Zwei lebende Hummer liegen in der Küche eines Gourmet-Restaurants (Quelle: dpa/Wolfgang Langenstrassen)

Urteil am Verwaltungsgericht Berlin - "Auch Hummer können leiden!"

Wie müssen lebende Hummer in einem Supermarkt gehalten werden? Ein Großmarktbetreiber und das Veterinäramt Spandau vertreten unterschiedliche Ansichten - und auch das Urteil des Berliner Verwaltungsgericht vom Mittwoch lässt Fragen offen. Der Hummerstreit geht damit möglicherweise in die nächste Instanz. Von Ulf Morling

Hummer sind scheue Tiere. Bis zu 100 Jahre können sie alt werden. Sie leben als Einzelgänger gern in Höhlen im Meer. Nur zur Nahrungssuche kommen sie aus dem Schutz der Dunkelheit heraus und ziehen sich wieder zurück, wenn sie Beute gemacht haben.

In den drei Becken der Fischabteilung der Metro in Spandau ist das Leben der Hummer aus dem nordamerikanischen Atlantik ziemlich anders. In den Aquarien werden sie "gehältert", nicht etwa "gehalten", denn sie werden dort nur bis zum Verkauf und ihrer Schlachtung aufbewahrt, also: gehältert.

Nach mündlichen Beschwerden über diese Hälterung der Hummer hatte das Veterinäramt Spandau ab Dezember 2011 bei dem Großhändler immer wieder die Lebensbedingungen der Hummer kontrolliert und überprüft. Im April 2013 erließ die Behörde schließlich eine "Anordnung zur Herstellung tierschutzgerechter Hummerhälterung". Der Metro wurden Zwangsmittel angedroht, wenn sie nicht Folge leiste. Grundlage für die Anordnung war das Tierschutzgesetz §§ 2 und 16, wonach Tiere artgerecht gehalten werden müssen und die zuständige Behörde bei Verstößen Änderungen erzwingen kann.

Vorsitzende Richter der 24. Kammer des Verwaltungsgerichts, Christian Oestmann (Quelle:rbb/Ulf Morling)
Richter Christian Oestmann zeigt, wieviel Platz die Hummer im Verkauf haben

Maximal acht Grad Wassertemperatur im Becken

Der Großhändler erhielt 15 Hausaufgaben für die Hummerhaltung. Nicht nur die höchstzulässige Wassertemperatur (acht Grad Celsius) verordnete das Veterinäramt. Die einzelgängerischen Krebstiere hätten Anspruch auf einen individuellen Rückzugsraum in weitgehend abgedunkelten Becken, deren Wasserqualität nachweislich geprüft wird.

Außerdem habe jeder Hummer Anspruch auf "eine Freifläche von mindestens 290 cm²" (entspricht einem knappen halben A4-Blatt). Verletzte Tiere seien "sofort so schmerzarm wie möglich zu töten".  Außerdem dürften zukünftig keine lebenden Hummer mehr verkauft werden. Dem Großmarktbetreiber ging das nach einigen Änderungen bei der "Hummerhälterung" zu weit: er reichte Klage gegen die Anordnungen des Bezirksamts Spandau ein.

Lebendig in kochendes Wasser ist erlaubt

Tierschutzorganisationen laufen zunehmend Sturm gegen Essgewohnheiten, bei denen Tiere auf besonders grausame Weise sterben: Frösche, die oft qualvoll getötet werden, um Froschschenkel verzehren zu können;  lebendige Austern, die mit Zitronensaft verätzt werden, um sie dann zu Schlürfen; das Grillen von lebenden Kraken, deren Fangarme selbst noch auf dem Teller zucken (ein Qualitätsmerkmal, sagen südkoreanische Köche).

Nun geht es auch um die Aufbewahrung von Hummern im Verkauf, bevor sie dann bei lebendigem Leib beim Endverbraucher gekocht werden sollen - was übrigens nicht gegen das Tierschutzgesetz verstößt. Die scheinbare Widersprüchlichkeit in der Gesetzeslage hat vor allem einen Grund: als wirbelloses Tier ohne zentrales Nervensystem wird dem Hummer nach herrschender Meinung kein Schmerzempfinden zugetraut. Aber vielleicht hat er ja doch eines?

Auszüge aus dem deutschen Tierschutzgesetz

§ 2

Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat,

1. muß das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen,

2. darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, daß ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden,

3. muß über die für eine angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung des Tieres erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen.

§ 16a

(1) Die zuständige Behörde trifft die zur Beseitigung festgestellter Verstöße und die zur Verhütung künftiger Verstöße notwendigen Anordnungen. Sie kann insbesondere

1. im Einzelfall die zur Erfüllung der Anforderungen des § 2 erforderlichen Maßnahmen anordnen (...)

 

"Hummer sind Lebewesen"

Die Richter der 24. Kammer des Verwaltungsgerichts holten sich Hilfe eines Fachmannes, um das Wesen der Hummer und ihre Bedürfnisse besser zu verstehen. Tierarzt Jan Wolter betreibt in Charlottenburg seit 1998 eine Zierfischpraxis. Auch Hausbesuche sind bei ihm im Angebot. Seine Patienten sind Süß- und Salzwasserfische, Kois und Goldfische, aber auch wirbellose "niedere Tiere", wie es die Biologen nennen. Das sind Tiere ohne Wirbelsäule, wie Garnelen oder Hummer.

Der Tierarzt ist zertifiziert für das Schulen und Prüfen von Gewerbetreibenden, damit die sich beim Handel mit Tieren an das Tierschutzgesetz halten. Zu Hummern hatte er bisher allerdings nur in der Küche beim Kochen Kontakt. "Einmal habe ich das gemacht", sagt er fast entschuldigend im Gerichtssaal.

Drei Stunden Diskussion über Hummer

Fast drei Stunden wird über den Hummer und seine Hälterung diskutiert. Der anwaltliche Vertreter des Supermarktes beteuert immer wieder, viele der von der Behörde gemachten Anordnungen bereits zu erfüllen. Manche allerdings entbehrten jeder Grundlage. So sei der Verkauf lebender Hummer nach dem Tierschutzgesetz erlaubt, aber die Veterinärbehörde verbiete es unter Androhung von Zwangsgeld. Auch die bemängelte Wasserqualität sei nie untersucht worden.

Bezirksamt "übers Ziel hinausgeschossen"

Am Ende der Verhandlung zieht Richter Christian Oestmann eine Art Resümee über die Hälterung von Hummer: "Es kommt nicht immer darauf an, ob ein Tier Schmerzen empfinden kann. Es gibt auch Leiden." Dem gemäß wird geurteilt, dass jeder Hummer Anspruch hat auf eine Freifläche von mindestens 290 cm². Außerdem müssen die drei Hummerbecken eine ausreichende Rückzugsmöglichkeit für jedes Tier bieten.

Über sechs weitere der15 Anordnungen hatten sich Supermarkt und Veterinäramt bereits geeinigt. Das Verbot, überhaupt lebende Hummer verkaufen, kippte das Gericht: Mit dieser Anordnung sei das Bezirksamt "übers Ziel hinausgeschossen". Eine so weitreichende Entscheidung könne beispielsweise der Gesetzgeber treffen, aber nicht eine Behörde, die lediglich Vollzugsaufgaben habe.

Der Hummerstreit geht weiter

Mit dem Urteil wurde die Berufung  zum Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg zugelassen wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Sache. Wie der Groß- und Einzelhandel tierschutzgerecht Hummer lebend verkaufen kann, wird voraussichtlich die höheren Gerichtsinstanzen beschäftigen. Das deutschlandweite Pilotverfahren bekäme dann auch Bedeutung für andere Bundesländer und die Hummer, die dort lebend verkauft werden sollen.

Beitrag von Ulf Morling

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Eine Bemerkung von einem Profi: Um den zu kochenden Hummer das Bewusstsein zu nehmen, wird er vor dem Kochen auf den Rücken gedreht und sofort in sprudelnd kochendem Wasser, mit dem Kopf zuerst, gesteckt. Außerdem empfehle ich Ihnen beim kochen die Gehirnströme zu messen; ich meine die des Hummers und nicht Ihre. Wie sagte schon Madame Plissee, die Vielfältige: "Kastriere die Dummheit und die Menschheit stirbt aus".

  2. 3.

    Wie schade dass wir nicht mehr in der Natur leben. Manche Spezies sollte doch mal am eigenen Leib ihre generelle Einstellung zu den Lebewesen der Erde erfahren dürfen. Frischer Mensch ist für Eisbären in den Zeiten des Klimawandels ganz sicher auch lecker.

  3. 2.

    In meinem Bad sind keine Silberfische. Grundsätzlich könnte man aber feststellen, daß der Verzehr von tierischem Eiweiß wohl immer mit dem Leiden des Eiweiß-Lieferanten einhergeht. Auch die Kuh oder das Schwein auf dem Weg zum Schlachthof wird leiden. Das sind leider eben Kollateralschäden, in der Natur kommt es auch vor, das Raubtiere ihre Beute fressen, bevor sie gestorben ist. Das Leben ist kein Streichelzoo und frischer Hummer ist lecker.

  4. 1.

    Es ist schon traurig das einigen Lebewesen immernoch nachgesagt wird, sie hätten kein Schmerzempfinden. Ich persönlich werde nie verstehen, wieso der Hummer als Delikatesse gilt. Soll man ihn doch mit Lebensmittelfarbe besprühen anstatt ihn lebend ins kochende Wasser zu legen.
    Auch Hummer leben und haben ein Schmerzempfinden, wer das bezweifelt sollte gucken ob sein "Globus" noch eine Scheibe ist !
    Wer sich wirklich mal nicht sicher ist womit er es zu tun hat : mal nen Silberfisch im Bad beobachten, der grade gemerkt hat, das das Licht angegangen ist und in Panik gerät ! Man sieht es, das auch so ein kleines Tier Angst empfinden kann.

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