Sven Kretschmer (links) und Tim Kretschmer-Schmidt (Quelle: rbb/Kerstin Topp)
Video: rbb aktuell | 12.08.2016

Interview | Erstes homosexuelles Paar heiratet kirchlich in Berlin - "Nach der Trauung werden wir gepflegt eskalieren"

Seit dem 1. Juli können homosexuelle Paare in Berlin und Brandenburg kirchlich heiraten. Das hat die Synode der Evangelischen Landeskirche im April mit großer Mehrheit beschlossen. Sven Kretschmer und Tim Kretschmer-Schmidt sind das erste Paar, das in der Hauptstadt kirchlich getraut wird. Am Freitag treten sie in Berlin-Mitte vor den Altar.

Am Freitag gibt es eine Premiere in Berlin. In der St. Marien-Kirche in Berlin Mitte wird mit Tim Kretschmer-Schmidt und Sven Kretschmer das erste homosexuelles Paar, das damit an die Öffentlichkeit geht, kirchlich getraut.  

Sie sind 14 Jahre zusammen und leben seit dem 23. Juni dieses Jahres in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft. Die ist Voraussetzung für die kirchliche Trauung in der evangelischen Kirche. Warum haben sie sich nach so einer langen Zeit für eine eingetragene Lebenspartnerschaft und eine kirchliche Hochzeit entschieden?

Sven Kretschmer: Zu heiraten war für uns immer ein Thema. Doch heiraten darf man es – staatlich gesehen – ja noch nicht nennen. Aber wir sind ja beide im christlichen Glauben verwurzelt. Und wir wollten vorher erst wirtschaftlich konsolidiert sein. Dann sagt man irgendwann: jetzt ist der Zeitpunkt, an dem man es machen kann und will. Und da kam der Entschluss der Synode für uns jetzt genau passend.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie am Freitag in die Kirche?

Tim Kretschmer-Schmidt: Erst einmal mit dem großen Gefühl der Dankbarkeit, dass wir schon 14 Jahre miteinander verbringen durften. Nicht alleine, sondern mit all den Menschen, mit denen wir auch feiern. Sie haben uns ganz unterschiedlich und auch unterschiedlich lange begleitet. Und natürlich auch mit der Bitte um eine schöne lange Zukunft miteinander.

Sind Sie auch ein wenig stolz darauf, die ersten zu sein, die das in Berlin machen?

Tim Kretschmer-Schmidt: Das haben wir ja so nicht geplant, das kam einfach so…

Sie sagten, dass sie beide im christlichen Glauben verwurzelt seien. Wie gläubig sind Sie?

Tim Kretschmer-Schmidt: Auf einer Skala von eins bis zehn? Sehr! Neun. (lacht)

Vor ein paar Monaten beschloss die Synode, homosexuellen Paaren die kirchliche Trauung zu erlauben. Haben Sie da sofort gedacht, dass Sie das machen wollen?

Tim Kretschmer-Schmidt: Es war schon so, dass wir sehr froh waren. Es war aber natürlich auch absehbar, weil die Synode das der Kirchenleitung im Herbst sozusagen als Hausaufgabe gegeben hatte. Wir hätten nicht erwartet, dass es mit so einer überwältigenden Mehrheit angenommen wird.

Es waren mehr als 80 Prozent?

Tim Kretschmer-Schmidt: Es waren, glaube ich, zehn dagegen, vier haben sich enthalten und 90 oder 91 waren dafür.

Sven Kretschmer: Und die kamen aus allen Regionen. Man denkt ja immer, die Berliner sind da offener und toleranter. Aber auch aus den ländlichen Regionen, aus Brandenburg, gab es große Zustimmung.

Wie lange haben Sie Ihre kirchliche Heirat geplant?

Tim Kretschmer-Schmidt: Wir sitzen seit Weihnachten dran. Es ist ja etwas, was wir selber gestaltet haben. Es ist ja unsere Feier. Es gab keinen "Wedding Planer" oder so etwas. Wir haben gesagt, wie wir es haben möchten. Auch in St. Marien, weil das ein Ort ist, der uns beiden viel bedeutet. Nicht nur als Gottesdienstgemeinde, wo wir gerne zusammen hingehen, sondern auch mit Eric Haußmann als Pfarrer. Und mit Justus Münster als Landespfarrer für Notfallseelsorge, den wir nun beide auch schon längere Zeit kennen.

Wie hat denn Ihr Umfeld auf die Entscheidung zur kirchlichen Trauung reagiert?

Tim Kretschmer-Schmidt: Das ging von "na endlich" bis zu "das ist ja schön". Wir haben ganz viel Zuspruch bekommen. Ich arbeite ja auch als Gemeindepädagoge in der Kirchengemeinde – auch da kamen ganz viele freudige Glückwünsche. Es waren durch die Bank positive Reaktionen.

Wie wird die Zeremonie am Freitag ablaufen?

Sven Kretschmer: Das wird ein ganz normaler Trauungsgottesdienst. Es gibt einfach keinen Unterschied mehr. Und wir haben ja selbst bei der Gestaltung ein bisschen mitgewirkt, haben uns ein paar Lieder mit ausgesucht, die für uns eine Bedeutung haben und uns passend erscheinen.

Tim Kretschmer-Schmidt: Sven hat uns auch einen Trauspruch ausgesucht.

Sven Kretschmer: Und wir haben auch jeder selbst ein Trauversprechen geschrieben, das wir gegenseitig noch nicht kennen.

In Internetkommentaren ist zur Entscheidung der Synode durchaus auch zu lesen, dass so mancher "schockiert" oder "als bekennender Christ schwer enttäuscht" ist. Da werden dann gern auch Bibelzitate genannt, wo Homosexualität als angebliches Gräuel bezeichnet wird. Ärgert Sie so etwas?

Tim Kretschmer-Schmidt: Also, erst einmal denke ich, dass wir eine Kirche der Vielfalt sind. Das heißt, dass wir natürlich alle getauft sind und dieser einen Kirche angehören. Ich finde es eher traurig, wenn Leute oder Gemeinden ihr Herz so eng machen und sagen 'das wollen wir nicht' oder 'das kommt für uns nicht in Frage'. Denn ich glaube, diese Menschen berauben sich eines Reichtums. Ich kann, gerade unter Christenmenschen, auch in einer Geschwisterlichkeit nicht sagen 'mein Glaube erlaubt dir das nicht'. Es ist eine synodale Entscheidung. Die ist gefallen und so ist die Kirche strukturiert. Wir hätten auch damit leben müssen, wenn sich die Synode dagegen entschieden hätte.

Zum Glück ist es anders gekommen. Was passiert morgen nach der Trauung?

Tim Kretschmer-Schmidt: Da werden wir ganz gepflegt mit unseren Freundinnen und Freunden eskalieren und das Leben und die Liebe feiern.

Was ist Ihr größter Wunsch für die Schwulenbewegung und privat?

Tim Kretschmer-Schmidt: Ich persönlich wünsche mir, dass Schwule und Lesben und Transgender und Bisexuelle und alle, die sich von der Kirche ausgeschlossen fühlen, jetzt sehen, dass die Kirchentüren ganz weit offen stehen. Und dass die Menschen sagen, dass sie zurückkommen können und willkommen sind. Als Mitarbeitende, als Ehrenamtliche oder auch einfach nur als Gemeindemitglieder. Das ist meine große Hoffnung.

Sven Kretschmer: Ich wünsche mir, dass wir noch lange eine gute gemeinsame Zeit haben.

 

Das Interview führte Uwe Hessenmüller, radioBerlin 88,8

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