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Video: Die rbb Reporter "Der große Klau" | Adrian Bartocha und Olaf Sundermeyer

Reportage | Diebesbanden in Berlin - Der große Klau

Die Zahl der Taschendiebstähle in Berlin hat sich innerhalb von drei Jahren verdoppelt. Das liegt vor allem an großen reisenden Banden aus Rumänien. Im Sommer wird ihnen der Prozess gemacht - im größten Verfahren gegen den organisierten Taschendiebstahl, das es je in Europa gab. Von Adrian Bartocha und Olaf Sundermeyer

Es war am Tag vor Heiligabend, als Bandenchef Mircea A. mit einer Maschine aus Bukarest von zwei Bundespolizisten nach Berlin-Tegel gebracht wurde. Ein untersetzter Mann in Jogginghosen und mit einer Strickmütze auf dem Kopf: Anführer einer europaweit agierenden Taschendiebbande. Seither sitzt er in Berlin in Untersuchungshaft; gemeinsam mit sechs anderen Hintermännern soll er eine Gruppe von 79 Taschendieben angeleitet haben. Im Sommer soll ihnen in Berlin der Prozess gemacht werden, in dem größten Verfahren, das es je gegen organisierten Taschendiebstahl in Europa gegeben hat.

Stuttgarter Platz ist Basis der rumänischen Diebe

Die reisende Bande aus der rumänischen Stadt Iaşi war außerdem in Portugal, Spanien, Frankreich, Italien, Belgien und Irland auf Beutezug. Für Diebe wie sie, ausschließlich rumänische Roma, ist "Europa ein Land", heißt es bei der Staatsanwaltschaft in Iaşi. Auch die Gendarmerie in Paris kennt die Täter der Berliner Bande, dort heißt es:  "Diese Leute sind sehr viel unterwegs: von Paris nach Berlin, von Berlin nach Rom, von Rom nach Madrid, von Madrid nach Paris." Einer der Hintermänner wurde in St. Denis verhaftet, im Norden der Stadt, wo zahlreiche rumänische Roma ihr vorübergehendes Quartier aufgeschlagen haben. Sind sie in Berlin aktiv, wohnen die meisten von ihnen in kleinen Hotels rund um den Stuttgarter Platz in Charlottenburg, die Basis der rumänischen Diebe.

Hier ist das Revier von Ermittler Sven Lichtenberg. Bei ihm und seinen Kollegen von der "Ermittlungsgruppe Tasche" hatte das Verfahren seinen Anfang, in dem sich beispielhaft zeigt, wie organsiert der europaweite Taschendiebstahl längst abläuft.  Für gewöhnlich wird Taschendiebstahl in Berlin als Bagatelldelikt behandelt. Es kommt vor, dass Täter gleich mehrfach täglich von der Polizei gefasst - und wieder frei gelassen werden. Die Aufklärungsquote bei den über 40.000 angezeigten Taschendiebstählen in 2015 liegt bei nur vier Prozent. Dabei ist die Dunkelziffer mindesten fünfmal so hoch, eher höher, sagt Sven Lichtenberg: "Jetzt sind mehr Gruppen von Taschendieben aus Südosteuropa da, seit zwei drei Jahren haben wir einen drastischen Anstieg. Sie begehen Taschendiebstahl im großen Stil." Vor allem in U- und S-Bahn, in den großen Umsteigebahnhöfen Ostkreuz, Alexanderplatz, Friedrichstraße, Hauptbahnhof, Bahnhof Zoo.

In der Heimat üben die Diebe nur

Weil die Diebe immer wieder auf Rolltreppen zugreifen, heißt das Verfahren "Scara Rulanta", rumänisch für "Rolltreppe". Es geht um die Auftraggeber, die aus Rumänien telefonische Anweisungen geben, mit wem wann geklaut werden soll, und wie viel Geld die zumeist jugendlichen Taschendiebe am Tag zu erbeuten haben. Das Mindestpensum liegt bei 300 Euro täglich. Ein Taschendieb aus Iaşi, der sich "Costel"" nennt, der aber nicht von der Polizei in Berlin gefasst worden ist, hat auch auf Rolltreppen gestohlen: "Meine zwei Kumpels stahlen und ich war erst noch nicht reif für die Taschen; ich musste immer die Rolltreppe anhalten. Im gleichen Moment bestahl einer von ihnen die Frau." Und so geht der Rolltreppentrick: "Bis zum Anhalten der Rolltreppe stand er hinter ihr, versicherte sich, dass niemand ihn beobachtete und dann, zack, hielt ich die Treppe an und die Frau wurde abgefrühstückt."

Iaşi gilt der Polizei als Schule der Taschendiebe. 300.000 Menschen leben in der Stadt rund 20 Kilometer vor der moldawischen Grenze am südöstlichen Ende der EU. Die örtliche Polizei kennt das Problem. Aber in der eigenen Heimatstadt üben die Diebe nur, bis sie gut genug sind, in Westeuropa viel Geld für ihre Großfamilien zuhause zu verdienen. So erklärt es auch der örtliche Chef der Kriminalpolizei, Gheorghe Fotea:  "Wir wissen, dass die Taschendiebe in sehr jungen Jahren schon das Stehlen lernen. Schon ab einem Alter von zehn Jahren beginnen sie mit Ladendiebstahl, dann geht´s an die Handtaschen, danach erst an Kleidung und Hosentaschen.  Einige von ihnen sind im Alter von 14 Jahren schon echte Profis." Die Täter aus dem Berliner Verfahren "Scara Rulanta" sind Roma, sie alle kommen aus einem Viertel am Stadtrand, in denen rund 1.000 von ihnen in sieben Großfamilien leben. Elena Motas ist die regionale Regierungsverantwortliche für diese Volksgruppe, sie ist selbst eine Roma.

Erstes Ziel im Westen ist häufig Paris

"Die meisten Roma hier leben entweder von der Bettelei oder vom Diebstahl und anderen Straftaten. Leider ist der Weggang in den Westen zum Stehlen Teil ihrer Normalität", sagt Elena Motas. In Rumänien gäbe es keine Alternative für sie. Die zutiefst antiziganistische Mehrheitsgesellschaft will sie nicht. Ihre eigenen Clans sind kriminell, aber wer ausbricht, den erwartet die soziale Isolation.

Das erste Ziel der Taschendiebe aus Iaşi ist häufig Paris, die westeuropäische Hauptstadt der rumänischen Roma. Die französische Sprache ist ihnen nahe, in den Roma-Camps im Norden der Stadt sind sie unter sich. Vor allem die zahlreichen chinesischen Touristen geraten hier ins Visier der Diebe, weil sie meistens viel Bargeld bei sich tragen. Zwischenzeitlich mussten das Louvre-Museum und der Eiffelturm sogar für Touristen schließen, weil das Wachpersonal mit den Taschendieben überfordert war. Es folgte eine Aufklärungskampagne, die Polizei ging rigoros gegen sie vor. Erst im Februar gelang der Gendarmerie ein Schlag gegen eine Bande aus dem rumänischen Craiova, deren Mitglieder längst auch in Berlin aktiv sind. Oberstleutnant François Després hat sich auf reisende Roma-Banden spezialisiert:  "Es sind meist polykriminelle Gruppen. Es gibt Clans, die Metalldiebstahl begehen, aber ein Teil von ihnen ist als Einbrecher unterwegs. Andere, zumeist die Jüngeren, sind Taschendiebe. Alle Mitglieder kommen irgendwie zum Einsatz. Der Clan muss nämlich Bargeld kriegen, komme, was wolle."

Von Paris an den Rhein, vom Rhein nach Berlin

Irgendwann 2013 dann ging nichts mehr in Paris für Taschendieb Costel und seine Kumpels: zu viel Aufklärung. Und sie waren längst der Polizei bekannt, ihre Beute wurde immer weniger. Also zogen sie weiter, nach Osten, in die nächste Metropolenregion: an Rhein und Ruhr. "Aber da waren schon andere, vor allem professionelle Diebe aus Marokko", sagt Costel. "Die Marokkaner sind krass. Mit denen hatten wir richtig Zoff. Denn als Taschendieb gehört dir immer ein bestimmtes Revier. In Düsseldorf hatten wir deshalb eine Schlägerei mit ihnen. Wir hatten keine Chancen gegen die und mussten abhauen."

Die Taschendiebe aus Iaşi zogen also noch weiter nach Osten. Auch so kam es, dass die Zahl der angezeigten Diebstähle in Berlin seither rasant angestiegen ist. Die Aussage von Costel und anderen Dieben deckt sich mit der Erkenntnis der Bundespolizei, wie der Berliner Ermittler Sven Lichtenberg bestätigt. Gemeinsam mit seinen Kollegen aus der "Ermittlungsgruppe Tasche" hat er 2013 die ersten Diebe aus dem Verfahren "Scara Rulanta" festgenommen: "Es ist ja deutschlandweit zu beobachten, dass Nordafrikaner langsam über den Westen einsickern. In Köln, Dortmund oder Düsseldorf haben sie sich breit gemacht, und verdrängen natürlich die Südosteuropäer weiter nach Osten." Nach Berlin.

Beitrag von Adrian Bartocha und Olaf Sundermeyer

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