Rosen zum Gedenken an die junge Frau, die vor die U-Bahn gestoßen wurde (Quelle: rbb/Bartsch)

Opfer stirbt mit 20 am Ernst-Reuter-Platz - Prozess gegen U-Bahn-Schubser beginnt

Hamin E. soll Ende Januar am Ernst-Reuter-Platz eine junge Frau unter die U-Bahn gestoßen haben. Die 20-Jährige starb noch am Unfallort. Am Donnerstag beginnt vor dem Landgericht Berlin der Prozess wegen Mordes. Aber der Mann gilt als schuldunfähig - er war einen Tag vor der Tat aus der Psychatrie entlassen worden. Von Ulf Morling

Amanda K. wartet am Tatabend auf den Zug der U 2. Die 20-Jährige hatte eine Freundin besucht und will nach Hause fahren. Sie steht ein paar Meter von der Bahnsteigkante entfernt und schreibt um 23:35 Uhr ihrer Mutter eine Whatsapp-Nachricht: "Ich komme jetzt nach Hause". Kurz darauf sendet sie ihr noch ein Smiley mit dem Text: "Ich liebe Dich auch". Sie schickt, ohne es zu wissen, die letzte Liebeserklärung an ihre Mutter.

"Mit voller Wucht gestoßen"

Als die U-Bahn einfährt, tritt ein Mann mit roter Jacke an Amanda heran. Sie ist noch mit ihrem Handy beschäftigt. Der stämmige Mann schubst Amanda von hinten kraftvoll in den Rücken. Sie sei "mit voller Wucht auf die Schienen gestoßen worden", sagt ein Zeuge später. Die junge Frau hat keine Chance. Sie fällt ins Gleisbett und wird überrollt, obwohl die Zugführerin sofort eine Notbremsung einleitet. Amanda K. ist sofort tot.

Hamin E. dreht sich um und geht gemächlich in Richtung Ausgang. "Haltet diesen Mann fest," ruft ein Wartender. Sofort wird E. umringt und lässt sich widerstandslos festnehmen. Ein Psychotherapeut, der ebenfalls auf die U-Bahn wartet, sagt später, dass er ein Lächeln im Gesicht des Beschuldigten gesehen habe. Nach einer solchen Tat sei diese Reaktion ein typisches Zeichen für eine psychische Krankheit. Neben etlichen Fahrgästen sind auch fünf Videokameras unbestechliche Zeugen des schrecklichen Geschehens: umbarmherzig halten sie jenen Augenblick fest, als Amanda von der U-Bahn überrollt wird.

Beschuldigter ist krank und obdachlos

Hamin E. war erst am Tattag mit der Bahn von Hamburg nach Berlin gefahren. Er war in der Hansestadt wieder einmal aus der Psychiatrie entlassen worden und obdachlos. Obwohl seine Eltern in Hamburg wohnten, wollte er in die Hauptstadt. Im Zug wird er beim Schwarzfahren erwischt, darf aber weiterfahren. Doch die Notübernachtung in Charlottenburg hat am 19. Januar 2016 keine freien Plätze mehr. E. will in einem Obdachlosenasyl in Schöneberg sein Glück versuchen. Auf dem Weg dorthin trifft er im U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz auf Amanda K.. Er habe sich bereits seit Hamburg verfolgt gefühlt, sagt Hamin E. nach der Tat. Er habe Angst gehabt. Er habe die Frau auf dem Bahnsteig verwechselt und sie nur zur Seite schubsen wollen. Es tue ihm leid.

"Du warst mein Ein und Alles!"

Nach Amandas Tod werden im U-Bahnhof Blumen, Kränze und Kerzen aufgestellt. Die Mutter der 20-Jährigen schreibt ein riesiges Transparent mit einer Liebeserklärung an ihre tote Tochter: "Du warst und bist mein Ein und Alles, mein Baby, meine Große, meine Beste und meine Schönste!...Ich liebe Dich, meine Große, meine Liebe, mein Engel, meine Robbe."

Amanda K. hatte seit anderthalb Jahren das Abitur. Sie arbeitete in Potsdam in der Firma, wo auch ihre Mutter tätig war. Sie kümmerte sich um die jüngere Schwester und hatte viele Pläne. Sie sprach fließend Schwedisch, Deutsch und Englisch. Seit die 20-Jährige tot ist, sind Mutter und ihre kleine Schwester in Therapie.

Psychisch krank seit der Kindheit

Nachdem in der Öffentlichkeit bekannt wird, dass der des Mordes beschuldigte Hamin E. bereits über ein Dutzend Mal in der Psychiatrie behandelt und mehrfach straffällig wurde, empören sich viele: Man hätte den 29-Jährigen nicht entlassen dürfen aus der Psychiatrie in Hamburg, dann wäre die schreckliche Tat nicht passiert. Doch E. ist bereits seit dem 11. Lebensjahr psychisch auffällig. Eltern, Lehrer, Jugendamt, Ärzte, Richter und Betreuer haben seit dieser Zeit versucht, ihm zu helfen und die Bevölkerung gleichzeitig vor ihm zu schützen. So steht es in den Akten.

1985 flüchteten Hamids Eltern aus dem Iran im ersten Golfkrieg nach Deutschland. Zwei Jahre später wird Hamid in Hamburg geboren. Die Eltern sind gut integriert und haben bald die deutsche Staatsbürgerschaft. Hamid bringt gute Noten nach Hause. Mit elf wird er plötzlich verhaltensauffällig. Er schwänzt Schule und beginnt Haschisch zu rauchen. Er verwüstet die Wohnung. Das Jugendamt rät den Eltern, E. in eine Drogenentzugsklinik zu geben. Weil er beim Abziehen eines Bekannten das Opfer mit einem Messer schwer verletzt, wird der 14-Jährige schließlich verhaftet und zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. Erst viel später stellen Ärzte eine Psychose bei Hamid E. fest. Seine Odyssee durch die Psychiatrie beginnt 2002, unterbrochen von Straftaten wie Diebstahl, Raub und Körperverletzung. Manchmal begeht er die Straftaten, um in den Knast zu kommen und ein Dach über dem Kopf zu haben. 13 Einweisungen und elf psychiatrische Gutachten später erfolgt der tödliche Stoß auf dem U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz.

Blumen auf dem U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz in Berlin erinnern an die Frau, die am Dienstag vor eine U-Bahn gestoßen worden war. (Quelle: dpa)
Menschen bringen nach dem Tatabend am 19. Januar 2016 Blumen zur Unglücksstelle

Am Tag vor der Tat aus der Psychatrie entlassen

Jahrelang hatten Psychiater versucht, das "ungewöhnliche Krankheitsbild" - so ein Gutachter - über Hamid E. zu erforschen und dem jungen Mann zu helfen. Nach jahrelanger Therapie soll er zuletzt keine Drogenprobleme mehr gehabt haben. Eine akute Psychose läge nicht mehr vor, so die Ärzte. Die letzte richterliche Anhörung im November 2015 ergibt, dass es "keine Anhaltspunkte für fremdaggressives Verhalten" bei E. gebe. Am 1. Januar 2016 hat E. das letzte Mal vor der Tat in Berlin eine psychiatrische Klinik in seiner Heimatstadt Hamburg aufgesucht. Freiwillig. Einen Tag bevor Amanda stirbt, wird er dann quasi vor die Tür gesetzt "wegen fehlender Behandlungsgrundlage und fehlender akuter Eigen- und Fremdgefährdung", wie zwei Wochen nach der Tat der Hamburger Senat auf eine Kleine Anfrage aus der Bürgerschaft erklärt.

Fünf Prozesstage bis Mitte Oktober

"Ich hoffe, Du bist an einem sichereren Platz als hier und das für immer…Deine Mami (Muttimaus)", schreibt die Mutter Amandas auf dem Transparent am U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz.

Hamid E. ist aus Sicht der Staatsanwaltschaft weiter gefährlich, wenn auch schuldunfähig. Er soll zum Schutz der Allgemeinheit (wieder) in die geschlossene Psychiatrie. Psychiatrische Gutachter und Richter müssten, wenn E. verurteilt würde, in Abständen überprüfen, ob der Beschuldigte noch gefährlich ist. Wenn nicht, müsste Hamid E. wieder irgendwann entlassen werden. Fünf Prozesstage bis Mitte Oktober sind vorgesehen.

Beitrag von Ulf Morling

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