Eine Postkarte: Grüße aus Glindow (Quelle: imago/Arkivi)

Neue Ziegel Manufaktur Glindow - Wo man das Feuer noch im Kreis treibt

Im märkischem Glindow brennt ein Unternehmen handgestrichene Ziegelsteine - genau wie vor 150 Jahren. Die Kunden schätzen das unnachahmliche Farbspiel der kohlegebrannten Ziegel. Die Ringofen-Ziegelei ist ein lebendiges Denkmal in Brandenburg - aus der Zeit der Ziegelbarone. Von Susanne Hakenjos

Von seinem zwanzig Meter hohen Schmuck-Turm aus Ziegeln hatte der Ziegeleibesitzer Krumwiede einen fantastischen Weitblick. Erbaut um 1890, am Westufer des Glindower Sees, sah man damals noch bis zum Potsdamer Neuen Palais. "Der Turm war aber reine Werbung", erklärt Wolfgang Firl. "Er diente der Reklame. Damals fuhren hier auf dem See an den Wochenenden die Berliner mit Ausflugsdampfern vorbei. Sie sollten sehen, was für tolle Ziegelsteine hier in Glindow entstanden sind."

Firl ist einer von vier ehrenamtlichen Museumsführern, die Besucher durch die im Turm untergebrachte Ausstellung zur Glindower Ziegeleigeschichte führen. Er zeigt ihnen aber auch das Ziegelei-Gelände nebenan. Dort stehen zwei denkmalgeschütze Ringöfen aus dem Jahr 1868. Hier, in der letzten von einstmals 30 Ziegeleien in der Region, wird heute noch produziert. Bei den Führungen können Museumsbesucher den Arbeitern der Neuen Ziegel-Manufaktur Glindow über die Schulter schauen.

Der Ringofen mit Blick auf Brenn- und Schürebene (Quelle: Susanne Hakenjos)
Blick auf Brenn- und Schürebene.

Original Handstrich-Ziegel

Dirk Thomas schlägt als sogenannter "Handstreicher" täglich kiloschwere Tonbatzen mit viel Schwung in eine rechteckige Holzform. Laut schmatzend fällt der feuchte Ton in den Rahmen und wird mit Kraft in die Ecken gedrückt. "Wir stellen diese verschiedenen Holzformen selber her", erklärt der Geschäftsführer Harald Dieckmann. "Er streicht oben ab, zieht es über die Kante und formt den Stein im Rahmen aus." Die Oberfläche wird dann durch das Abstreifen des überflüssigen Tons geglättet.

Rein technisch wird damit genau so gearbeitet wie im 19. Jahrhundert, als Tagelöhner in den Glindower Ziegeleien schufteten. Aktuell produziert die Manufaktur Fußbodenplatten aus rotem Ton. Sie stellt aber auch Mauerziegel und Dachziegel, Formsteine und Terrakotten in traditioneller Weise her. Die Ziegelei ist die letzte in ganz Brandenburg und eine der wenigen deutschen Manufakturen, die noch als Unternehmen in Betrieb sind. Allein in der Produktion sind zwölf Mitarbeiter beschäftigt.

"Lebendigere Farben, als Ziegel aus dem Gasofen"

Die Auftragsbücher sind gefüllt mit dem Brennen von Steinen für die Münchner Frauenkirche, das Rathaus in Stralsund und die Stadthöfe in Hamburg. Zuletzt lieferte das Unternehmen auch für die Sanierung von Schloss Babelsberg. Die Kunden kommen aus dem In- und Ausland.

Begehrt sind die Steine bei Restauratoren im Denkmalschutz, aber auch moderne Bauherren schätzen die Ziegel der Glindower Manufaktur. "Aus Dänemark wollte der Bauherr eines Einfamilienhauses diese klassischen groben, handgestrichenen Ziegel. Die Optik entsteht durch den Kohlebrand im Ringofen, das Farbspiel ist einfach ein viel differenzierteres und lebendigeres, als wenn man das im Gas- oder Elektro-Ofen brennt", erklärt Dieckmann.

Produziert werden auch Form-, Ornament- und Schmucksteine, für moderne Architektur, den Garten- und Landschaftsbau - und für Künstler. Mit einem Feinspachtel aus Metall streicht die Industrie-Keramikerin Nina behutsam die feucht-lehmige Oberfläche eines rohen Ornament-Steines glatt. "Fingerspitzengefühl ist bei dem Beruf gefragt," sagt die junge Frau. Sie hat im Betrieb ihre Ausbildung gemacht hat, so wie zwei weitere Kollegen. Der Geschäftsführer Diekmann sagt, er würde gerne wieder einen Azubi einstellen, doch Nachwuchs für die Ziegelherstellung zu finden sei nicht leicht.

Historische Kohlebefeuerung durch Schüttlöcher

Bei den Führungen des Museums wird der komplette Herstellungsprozess gezeigt, sogar auf und in den Ringofen können die Besucher steigen. Bevor die Ton-Rohlinge gebrannt werden, kommen sie zunächst zum Vortrocknen in Heißluftkammern. "Hier haben wir zum Beispiel den Dom von Magdeburg, zumindest Teile davon", sagt Dieckmann beim Blick in eine der insgesamt 14 Kammern, die ringförmig in um einen hohen Schornstein angelegt sind. Beim Brennen wird der niedrige Kammer-Eingang mit Ziegeln und Lehmputz verschlossen.

Von oben rieselt dann Kohle aus mehreren Öffnungen auf die Feuerstellen links und rechts der Stapel. Vor dem direkten Feuer schützen in einigen Fällen kleine halbhochgestapelte Ziegel-Mäuerchen das Brenngut. Die Glut wird durch die von oben rieselnde Kohle angefacht und weiter befeuert, die Wärme über ein raffiniertes Zugluftsystem weitergeführt. Die Energie wird dabei intelligent genutzt, genau wie zur Entstehungszeit der Öfen. Das 148 Jahre alte Stück ist der einzige in Europa noch original erhaltene, kreisrunde Ringofen, wie er in der Hoffmannschen Patentschrift von 1858 dargestellt ist.

Im Museum: Frei geformte und Schmuck-Formsteine (Quelle: Susanne Hakenjos)
Frei geformte Ziegelsteine

Das Feuer im Kreis führen

In der sogenannten Schür-Ebene über den Kammern liegt feiner Kohlenstaub auf dem Boden, an einigen Stellen zeigen sich feine Risse. Im Halbdunkel des runden Raumes stehen Schubkarren voll Kohlenstaub neben zylinderförmigen Metallbehältern. Surrende Geräusche ertönen, wenn aus den Behältern über eine kleine Klappe im Boden neue Kohle nach unten ins Feuer fällt. Der "Brenner", befüllt die Behälter, überprüft und regelt die Temperatur. Durch ein Schürloch blickt man in die rote Glut in 2,50 Meter Tiefe. Um die 1.080 Grad heiß wird es da unten.

Auch bei der Arbeit des Brenners ist Fingerspitzengefühl gefragt, bei der Dosierung der Kohle: "Das Farbspiel, auch die Helligkeit der Ziegel, richtet sich nach wenigen Grad Temperaturunterschied", sagt der Geschäftsführer. "Ansonsten führen wir hier das Feuer wie früher im Kreis, es wandert von einer Kammer zur anderen". Bei großen Aufträgen lodert es wieder Tag und Nacht. Der Ringofen in stilisierter Form mit dem hohen Schornstein in der Mitte ziert als Stempel auch die Ziegel, die die Manufaktur verlassen.

Die Tongruben

Das Material für die typischen gelben Glindower Ziegel holt das Unternehmen aus einer eigenen Tongrube, etwa einen Kilometer entfernt bei Petzow. Die Manufaktur produziert aber auch viele Steine aus rotem Ton, um die Farbanpassung an bestehende Originale in Klöstern, Kirchen, Schlössern, historischen Gärten oder Denkmälern zu erreichen. Neue Ziegelsteine aus Glindow stecken zum Beispiel in der Spandauer Zitadelle oder der Stadtmauer von Kyritz.

Ein Schau-Pavillon auf dem Firmengelände am Ufer-Wanderweg am Glindower See zeigt Schmuck- und Formsteine, aber auch zweifarbig glasierten Nachbauten für die Rekonstruktion eines Saalbodens aus dem 17. Jahrhunderts für den Erbhof in Thedinghausen bei Bremen, auf die Diekmann besonders stolz ist: "Die mussten auch noch den modernen Vorgaben zur Rutschfestigkeit genügen!"

Info zur Geschichte der Glindower Ziegeleien

Der Ort: Glindow, seit der Gemeindegebietsreform ein Ortsteil von Werder, wurde um 1300 erstmals erwähnt. Der Name ist slawischen Ursprungs und bedeutet so viel wie Lehm oder Ton (slawisch: Glina). An den Ufern von Havel und Glindowsee wurden seit dem 15. Jahrhundert aus dem gelbem Ton der Gruben Ziegel gebrannt . Um 1870 waren rund 30 Ziegeleien in Werder, Glindow und Petzow aktiv. Schornsteine und Ringöfen zogen sich wie an einer Perlenschnur entlang des Glindower Sees. Die florierende Ziegelproduktion lieferte Hundertausende von Kahnladungen mit Steinen nach Berlin. Ein Gutteil des Berliner Südwestens ist aus Glindower Ziegeln gebaut.

Ziegelei Gelände mit Ziegelei Turm (Quelle: Susanne Hakenjos)
Glindower Ziegelei-Turm auf dem Gelände an der Alpenstraße.

Ziegelei-Geschichte im Turm

Aus dem gelb-grünlichen bis gelb-rötlichen Glindower Ton wurden bereits die Bausteine für Schloss Sanssouci gemacht. Im Turm zeigt seit Anfang März 2016 eine Ausstellung die Entwicklung der Steinproduktion in der Region ab dem 15. Jahrhundert. Auf Fotos des 19. Jahrhunderts sind die "Ziegel-Barone" und ihre Dynastien zu sehen, aber auch die Plackerei der Arbeiter. Ganze Familien aus dem westfälischen Lipperland schufteten als Wanderarbeiter in den Ziegeleien für jeweils ein dreiviertel Jahr im Akkord, 70 Stunden die Woche.

Der Museumsführer Wolfgang Firl erklärt, warum in Glindow nur eine handvoll Familien steinreich wurden durch die Ziegelindustrie. "Gepachtet wurde nicht gleich das ganze Land, sondern nur ein schmaler Streifen. Vom Seeufer aus grub man, bis man auf die Tonader stieß, aber abgebaut wurde von dort dann aber auch nach rechts und links. Dabei wurden die Ländereien der Obstbauern untergraben. Deren Boden brach ein, die Obstbäume wurden dann gleich mit in den Öfen verfeuert."

Wenn sich die Obstbauern beim König beschwerten, weil sie ihren Zehnten nicht mehr bezahlen konnen, erhielten sie zur Antwort: Wendet euch an euren Ortsvorsteher. Doch das war der reichste Ziegeleibesitzer im Ort. Damit hatte sich die Sache dann erledigt, sagt Firl.

Info zum Märkischen Ziegeleimuseum Glindow

Die im März 2016 eröffnete Ausstellung des Märkischen Ziegeleimuseums im Glindower Ziegelei-Turm widmet sich insbesondere der Geschichte von sieben Glindower Ziegeleien, die detailliert aufgearbeitet wurde. Die Schau beschreibt und illustriert nicht nur den technologischen Prozeß der Ziegelherstellung, sondern veranschaulicht mit vielen Dokumenten auch die Geschichte des Glindower Ziegeleigewerbes, von dem seit 1462 verbrieften Tonabbau bis zur modernen Wiederbelebung einer fast vergessenen Technologie und handwerklichen Know-hows nach 1989.

Die Ausstellung wurde von der pensionierten Architektin Barbara Czycholl gemeinsam mit dem Museumsförderverein konzipiert. Bei ihrer Archivrecherche fand sie beispielsweise im Potsdamer Landesarchiv die"Acta die Ziegelscheune bey Glindau und Petzau betreffend", die im Jahr 1689 angelegt wurde. Die Ausstellung macht auch mit den einstigen Arbeits- und Lebensbedingungen der einheimischen und der aus dem Lippisch-Westfälischen gekommenen Ziegelarbeiter bekannt, stellt frühere Ziegeleibesitzer vor und vermittelt einen Einblick in die Ziegeleiindustrie im Raum Glindow-Werder-Rädel und in der gesamten Region.

Märkisches Ziegeleimuseum Glindow

- Verwaltet durch den Förderverein Historische Ziegelei Glindow e.V.
Alpenstr. 44
14 542 Werder - Ortsteil Glindow
Tel.: 0 33 27 -  6 93 95

Öffnungszeiten: März bis Oktober Mittwoch und Samstag zehn bis 16 Uhr. Für Gruppen wird nach telefonischer Voranmeldung auch an anderen Tagen geöffnet.

Mittwochs mit Führung durch die laufende Produktion in der Neuen ZIEGEL-MANUFAKTUR Glindow. Samstags ebenfalls mit Führung durch den historischen Ringofen (aber ohne Arbeiter) Der Preis für Eintritt und Führung beträgt vier Euro, ermäßigt drei Euro.

Beitrag von Susanne Hakenjos

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