Olaf Piritz mit Hund Rudolf und seinen Ganzbein-Orthesen (Quelle: rbb/Susanne Hakenjos)

Orthopädiewerkstatt für Tiere in Rathenow - Damit Lucky wieder flitzt wie der Blitz

Wenn Hund, Katze oder Hahn humpeln, hilft ein Rathenower weiter: Der Orthopädiemechaniker Olaf Piritz baut maßgefertigte Prothesen, Schienen, Rollwagen und Geh-Hilfen für Tiere mit Handicap, vom Fohlen bis zum Storch. Offenbar eine Marktlücke, denn inzwischen ist er bundesweit gefragt. Von Susanne Hakenjos

Die kleine Werkstatt von Olaf Piritz ist vollgepackt mit Drehbank, Trichterfräse, Bohrmaschine und einer Industrienähmaschine. Wichtig ist auch eine Wärmeplatte, auf der Kunststoff geformt werden. Hier tüfelt er gerade für Max, einen Berliner Mischlingshund: "Max wurde von einem Auto angefahren, seine Vorderpfote ist gelähmt, sie fällt runter und er schleift sie sich wund. Wundschleifen führt zu Infektionen und ist oft der Anfang vom Ende", erklärt der Orthopädiemechaniker.

Hund Lucky hat gelähmte Hinterbeine (Quelle: rbb/Susanne Hakenjos)
Ohne Gehhilfe wäre Lucky vom Tode bedroht.

Verlust von Gliedmaßen ist für Tiere lebensbedrohlich

In seiner kleinen Reha-Werkstatt entwickelt und baut der Rathenower alles, was er für seine ganz speziellen Patienten braucht. Die von ihm gebaute Pfoten-Prothese liegt für Max zur Anprobe bereit auf der Werkbank. Sie ist aus Metall, und ersetzt exakt den amputierten Teil des Vorderlaufs: Pfotenähnlich, unten mit einer Art Fuß, aber ohne Krallen, stattdessen mit einer Gummisohle. Die Prothese wird am Beinstumpf mit drei Klettverschlüssen montiert. "Damit versuchen wir Max wieder auf die Beine zu bringen.

"Für Tiere ist es lebensbedrohlich, wenn sie eines oder mehrere ihrer Beine nicht mehr benutzen können und wenn nichts gemacht wird", sagt Olaf Piritz. Doch erst seit wenigen Jahren gibt es für auch für Vierbeiner bei Lähmungen, Verletzungen oder Fehlfunktionen technische Hilfsmittel. "Vor acht Jahren wurde man von den Tierärzten ausgelacht, wenn man in die Praxis gegangen ist und gesagt hat: Hey, ich kann Prothesen bauen. Aber gerade in den Großstädten, wo das Tier auch Familienmitglied ist, da ist der Bedarf da", weiß Piritz.

Ein Beruf, der eigentlich gar nicht existiert

Aus dem gut 80 Kilometer entfernten Berlin kommen viele seiner Kunden, aber auch aus Potsdam und sogar aus Hamburg, Rostock, Leipzig und Dresden. "Die Leute kommen von relativ weit angefahren und nehmen schon einige Mühe auf sich, weil wir doch relativ selten sind. Es gibt im gesamten Bundesgebiet vielleicht fünf Leute, die sich ernsthaft damit beschäftigen." Der Beruf eines Veterinär-Orthopädiemechanikers an sich existiert allerdings gar nicht. Zu gering war bislang die Nachfrage nach den auch nicht ganz billigen Hilfsmitteln.

"Im Prinzip ist jede Versorgung eine ungewöhnliche, denn es gibt nichts Vergleichbares auf dem Markt", beschreibt Piritz die Herausforderung. Jedes Stück wird ein Unikat, gefertigt aus Carbon, Aluminium, Neopren, Leder aber auch Edelstahl und Titan. Zur Zeit baut er einen passgenauen Rollwagen für einen kleinen Hund mit gelähmten Hinterläufen. "Der muss natürlich leicht sein und Lucky gut sitzen."

Jede Gehhilfe ist ein Unikat

Sein ungewöhnlichstes Stück hat er für ein Fohlen konstruiert: Eine Orthese für ein lahmes Vorderbein, damit es wieder an das Gesäuge der Mutter herankommt, um nicht zu verhungern. Orthesen sind entlastende oder Fehlstellungen korrigierende Schienen. Piritz entwarf zwei schienende Halbschalen, verbunden über einen Streckzug: "Wenn das Tier stand, ist das eingerastet und das Tier konnte damit stehen und trinken", erinnert sich der Handwerker.

Wenn etwas nicht funktioniert, fällt dem Tüftler eben etwas anderes ein: "Katzen zum Beispiel sind sehr schwierig, die winden sich aus allem raus", hat er festgestellt. Einem Hinterbein-gelähmten Kater aus Neuruppin entwarf er eine unterhakende Traghilfe: Nun stützt Herrchen den Kater auf diese Weise. "Die sind ganz glücklich und gehen gemeinsam spazieren."

Generell verlangen ihm seine Patienten einiges ab, insbesondere auch, weil Tierbeine extrem verschieden sind. Für jede Prothese und Orthese nimmt er zunächst ein Gipsmodell ab "Das kleinste Gipsmodell hier, das ist von einem Chihuahua. Das ist so lang wie mein Ringfinger, vom Umfang nicht viel dicker. Man bricht sich die Pfoten daran, wenn man das modelliert. Die Größenverhältnisse, die sind einfach der Wahnsinn", seufzt der Handwerker.

Der neue Rollstuhl für Hund Lucky (Quelle: rbb/Susanne Hakenjos)
Der neue Rollstuhl für Lucky

Selbst einen Storch hat Piritz bereits versorgt

Über 90 Prozent Patienten der Rathenower Reha-Werkstatt sind Hunde. Doch selbst das lange Bein eines eines angefahrenen Storchs hat der leidenschaftliche Tierhelfer schon erfolgreich versorgt und geschient. Auch auf dem eigenen Hof musste er sein Geschick schon einsetzen - das Bein von Hof-Hahn Hubertus war nach einem Krähen-Angriff schlimm abgeknickt: "Der Tierarzt hätte wahrscheinlich gesagt, Topf auf, Hahn rein, Topf zu. Wir wollten es dann aber doch nicht so machen und ihn dafür bestrafen, dass er seinen Nachwuchs verteidigt hat. Wir haben ihm dann eine Bandage mit Schiene gemacht und nach drei Wochen ging`s dann auch wieder."

Um Tiere kümmert sich der Rathenower nur nebenberuflich

Im Hauptberuf ist Olaf Piritz seit 20 Jahren gelernter Orthopädiemechaniker in der Humanmedizin. Er arbeitet bei einer Rathenower Firma. Zu seinem ersten tierischen Patienten kam er vor acht Jahren. Damals fertigte er in einer Neuruppiner Klinik für einen Mann eine Knieorthese wegen eines Bänderrisses. "Mein Hund hat genau das gleiche Problem. Können Sie da nicht auch was machen?", lautete der erste Auftrag.

Für Tiere arbeite er nur nebenberuflich, nach Feierabend und am Wochenende, in der eigens eingerichteten Reha-Werkstatt im ausgebauten alten Stallgebäude, hinter seinem Haus an der Rathenower Schliepenlanke. "Eigentlich ist es mehr ein Hobby. In Veterinär-Orthopädietechnik kann man sich auch gar nicht offiziell weiterbilden. Man macht's oder man macht's nicht", meint Piritz. "Und man macht's gut oder nicht. Und das entscheiden dann ja die Tiere, wenn wieder laufen oder nicht."

Während seine menschlichen Patienten oft mit ihrem Schicksal hadern, sind amputierte oder gelähmte Tiere pragmatischer: "Das Tier rennt einfach los und probiert das aus", sagt Piritz. So wie Hündin Phönix. "Die ist losgeflitzt wie ein Silberpfeil mit ihrem Rolli. Damit konnten wir ihr noch ein weiteres gutes Leben ermöglichen." Zugleich schränkt er ein: "Nur bis zu einem gewissen Grad kann man einem Tier helfen. Ab einem gewissen Punkt wird’s dann aber Tierquälerei. Dann sollte man und muss auch sagen: 'Nee, tut mir leid. Das geht nicht.'"

Beitrag von Susanne Hakenjos

Das könnte Sie auch interessieren

Der Storch "Ronny" steht am 29.04.2017 vor einer Terrassentür im brandenburgischen Glambeck (Quelle: dpa/Hilde Peltzer-Blase)

In Oberhavel - Problemstorch Ronny ist zurück

Die Bewohner des Dorfes Glambeck stöhnen auf: Der rabiate Ronny ist wieder da. Im vergangenen Jahr hackte der aggressive Weißstorch auf Autodächer ein und vertrieb einen Artgenossen. Auch in diesem Jahr suchte er gleich wieder Stress.