. Die wenigsten, nämlich 430, gab es damals in Spandau. Allerdings sind diese Zahlen mit Vorsicht zu genießen: Weil die Messung generell nur schwer möglich ist, sind wahrscheinlich deutlich mehr Menschen ohne Wohnung, als die offiziellen Statistiken ausweisen.

Anett Leach sieht das Fehlen aktueller Zahlen nur als ein Problem von vielen. "Es wird nicht nach Altersgruppen differenziert, was ich fehlerhaft finde." Denn gerade die jungen wohnungslosen Menschen hätten es besonders schwer. "Diese Gruppe ist selbst in der Wohnungslosen- und Obdachlosenszene sehr marginalisiert, es ist eine wirkliche Randgruppe." Darum brauche es Angebote, die extra auf sie zugeschnitten sind. "Sie sind zu jung, um in eine klassische Wohnungslosentagesstätte gehen zu wollen, wo sich 40- und 50-Jährige aufhalten. Die sind ihnen einfach zu alt."

Die Ausstellung "Ich bin hier und ich lebe" in der Zionskirche vom 09.03.-18.04.2016 stellt neun junge wohnungslose Menschen in Berlin vor. (Quelle: rbb/Klaas-Wilhelm Brandenburg)
"Es sind oft die Eltern oder das nähere soziale Umfeld"

Der angespannte Wohnungsmarkt sorgt für noch mehr Schwierigkeiten

Nicht nur für junge, sondern für alle wohnungslosen Menschen wird der Weg raus aus der Wohnungslosigkeit wegen des angespannten Wohnungsmarktes immer schwerer. "Man merkt schon, dass die Bezirke immer weniger werden, wo man Leute vermitteln kann", berichtet Leach. Auch die Zahl von Zwangsräumungen hat in den letzten Jahren zugenommen. Ein Grund, warum vor allem ältere Menschen wohnungslos, jedoch nicht zwingend auch gleich obdachlos werden.

Wer es trotz aller Schwierigkeiten schafft, von der Straße wegzukommen und wieder eine eigene Wohnung zu beziehen, hat nach Anett Leachs Erfahrung mit Besuchern des "Klik" oft keinen klassischen Werdegang hinter sich. "Einer ist Skilehrer in Österreich geworden, der andere arbeitet seit Jahren auf dem Schiff, obwohl er keinen Schulabschluss hatte." Aber nicht alle Geschichten enden so. "Manchmal hört man leider auch, dass Menschen ins Gefängnis müssen oder sogar gestorben sind."

Kuba übernachtet mittlerweile nicht mehr auf der Straße, eine richtige Wohnung hat er aber auch nicht. Mit seinem besten Freund teilt er sich eine kleine Kammer unterm Dach in einem Haus in Friedrichshain - ohne Heizung, aber immerhin mit Steckdose. Allerdings illegal: Der Vermieter weiß nichts davon, und auch wenn die Nachbarn bisher nichts gesagt haben, könnte Kuba jeden Tag rausfliegen. Kein Wunder, dass er sagt: "Es wäre toll, sich nicht immer Sorgen machen zu müssen, ob man morgen noch ein Dach über dem Kopf hat oder die Polizei uns rausschmeißt."

Trotzdem bleibt er positiv. Vielleicht liegt es daran, dass sich ein anderer Wunsch von ihm bald erfüllen könnte: Erst vor kurzem hat er mit seinem Cousin gesprochen, der auch in Berlin lebt. "Er will mit meinen Eltern sprechen, und vielleicht kommen sie dann bald nach Berlin und treffen sich mit mir. Das wäre schön."

Ausstellung

"Ich bin hier und ich lebe"

Zionskirche, 10. März bis 18. April

Beitrag von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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