Ein Tablette des Medikaments Prep. (Quelle: Gilead Sciences)

Interview | Zum Welt-Aids-Tag - "Es ist nach wie vor nicht schön, HIV zu bekommen"

Erstmals ist ein Medikament auf dem deutschen Markt, das vorbeugend gegen eine HIV-Infektion genommen werden kann: Die "Prep" könnte den Kampf gegen HIV und AIDS weiter voranbringen, sagt Heiko Jessen, der eine Schwerpunktpraxis in Schöneberg betreibt.

rbb|24: Herr Dr. Jessen, seit Anfang Oktober ist in Deutschland das Medikament Truvada erhältlich, auch Prep (Präexpositionsprophylaxe) genannt. Es kann zur HIV-Prophylaxe eingesetzt werden und soll bis zu 90-prozentigen Schutz bieten. Was halten Sie davon?

Dr. Heiko Jessen: Ich bin ein radikaler Befürworter, weil ich wirklich glaube, dass man viel Leid verhindern kann, wenn man so etwas in die erfahrenen Hände von Infektiologinnen und Infektiologen legt.

Kann man von einer neuen Ära im Kampf gegen HIV sprechen?

Absolut. Wenn man das für bestimmte Zielgruppen bewirbt, könnte man die Infektionsrate - die in Deutschland zwar auf einem niedrigen Niveau liegt, aber dennoch seit Jahren steigend ist - deutlich beeinflussen.  

Truvada ist sehr teuer, eine Monatsration kostet 820 Euro. Sollen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten übernehmen?

Ja. In Europa machen das bereits zwei Länder: Frankreich und Norwegen. Das ist eine Grundsatzentscheidung: Es gibt Präparate wie bei Hepatitis C, die kosten pro Monat 25.000 Euro. Eine klassische HIV-Therapie kostet das Doppelte wie die Prep – 1.500 bis 2.000 Euro im Monat. Eine HIV-Infektion in Deutschland kostet im Moment 600.000 Euro im Durchschnitt für ein ganzes Leben. Und es wird nicht lange dauern, dann werden wir uns den USA annähern, die sind bei über einer Million.

Wenn die Krankenkassen nun sagen: 820 Euro kostet das Medikament im Monat, da wären Kondome aber deutlich billiger...

Denen entgegne ich, dass Pilotstudien ergeben haben, dass 30 Prozent und mehr aller Männer Probleme mit einer Erektion haben, wenn sie Kondome benutzen. Ich habe viele junge, schwule Patienten, von denen viele Anwärter auf eine künftige HIV-Infektion sind. Ich mag den Begriff Risikogruppe nicht und spreche lieber von Zielgruppe oder Menschen mit besonderer Exposition.

Bei manchen kann man schon fast voraussagen, dass die innerhalb des nächsten halben Jahres mit einer HIV-Infektion vor mir sitzen. Deswegen bin ich so frustriert, wenn ich weiß: Es gibt die Prep, und ich kann sie ihnen zwar verschreiben, aber die meisten können sie nicht bezahlen.

Nochmal zurück zu den Kondomen...

Das Argument, man könne doch Kondome nehmen, weil die viel billiger seien, ist richtig, aber das tun viele eben nicht. Es ist ja nicht relevant, was man theoretisch tun könnte. Wir müssen uns doch an die Realitäten halten. Menschen essen zu viel, sterben an Herzkreislauferkrankungen oder Diabetes, rauchen zu viel – da könnte man auch sagen: Wenn der nicht geraucht hätte, dann hätte er keinen Lungenkrebs gekriegt.

Wir müssen unsere Prävention der Realität anpassen. Fakt ist, dass zunehmend Menschen ohne Kondom Sex haben. Man schätzt, dass in Berlin in der Szene sieben von zehn schnellen Kontakten ohne Kondom ablaufen. Das ist in den letzten Jahren auf jeden Fall mehr geworden.

Weil HIV-Infektionen jetzt besser behandelbar sind?

Das spielt alles sicherlich eine Rolle. Viele finden Sex ohne Kondom eben schöner. Eine Infektion hat den Schrecken verloren und ist behandelbar. Viele von den jungen Schwulen haben Freunde mit HIV, die sehen natürlich: Die leben das gleiche Leben wie ich, die gehen zur Schule, zur Arbeit, ins Sportstudio, zur Party – wo ist der Unterschied?

Und wo ist der Unterschied?

Es ist nach wie vor nicht schön, HIV zu bekommen. Es gibt das, worüber wir sehr ungern reden mit den Patienten: Auch bei erfolgreicher Therapie gibt es einen chronischen Entzündungszustand im Körper, der zum Beispiel auch Arteriosklerose fördert. Es besteht also die Gefahr, Herzinfarkt und Schlaganfälle im Durchschnitt zehn Jahre früher zu bekommen. Auch Tumore tauchen häufiger auf bei HIV-Infizierten.

Könnte es auch bald einen Impfstoff geben?

Das wird kommen, aber es wird noch dauern. Schneller werden therapeutische Impfstoffe kommen, wo Infizierte geimpft werden, und durch die Impfung eine Immunreaktion ausgelöst wird, die das HIV im eigenen Körper bekämpfen soll.

Das Interview führte Matthias Pohl

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