Polizist mit Dienstwaffe vor Einsatzwagen (Quelle: imago/Eibner)

Kriminologe hält Polizisten für überfordert - "Am Schluss steht oft die Katastrophe"

Schon einmal, am Neptunbrunnen, erschossen Berliner Polizisten einen geistig Verwirrten. Jetzt starb in Hohenschönhausen wieder ein Mann durch Polizeikugeln. Der Fall zeige, dass Polizisten im Umgang mit psychisch Kranken oft überfordert seien, sagt der Kriminologe Rafael Behr. Von Daniel Marschke

Nach den tödlichen Polizei-Schüssen auf einen geistig verwirrten Mann in Berlin-Hohenschönhausen zeigen im Internet viele Menschen Verständnis für die Beamten und sprechen von Notwehr. Andere fragen sich, ob der 25-Jährige tatsächlich sterben musste.

"Weniger tödliche Waffen in Erwägung ziehen"

"Ich war ja nicht dabei und verstehe auch nichts von Polizeiarbeit. Trotzdem frage ich mich, ob weniger tödliche Waffen wie Pfefferspray oder Elektroschocks wenigstens in Erwägung gezogen wurden. Insbesondere, da man ja offenbar schon wusste, dass der Mann suizidal und bewaffnet ist",

schreibt einer unserer Leser. Ein anderer kommentiert:

"Die Polizei trifft hier kaum die Schuld, im Interesse der eigenen Gesundheit war wohl nix anderes möglich. Trotzdem sollte man künftig über Alternativen in der Vorgehensweise nachdenken, um solche Ergebnisse zu verhindern. Das ist ja nicht der einzige Fall, in dem mutmaßlich geistig beeinträchtigte Personen durch augenscheinlich überhastete Maßnahmen zu Tode kamen."

25-Jähriger hatte sich hinter seine Wohnungstür verschanzt

Auch aus Sicht von Polizei-Experten stellt sich die Frage, ob das Verhalten beim Einsatz in Hohenschönhausen angemessen war. "Wenn Waffen im Spiel sind, geht bei Polizisten die rote Lampe an", sagt Rafael Behr, Professor für Polizeiwissenschaften mit den Schwerpunkten Kriminologie und Soziologie an der Akademie der Polizei Hamburg.

Im konkreten Fall war die Polizei am Dienstagabend nach Hohenschönhausen gerufen worden, wo ein junger Mann damit drohte, jeden, der seine Wohnung betritt, zu töten. Auch sich selbst wollte er umbringen. Nachdem die Polizei die Tür aufgebrochen hatte, ging der offenbar verwirrte Mann mit dem Messer auf die Polizisten zu. Daraufhin wurde er von mindestens einer Polizeikugel getroffen und verstarb noch in der Wohnung.

Rafael Behr, Kriminologe und Soziologieprofessor (Quelle: dpa/Ulrich Perrey)
Rafael Behr, Kriminologe und Soziologieprofessor

"Psychisch erregte Menschen reagieren extrem"

Behr sagt, zwar würden junge Polizisten in ihrer Ausbildung auch etwas über psychische Ausnahmezustände und Psychosen erfahren, in der Praxis aber fehle im Umgang mit psychisch Kranken oft die Erfahrung. Auch könne man in der Ausbildung die reale Situation nicht genügend nachahmen. "Ein psychisch erregter Mensch reagiert extremer als ein Sparringspartner im Polizeitraining", so Behr weiter.

Dabei erfordere der Umgang mit psychisch Kranken eine besonderes Fingerspitzengefühl. Während verwirrte Menschen sehr empfindlich reagierten, wenn man ihnen zu nahe kommt, seien Polizisten geradezu darauf "geeicht", die Distanz zu ihrem Gegenüber zu überwinden. Daher würden solche Situation oft eskalieren, sagt Behr. Am Ende stehe dann "die Katastrophe, der tödliche Schuss". Hinzu komme, dass vor allem Streifenpolizisten ihre Waffe nur sehr selten einsetzen. Im Umgang mit der Schusswaffe seien sie "nicht die Profis, für die sie ausgegeben werden", sagt Behr. '"Der Moment des Schusswaffengebrauchs ist für sie ähnlich überraschend wie für Laien."

Zwei Drittel der Getöteten sind psychisch krank

Einen ähnlichen Fall wie in Hohenschönhausen hatte es im Sommer 2013 auch in der Nähe des Alexanderplatzes gegeben. Damals hatte die Polizei einen psychisch verwirrten Mann festnehmen wollen, der nackt im Netpunbrunnen stand. Auch dieser Mann habe ein Messer gehabt und sei von einem Polizisten erschossen worden - obwohl er eigentlich Hilfe gebraucht hätte.

Wie rbb-Recherchen nach dem Fall vom Neptunbrunnen ergaben, sind es überwiegend gar keine Kriminellen, die Polizeikugeln zum Opfer fallen, sondern in zwei Dritteln der Fälle psychisch kranke Menschen. Die Polizei müsse daher mit solchen Situationen ganz anders umgehen, sagte damals der Sozialpsychiater Asmus Finzen: Wenn man eine Krisensituation ohne Gewalt beenden wolle, müsse man vor allem "Abstand halten". Statt mit einem halben Dutzend Menschen anzurücken, müsse ein einzelner versuchen, "geduldig, begütigend und beruhigend" mit dem Betroffenen zu reden.  

Auch Rafael Behr hält eine "behutsamere und reflektiertere Vorgehensweise" im Umgang mit geistig verwirrten Menschen für dringend geboten. Behr plädiert für eine intervenierende psychologisch geschulte Einheit, die außerhalb der Polizei angesiedelt sein müsse. Allerdings verlange es vom Einsatzleiter eine gewisse Sensibiltät, eine solche Einheit auch zu aktivieren. Oft werde auf Seiten der Polizei aber mit "Notwehr" argumentiert, die ein behutsames Vorgehen nicht zulasse.

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Antwort auf [Jörg Hohbein] vom 01.02.2017 um 16:30
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8 Kommentare

  1. 8.

    Warum regen sich hier eigentlich alle auf? Taser darf der Streifenpolizist nicht verwenden, könnte ja sein der arme Täter hat einen Herzschrittmacher und stirbt dann! Schaumwaffe? Zu teuer! Netzwerfer? Zu teuer! Andere nichttödliche Alternativen, DIE IN EINER SITUATION SCHNELL UND SICHER EINEN TÄTER OHNE SCHADEN AUSSER GEFECHT SETZEN???? Gibt es nicht!!!! Wann kapiert es endlich die Nation? Leute, die Realität kümmert sich nicht um die Theorie. Es heißt, er, ich oder ein Unbeteiligter. Und wenn er zehnmal psychisch krank war, dann zeigt seinen Betreuer oder Psychiater an, weil der ihn ungenügend betreut hat!!! Wir Polizisten bringen solche Kranken 10 Mal in die Klinik, wo sie nach ein paar Tagen völlig unter Drogen wieder entlassen werden. Wenn die Menge nicht stimmt oder das Medikament nicht wirkt, dann passieren schlimme Dinge. So ist das Leben! Willkommen in der Wirklichkeit! Glaubt ihr UNS gefällt das? Ich würde meinen Taser sogar selbst bezahlen! Darf ich aber nicht!

  2. 7.

    Was reden Sie da für einen Quatsch von "internieren". Worum es mir geht: die Polizei hat offenbaraus dem Notruf gewusst, der Mensch ist suizidal; sie hat gesehen, er ist bewaffnet. Die Polizeiführung muss jetzt nachsehen: was für Vorgehensweisen werden vorgeschrieben und gelehrt für so einen Fall? Wurden die eingehalten? Lassen sie sich eventuell so verbessern, dass ähnliche Todesfälle in Zukunft vermieden werden können? Vielleicht kommt da ja auch raus, der Tod war nicht zu vermeiden. Vielleicht aber doch. Und wenn die Polizeiführung von sich aus keine entsprechende Initiative zeigen sollte, muss sie eben von der Regierung dazu angehalten werden. Oder aber man suggeriert, dass das alles viel zu teuer und zu kompliziert und zu theoretisch ist, und man es lieber in Kauf nimmt dass eben ab und zu ein psychisch Kranker totgeschossen wird. Diese Position kann man vertreten, dann muss ich aber sagen dass ich das für eine Position halte die politisch bekämpft werden muss.

  3. 6.

    1/2 Dabei geht es an für sich nicht nur um geistig verwirrte Personen. Also, im sozusagen ritterlichen Sinne ist es sicherlich normal Körper nicht Überhand über Geist zu gestatten, aber wenn Umstände als Beispiel aus eigener Erfahrung:
    man ist gesellschaftlich ziemlich isoliert (z.B. als pruzzischer Preuße in DE wo viele klar sagenn dass man nie zugehörig ist, auch bei bester Mühe nicht), wurde gekündigt weil man sich weigerte gegen GG zu verstoßen und Amt redet von "sozialwidrig", und dadurch finan. Verlust weil ehemaliger Arbeitgeber nichts zahlte und Sperrzeit mit Räumungsklage am Hals und weiteres wo niemanden interessierte wie man in Zahlungsunfähigkeit abrutschte, dazu sieht man dass Polizei mehr Anweisungen von Politikern folgt als denen vom Gericht, und dabei eben noch Partei welche einen auf "(angebliche) dt. Identität gilt es zu verteidigen" macht, dass man sich da bissel paranoisch fühlen würde und eventuell in die Enge getrieben, sowas finde ich nicht unverständlich.

  4. 5.

    Ich kenne einige Fälle, wo Polizisten früh schossen, als der mit dem Messer mehrere Meter entfernt war und Fluchtmöglichkeit bestand. Einer wurde von den Polizisten angesprochen, machte deshalb einen Schritt auf sie zu, um seine Antenne auf sie auszurichten und wurde aus 10...20 m Entfernung angeschossen. Als er danach mit seinem angeschossenen Bein auf der Erde lag, wurde er von einem Polizisten zweimal getreten. Eine 53jährige Behinderte sollte von der Polizei zu einer ärztlichen Untersuchung gebracht werden. War vom Betreuungsgericht angeordnet. Weil sie mit einem Messer einem Polizisten einen kleinen Kratzer an der Hand machte, wurde sie sofort tot geschossen. Ich kenne das Video vom Neptunbrunnen. Der war auch noch einige Meter entfernt und Fluchtmöglichkeit bestand. Wenn der Polizist weiß, daß ein unberechenbarer mit einem Messer entgegen kommen kann, muß er sich vorher über Flucht vordenken.

  5. 4.

    Dann machen wir es doch mal konkret: Wie soll eine nächste ähnliche Situation vermieden werden? Wollen Sie jeden Menschen in Deutschland einmal pro Jahr auf seinen Geisteszustand untersuchen und Verdachtsfälle dann vorsorglich internieren? Oder zumindest einen Aufkleber "Achtung, hier wohnt ein Mensch mit Psychose. Bitte nicht die Tür eintreten, sondern erst mal gut zureden." anbringen?

    Polizisten sind in Deutschland sehr gut ausgebildet und handeln in den allermeisten Fällen äußerst besonnen. Daher müssen die allermeisten Polizisten in ihrem ganzen Berufsleben keinen einzigen Schuss im Einsatz abgeben. In anderen Ländern sieht das deutlich anders aus.

    Übrig bleiben bedauerliche Einzelfälle, die sich leider nie vollständig vermeiden lassen.

  6. 3.

    Es geht nicht darum die Beamten "runterzumachen", es geht darum zu untersuchen ob man in Zukunft unnötige Todesfälle vermeiden kann. Ihre Aussage, dass nur wer etwas tut darüber auch etwas wissen kann, ist leider ein anti-intellektuelles Klischee. Ein teurer Fehler wurde gemacht? Die Arbeiter vor Ort müssen wissen was sie tun. Jemand wurde getötet? Die Polizei vor Ort wird schon gewusst haben was sie tut. So wären wir zum Beispiel in der Medizin heute noch bei Aderlass und Gebeten, denn wer kein Praktiker ist weiß ja nichts und darf auch nicht mitreden...

  7. 2.

    Meine volle Zustimmung!

    ...wer nie sein Brot im Bette aß, weiß nicht, wie Krümel pieken...!
    Wie würde denn der Herr Professor reagieren, wenn - beispielsweise - eines seiner Kinder in seinem Beisein von irgendeinem Irren attackiert werden würde - vielleicht mit Wattebäuschen werfen und Beschwörungsformeln murmeln???
    Einer meiner besten Freunde ist Polizist in Berlin. Was der zu erzählen weiß über Gestörte, Durchgeknallte und Aggressive in dieser Stadt, läßt einem den Kaffee hochkommen.
    Die Polizisten verdienen unseren tiefen Respekt, täglich ihren A*** hinhalten zu müssen!!!

  8. 1.

    Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob mal es als angemessen bezeichnen kann, wenn ein Professor am Schreibtisch sitzt und Ausführungen dazu macht, was bei solchen Einsätzen alles anders laufen müsste. Im Augenblick der Schussabgabe kann doch nur die konkrete Situation vor Ort zur Bewertung herangezogen werden: Da steht ein Mann mit einem Messer und geht auf die Beamten los. Die haben jetzt nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie lassen denjenigen zustechen und riskieren schwere Verletzungen bis hin zum Tod, oder sie stoppen ihn sofort. Da ist keine Zeit, ihn erst mal zu fragen, ob er womöglich eine psychische Störung hat und professionelle Hilfe benötigt.

    Die Polizisten haben nur Sekundenbruchteile für eine Entscheidung. Alle anderen, inklusive Staatsanwälte und Professoren, haben hinterher alle Zeit der Welt, sowas zu analysieren...

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