Justizvollzugsanstalt Plötzensee, aufgenommen am 15.04.2015 in Berlin (Quelle:dpa)

Ein versuchter Mord im Berliner Strafvollzug vor Gericht - "Die Gefangenen haben mir das Leben gerettet!"

Ein psychisch kranker Häftling hat im August letzten Jahres in der JVA Plötzensee eine Justizbedienstete fast erstochen. Keiner ihrer Kollegen weit und breit. Häftlinge retteten die Angegriffene. Das dramatische Ereignis wirft ein Schlaglicht auf Missstände im Berliner Strafvollzug. Der Fall wird jetzt vor dem Landgericht verhandelt. Von Ulf Morling

15:30 Uhr, Freistunde auf dem Gefängnishof der JVA Plötzensee. Nur eine Justizbedienstete beaufsichtigt bis zu 60 Häftlinge. Marco P. (42) hat sich von seiner Gruppe in den verbotenen hinteren Bereich des Hofs abgesondert. Wachtmeisterin Ines C. (50) fordert ihn ruhig und freundlich auf, ihr in den Freistundenhof zu folgen. Einige Schritte läuft er neben der Beamtin. "Dann war es so, als wenn bei ihm ein Schalter umgelegt wird", sagt die erfahrene Stationsbeamtin.

"Ich mache Dich kalt!"

Der Häftling soll ausgeholt und der Vollzugsbeamtin einen Faustschlag aufs Auge versetzt haben, der die 42-Jährige in ein Gebüsch schleuderte. Mit einem Buttermesser soll er seinem Opfer dann mehrfach ins Gesicht und den Rücken gestochen haben. Das Messer bricht ab. Die Beamtin schrie in Todesangst um Hilfe. Drei Häftlinge eilten herbei.

"Die Gefangenen haben mir das Leben gerettet. Wenn die nicht so mutig gewesen wären, würde ich jetzt nicht hier sitzen", sagt die Vollzugsbeamtin am Mittwoch im Prozess um den Mordversuch an ihr.

Nicht einmal der Anstaltsalarm funktionierte

Ein Kollege der Beamtin sieht unmittelbar nach Tat aus dem Fenster auf den Hof. Dort umringen die Gefangenen den mutmaßlichen Täter. Der Kollege versucht, die Alarmzentrale anzurufen. Trotz viermaligen Klingelns nimmt niemand ab. Ein anderer Kollege trifft die von einem Gefangenen gestützte, blutüberströmte  Kollegin in der Nähe des Hofeingangs. Er drückt geschockt vergeblich den Alarmknopf neben der Eingangstür. Es wird kein Alarm ausgelöst. Der Beamte schließt eine Unterzentrale auf und löst Alarm aus. Auch das funktioniert nicht. Ein Anruf bei der Alarmzentrale hat schließlich Erfolg: weitere Beamte und ein Notarzt werden endlich angefordert.

Bis heute ist die Vollzugsbeamtin dienstunfähig und schwer traumatisiert durch die Tat. Die Folgen der vier Messerstiche ins Gesicht der Beamtin: Narben, trotz Lasertherapie: "Ich habe die Narben überschminkt. Ich werde sie mein Leben lang behalten - von den seelischen Narben ganz zu schweigen…"

War die Bluttat vorhersehbar?

Am Tattag war der Beschuldigte bereits seit einem knappen Jahr Häftling der JVA Plötzensee. "Der Beschuldigte verhielt sich von Anfang an psychisch auffällig", so die Ermittler. Die erste dienstliche Mitteilung gibt es nur wenige Wochen nach seinem Strafantritt wegen mehrfacher Körperverletzungen. Am 23. Januar 2015 wird "hoch aggressives Verhalten" von P. gemeldet.  Dem späteren Opfer C. sagt er, er sei ein anderer und unschuldig inhaftiert. Ein Kollege des Opfers im Gerichtssaal: "So einen Gefangenen hatte ich in meiner langen Dienstzeit noch nie! In einem Dienstvermerk schrieb ich, dass Marco P. in die Psychiatrie gehört!" Doch der konsultierte Arzt stellt "keine psychischen Auffälligkeiten" fest.

Beschuldigter früher schon psychisch krank

Mit 15 beginnt Marco P. zu trinken. Er macht mit 18 seinen ersten Entzug in seiner Heimat in Reutlingen. Im erlernten Beruf des Stuckateurs arbeitet er ab 1996 in Berlin und lebt mit Kollegen in der WG. Täglich trinkt er zehn bis zwanzig Flaschen Bier. Als die Firma pleite geht, löst sich die Wohngemeinschaft auf, und der Abstieg des Arbeitslosen beginnt. Neben Schnaps konsumiert er auch Kokain und Ecstasy. Ende 2000 wird er erstmals wegen einer Psychose unter Drogen in die Charité eingewiesen. Er hatte einen Kioskbesitzer mit einem Messer bedroht. Immer wieder bedroht er in den Folgejahren sogar Kinder. Psychische Krankheiten werden diagnostiziert. Im Vollrausch tötet er schließlich einen Mann mit mehreren Messerstichen. Er wird zu drei Jahren und drei Monaten verurteilt. "Ich bin eigentlich nicht aggressiv", sagt P. in der damaligen Gerichtsverhandlung.

Justizverwaltung: "Deutlicher Stellenaufbau"

Die Senatsverwaltung für Justiz sieht offenbar keine Lücke bei den derzeitigen Sicherheitsmaßnahmen in der Justizvollzugsanstalt: "Der Tathergang hat keine Ansätze ergeben, an welchen Stellen man die … Sicherheitsmaßnahmen erhöhen müsste, um in Zukunft so etwas auszuschließen", teilt die Verwaltung rbb-online schriftlich mit. "Die 88 unbesetzten Stellen im Justizvollzugsdienst werden durch die Ausbildungsplanung sukzessive besetzt."

Dass die Personaldecke am Tattag so dünn war, dass die Beamtin nicht professionell von ihren Kollegen vor den Messerattacken geschützt werden konnte und selbst die Erste Hilfe von Häftlingen übernommen werden musste, wird von der zuständigen Verwaltung nicht thematisiert.  

"Es passiert zu wenig wegen Personalmangel!"

"Sowohl von Kollegen der Verletzten, als auch von der Insassenvertretung gab es Hinweise, dass mein Mandant psychisch auffällig und gefährlich ist. Das wusste die Anstaltsleitung, die aber nichts unternommen hat. Schon seit geraumer Zeit kommt von meinen Mandanten der Vorwurf, dass in den Knästen zu wenig passiert aus Personalmangel", sagt Jörg Geimecke, Verteidiger des Beschuldigten. Von anderen Strafverteidigern wird nach Gesprächen mit leitenden Justizvollzugsbeamten versichert, dass allein in der JVA Moabit 60 Prozent der Mitarbeiter derzeit nicht im Dienst seien, in der Jugendstrafanstalt seien es 40 Prozent der Beamten, die entweder in Urlaub, auf Fortbildung oder krank seien.

Marco P. wird sofort nach dem Mordversuch an der Beamtin in die Psychiatrie des Krankenhauses der Berliner Vollzugsanstalten eingeliefert. Er gilt als schuldunfähig. Bereits am 13. August 2015 sei ärztlicherseits entschieden worden, dass der 42-Jährige dort eingewiesen werden müsse, "bei weiter anhaltendem aggressivem Verhalten des Gefangenen", so die Justizverwaltung. Schon einen Tag später geschah es: Die Vollzugsbeamtin wurde mit dem Messer angriffen und wäre fast getötet worden - wenn ihr Gefangene nicht geholfen hätten…   

Beitrag von Ulf Morling

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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