Kommentar | Kirchliche Trauung homosexueller Paare - "Gott segnet nicht nur auserwählte Paarkonstellationen"

In Berlin und Brandenburg werden homosexuelle Paare jetzt auch kirchlich getraut. Nur eine Randmeldung? Von wegen! Glaube niemand, dass das keine Revolution ist. Sie ist es, meint Friederike Sittler

Trauung statt Segnung. Was soll der Wirbel darum? Zwei Menschen erbitten den Segen Gottes und feiern ihren Bund fürs Leben gemeinsam mit Menschen, die ihnen wichtig sind. Liturgisch ist es quasi einerlei, ob Trauung oder Segnung über dem Gottesdienst steht.

Dass homosexuelle Paare überhaupt vor den Altar treten können, war eine Revolution – Anfang der 2000er Jahre – und weil mit Widerstand zu rechnen war, durften Pfarrer und Gemeinden auch jeweils einzeln entscheiden, ob sie zu diesem Schritt überhaupt bereit waren.

Etwa 30 Paare trauen sich pro Jahr in Berlin und Brandenburg. Am Ende des feierlichen Gottesdienstes war bislang der große Unterschied, so weiß ich auch aus eigener Erfahrung, dass das Paar ohne kirchliches Dokument und ohne Eintragung im Kirchenbuch von dannen zog. Als hätte es die Feier nie gegeben.

Ab jetzt stehen diese Ehen im Kirchenbuch

Das ist jetzt anders. Die Paare haben ein Recht darauf getraut zu werden, und die Kirchenbücher, so altmodisch sie anmuten mögen, sind ein wichtiges Dokument des Wandels:  Ehen über Standesgrenzen hinweg; uneheliche Kinder, Namenswahl – Forscher lesen eine Menge aus diesen alten Unterlagen. Somit ist der Eintrag einer homosexuellen Partnerschaft ins Kirchenbuch – auch rückwirkend möglich für all die bereits gesegneten Paare – auch später noch ein nachvollziehbarer Beleg eines wahren gesellschaftlichen Wandels.

Wen dieser Fortschritt nun wieder stört, weil doch die Ehe Mann und Frau vorbehalten und der Zeugung von Kindern diene, dem sei entgegengehalten, dass erstens auch Heteropaare heiraten, die keine Kinder wollen oder bekommen können und dass zweitens der Segen Gottes für die Partnerschaft erbeten wird – und ich wüsste nicht, wo in der Bibel steht, dass Gott nur ausgewählte Paarkonstellationen segnet.

Manche Katholikinnen und Katholiken, sonst vielleicht stolz darauf einer Weltkirche anzugehören, in der alle Regeln für alle gelten, blicken jetzt möglicherweise neidisch auf die Protestanten. Die haben den Vorteil, in kleineren Einheiten organisiert zu sein – und so gehen die rheinische und die hiesige Kirche mit großen Schritten voran. Andere Protestanten sind längst nicht so weit. Aber das gilt im staatlichen Rahmen ja auch. Ja, es gibt weltweit bereits in etlichen Staaten die Homo-Ehe, dazu die eingetragenen Partnerschaften wie in Deutschland – aber dann auch die vielen Länder in denen Homosexualität nach wie vor unter Strafe steht, verfolgt wird.

Auch die katholischen Paare werden gemeinsam veranlagt

Glaube also niemand, dass die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare keine Revolution ist. Sie ist es. Manch andere Revolution allerdings geschieht abseits öffentlicher Zeremonien und Kameras. Was wohl kaum jemand mitbekommen hat: die Kirchen - in Zweckehe verbunden mit den hiesigen Finanzämtern - mussten schlucken, dass Homopaare inzwischen gemeinsam steuerlich veranlagt werden – und damit die Eheregeln auch für den Kirchenobulus gelten.

Somit hat durch die Hintertür selbst die katholische Kirche akzeptiert, dass sie zahlende Mitglieder hat, die gleichgeschlechtlich leben und sich zu ihrer Verantwortung füreinander bekennen. Dafür gibt sie zwar noch nicht ihren Segen, aber berechnet doch die steuerliche Vergünstigung. Immerhin.

Beitrag von Friederike Sittler

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