Das Straßenschild der Emser Straße in Berlin-Neukölln (Quelle: imago/Olaf Wagner)
Video: Abendschau | 20.08.2016 | Ulli Zelle, Olaf Sundermeyer | Studiogast: Bodo Pfalzgraf, Polizeigewerkschaft

Arabische Großfamilien in Neukölln und Wedding - Aggressive Rudelbildung als Strategie gegen Polizeieinsätze

Bei einem Polizeieinsatz gegen einen elfjährigen Mehrfachtäter in Berlin-Wedding Anfang August waren Polizisten plötzlich von einer aufgebrachten Menge bedrängt worden. Ein Video von dem Einsatz wurde tausendfach im Netz verbreitet und der Polizei Unverhältnismäßigkeit vorgeworfen. Dabei steckt hinter dieser Rudelbildung eine Strategie. Von Olaf Sundermeyer

Weil kaum ein Außenstehender in Berlin das Leben der arabischen Großfamilien so gut kennt, wie der im Libanon aufgewachsene Ralph Ghadban, nimmt er sich eine Medienschelte heraus: "Es ist unverantwortlich, was einige Redaktionen nach diesem Vorfall im Wedding berichtet haben", sagt der Migrationsforscher. "Das war kein persönlicher Streit zwischen Polizisten und Angehörigen eines Clans, wie es fälschlicherweise dargestellt wurde, sondern eine bewusst herbeigeführte Eskalation, weil sie den Staat raus haben wollen aus ihrem Terrain."

Zwar war Ghadban ebenso wenig dabei wie die berichtenden Journalisten, als Anfang des Monats einige Polizisten im Einsatz gegen einen 11-jährigen Mehrfachtäter von einer Gruppe aus Mitgliedern einer arabischen Großfamilien bedrängt wurden. Zwar kennt auch er den genauen Sachverhalt nicht, aber Ghadban erkennt ein Muster: Eine austauschbare Lapalie - in diesem Fall Kinder, die in einem geöffneten Auto im Soldiner Kiez den Motor gestartet haben -, dann kommt die Polizei, dann die Meute, darunter die Familienmitglieder des 11-Jährigen.

Nach dem Einsatz mehren sich die polizeikritischen Stimmen

Blitzschnell werden die Polizisten von einem Menschenrudel umringt, unter Druck gesetzt, provoziert. Einer der Beteiligten zeichnet dabei ein Handyvideo auf. Dabei immer im Fokus: Die hochnervösen Polizisten. "Aufnehmen, aufnehmen!" befiehlt eine junge Männerstimme, die auf dem Video zu hören ist. "Alles auf Aufnahme!" Zu sehen sind vor allem Polizisten, wie sie einen Mann zu Boden ringen, wie sie zwei hysterisch wirkende Frauen mit Pfefferspray abwehren.

Das Video gibt kein gutes Bild der Polizei ab. Auch deshalb mehren sich nach dem Einsatz die polizeikritischen Stimmen in der Öffentlichkeit. Zum Ärger von Ralph Ghadban. Das Netz ist voll von ähnlichen Videos. Auch das ist ein Grund dafür, warum Berliner Polizisten sich den Einsatz eigener Body-Cams wünschen, Körperkameras, mit denen sie ihrerseits solche Situationen dokumentieren können. Denn längst ist die Propaganda, das Manipulieren mit Hilfe von Bildern, ein Mittel im Kampf um die Straße: Bei Extremisten ebenso wie bei Kriminellen oder den arabischen Großfamilien, die ihre Parallelwelt gegen staatliche Einflüsse verteidigen.

Parallelwelt mit eigenen Geldquellen und Regeln aufgebaut

"Das läuft über Handy, SMS, Whatsapp", sagt Ghadban. "Sie haben den Vorteil solcher Rudelbildung-Auftritte entdeckt. Damit wollen sie Polizeieinsätze verhindern." Tatsächlich denken einige Polizisten im Einsatz inzwischen darüber nach, ob sie sich wegen Bagatelldelikten überhaupt noch in die Angelegenheiten der arabischen Großfamilien einmischen sollen. Nicht nur im Wedding, auch in Moabit, Charlottenburg oder Neukölln. Überall dort sind zahlreiche der mindestens 9.000 Mitglieder arabischer Großfamilien zu Hause. Rund 15 solcher Clans gibt es in Berlin.

Die meisten kamen in den 80er Jahren als Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Libanon und haben sich hier eine Parallelwelt aufgebaut. Dazu gehören eine eigene Ökonomie, die häufig aus den Erträgen von Straftaten gespeist wird, eine eigene Rechtsprechung für interne Streitigkeiten, die offizielle Gerichte negiert, und eigene familiäre Regeln, damit der Clan nicht ausstirbt, sondern wächst. "Jeder, der etwas gegen ihre kriminellen Geschäfte unternimmt, gegen Drogenhandel, Prostitution und so weiter, der wird eingeschüchtert", sagt Ghadban: "Das machen sie auch in den Gerichten. Bei jedem kleinen Streit mit einem von ihnen hat man plötzlich die ganze Sippe am Hals."

Die Polizei ist nicht erwünscht

So wie die Kollegen von Polizeidirektor Thomas Böttcher, dem Leiter des "Abschnitts 55" im Neuköllner Rollbergkiez. Ein paar Minuten von der Dienststelle entfernt liegt die Emser Straße. Polizisten nennen diese Gegend "Araberland". In ganz Deutschland gibt es kaum eine Gegend mit einer höheren Dichte an Menschen mit einem arabischen Migrationshintergrund. 70 Mitglieder arabischer Großfamilien leben allein in dieser Straße, darunter zahlreiche Kriminelle. Hier gehören den Großfamilien auch einige Mehrfamilienhäuser.

Die Polizei ist hier nicht erwünscht. Jederzeit können auch hier Routineeinsätze eskalieren, wie nach einem Verkehrsunfall vor einigen Monaten. "Eine eher belanglose Geschichte, die dazu geführt hat, dass sich innerhalb ganz kurzer Zeit 50 bis 70 Personen um meine Mitarbeiter versammelt haben, diese bedrängt und beschimpft haben", erinnert sich Böttcher. "Sie wollten eben deutlich machen, dass sie sich im Zweifel gegen eine kleine Zahl von Beamten durchsetzen können."

Einzelne Polizisten würden von Mitgliedern der Großfamilien sogar nach Dienstschluss bedroht, erzählt Böttcher. Sie seien verfolgt, abgepasst und mit dem Auto bedrängt worden. Wie der Migrationsforscher erkennt der Polizist in dieser aggressiven Behelligung ein planmäßiges und wiederkehrendes Handeln, über das gezielt eine Drohkulisse aufgebaut wird. "Damit sie in Ruhe ihren kriminellen Geschäften nachgehen können", so der Polizist. Für den erfahrenen Thomas Böttcher steht außer Zweifel, dass die Clans über dieses Konzept das Gewaltmonopol des Staates herausfordern. Das gelte im Übrigen nicht nur gegenüber der Polizei, auch im Kontakt mit anderen Behörden, wie dem Jugend- oder dem Finanzamt.

Kampf um die territoriale Deutungshoheit

Für die Neuköllner Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) sind das Zustände, die sie nicht akzeptieren kann. Deshalb betont sie, dass die staatlichen Stellen den Kampf um die territoriale Deutungshoheit in solchen Kiezen nicht aufgeben dürfen. Statt eines Rückzugs wünscht sie sich eher mehr Polizei in der Emser und anderen Straßen. "Es braucht eine starke Polizei, um dort den Rechtstaat durchzusetzen", sagt sie. "Es ist wichtig, dass wir bestimmte Straßen nicht zu No-Go-Areas erklären oder zu Gebieten, wo der Staat keinen Einfluss mehr hat. Das darf nicht passieren." Deshalb wird die Polizei auch weiterhin Präsenz zeigen. Auch wenn sie damit die Rudelbildung provoziert.
 

Beitrag von Olaf Sundermeyer

Das könnte Sie auch interessieren