Paar am Strand/Motivbild (Quelle:dpa/Bernd Wüstneck)
Audio: Inforadio | 17.02.2017 | Annette Miersch

Kinderwunschmesse in Berlin - Plan B gab es nicht

Der Wunsch nach eigenen Kindern erfüllt sich nicht für jeden. Fast zehn Prozent der deutschen Paare bleiben ungewollt kinderlos. Doch mit Hilfe der Reproduktionsmedizin ist vieles möglich. Dafür gehen die Betroffenen auch bis an ihre Grenzen. Von Annette Miersch

Elisabeth und Lars hatten zwei Mal Glück, Riesenschwein muss man eigentlich sagen: Eine fast 4-jährige Tochter und nun auch ein vier Monate altes Söhnchen halten das Berliner Ehepaar auf Trab. Beide Kinder sind das Resultat künstlicher Befruchtung. Dabei war das Paar Ende 30 aus medizinischer Sicht selbst für die Kinderwunschbehandlung ein hoffnungsloser Fall. Kennengelernt haben sich beide erst mit Mitte 30. Da wusste Elisabeth bereits von ihrem Frauenarzt, dass sie fast keine Eizellen mehr hat. Recht schnell stand für Elisabeth und Lars fest, dass sie sich medizinisch helfen lassen wollen. Der starke, gemeinsame Kinderwunsch einte das Paar. Sie wäre ohne Kinder nicht glücklich geworden, sagt Elisabeth. Und auch Lars findet: Ihm hätte ohne Vatersein definitiv etwas gefehlt.

Schreckliche Zeit der Ungewissheit

Die Behandlung hatte es dann in sich. Körperlich wie auch seelisch war sie eine Belastung: täglich Hormon-Spritzen bis zum Eisprung. Dann wurde in der Klinik das Ei unter Vollnarkose entnommen, befruchtet und später wieder eingesetzt. Dann beginnt das Bangen, erzählt Elisabeth. "14 Tage der Warterei, ob sich die Eizelle einnistet, dann wieder 14 Tage bis zum Bluttest - eine ganz schreckliche Zeit. Und dann der erlösende Anruf vom Professor: Jawoll, Sie sind schwanger."

Zwei Kinder bei insgesamt nur drei Versuchen, das schlägt jede Statistik. Das ist der Sekretärin und dem Verwaltungsbeamten klar. In ihrem Bekanntenkreis gibt es mehrere Paare, die mehr als drei In-Vitro-Versuche hinter sich haben und immer noch kein Kind in den Armen halten. Die Kunstfertigkeit der Ärzte und Labormitarbeiter ringt ihnen immer noch tiefe Dankbarkeit ab. Doch wie weit wären sie gegangen, wenn es nicht so schnell geklappt hätte? Darüber, sagt das Paar, haben sie nie nachgedacht. Plan A habe schon genug Kraft gekostet, sagen beide.

Die hohen Behandlungskosten haben Lars und Elisabeth in Kauf genommen und die Rücklagen reichten aus. Als unverheiratetes Paar mussten sie zwei Versuche privat bezahlen - insgesamt 13.000 Euro. Beim dritten Versuch waren sie schon verheiratet, da sprang dann die Krankenkasse ein. Kinderwunschpaare auch über finanzielle Hilfen aufzuklären, findet der Berliner Reproduktionsmediziner Heribert Kentenich wichtig. Er ist leitender Arzt in der wohl größten Berliner Fruchtbarkeitsklinik, im "Fertility Center" in Westend. Grenzen für die Kinderwunschbehandlung gibt es viele, sagt Kentenich. Der Arzt müsse deswegen nachweisen, dass das Verfahren eindeutig mehr nutzt als schadet, und alle Beteiligten müssten gut beraten sein.

Gesetzesgrundlage stammt aus dem Jahr 1991

Kentenich wirkt in bio-ethischen Arbeitsgruppen der Bundesärztekammer sowie der Nationalen Akademie der Wissenschaften mit. Auch dort vertritt er seine Haltung, dass die deutsche Gesetzgebung in Sachen Reproduktionsmedizin hinterherhinkt. Zum Beispiel sind Eizellspende und Leihmutterschaft bei uns verboten, geregelt durch das Embryonenschutzgesetz von 1991. Das sei längst überholt, findet Spezialist Kentenich. Das psycho-soziale und medizinische Wohlergehen der Kinder sei inzwischen gut erforscht und sichergestellt.  

Die Ausbeutung und den Missbrauch von Billig-Leihmüttern in Südostasien und Osteuropa lehnt der Fruchtbarkeits-Fachmann ab. Eine Legalisierung in Deutschland, so meint er, könnte den Missbrauch eindämmen. Nach Kentenichs Auffassung ist reproduktionsmedizinisch also erlaubt, was - empirisch belegt - den Beteiligten nicht schadet, sondern nützt. Diese Formel zieht auch der katholische Moral-Theologe Andreas Lob-Hüdepohl zu Rate, wenn er die ethischen Grenzen assistierter Fortpflanzung abstecken soll: "Die Eizell-Spende muss ethisch analog beurteilen werden wie die Samenspende, die erlaubt ist. Das ist ein Wertungswiderspruch."

Ein zu hoher Preis für die Kinderwunsch-Erfüllung?

Folglich müsste die Eizellspende in Deutschland eigentlich legalisiert werden, meint Lob-Hüdepohl, Mitglied im Deutschen Ethikrat und Berater der Deutschen Bischofskonferenz. Die Leihmutterschaft lehnt er kategorisch ab. Die Bindung zwischen der Schwangeren und dem heranwachsenden Kind nach der Geburt zu kappen, sei ein zu hoher Preis für die Erfüllung eines Kinderwunsches. Und genau deshalb sei das Embryonenschutzgesetz mit den allermeisten seiner Verbote richtig und wichtig: "Wenn ich etwas erlaube, dann schaffe ich Anreize, eine Anwendung nicht nur in einer Grenzsituation zu nutzen, sondern die Grenzsituation auch zu produzieren."

Andreas Lob-Hüdepohl (Quelle: Deutscher Ethikrat BG ALH)
Der katholische Moral-Theologe Andreas Lob-Hüdepohl lebt in Berlin

Fest steht, dass die Grenzen für die Reproduktionsmedizin in Deutschland ständig neu verhandelt werden. Der wachsende Markt und die steigenden medizinischen Erfolgsaussichten drücken aufs Tempo, das weiß der Ethiker Lob-Hüdepohl genauso gut wie der Reproduktionsmediziner Kentenich. Beide ringen in ihrer täglichen Arbeit mit um die Wege, die Menschen mit Kinderwunsch bei uns offenstehen.

Eine sehr schwierige Aufgabe, meint das Berliner Ehepaar Lars und Elisabeth. Nochmal würden sie das Schicksal nicht herausfordern wollen, so die Eltern. Die zwei fühlen sich mit ihren beiden Kindern als Familie jetzt komplett. "Wir sind dankbar und wissen, dass wir mit zwei gesunden Kindern gesegnet sind."

Beitrag von Annette Miersch

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