Obaidulla A. (r) steht am 02.03.2014 in München (Bayern) mit seiner Tochter Oraag und seiner Frau Rabia vor der Kirche St. Korbinian. In zwei Münchner Kirchengemeinden warten derzeit afghanische Familien auf ein Asylverfahren in Deutschland (Quelle: dpa / Sven Hoppe).

Kirchenasyl in Berlin - Letzte Chance gegen eine Abschiebung

Kirchenasyl – das bedeutet heute, dass Flüchtlinge ohne legalen Aufenthaltsstatus von einer Gemeinde oder Pfarrei vorübergehend aufgenommen werden. Für immer mehr Menschen ist es die letzte Hoffnung darauf, dass ihr Asylverfahren erneut geprüft wird. Von Carmen Gräf  

Mehr als 500 Menschen leben derzeit in Kirchenasyl in Deutschland – und es werden Jahr für Jahr mehr. Doch warum ist das so? Genia Schenke Plisch von der Ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche erklärt das unter anderem damit, dass in den letzten Jahren mehr Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind.

Ein weiterer Grund sei, dass das Kirchenasyl in den Medien viel Beachtung fand. "Dadurch dass in den letzten Jahren auf Kirchenseite zur Willkommenskultur aufgerufen wurde, man sich vermehrt um Flüchtlinge kümmert, sehen viele Gemeinden nicht ein, sich erst um diese Flüchtlinge zu kümmern, sie in ihre Gemeinde zu integrieren – und dann heißt es, die Person wird abgeschoben. Der ist ja schon einer von uns und den wollen wir jetzt nicht wieder weglassen – das höre ich von ganz vielen Gemeinden", sagt sie.

Kirchenasyl wird toleriert

Die Flüchtlinge wenden sich meist direkt an die Gemeinden. Sie haben keinen rechtlichen Anspruch auf Kirchenasyl, aber wenn sie es bekommen, wird das von den Behörden toleriert.

Vor zwei Jahren trafen die beiden großen Kirchen in Deutschland eine Vereinbarung mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Dieses prüft nun jeden einzelnen Kirchenasyl-Fall noch einmal – und das geht in der Regel gut aus. Für die meisten Kirchenasyl-Betroffenen gelten nämlich die Dublin-Regeln: Sie sind über ein anderes EU-Land nach Deutschland gekommen und müssten eigentlich dort auch ihren Asylantrag stellen.

So wie Mohammed Bahrami [Name geändert] aus Afghanistan: "Ich habe drei Monate gebraucht, um mich nach Berlin durchzuschlagen. In Ungarn nahm die Polizei Fingerabdrücke von mir ab – und das gilt als Asylantrag. Deshalb sollte ich innerhalb von 25 Tagen dorthin zurückkehren", sagt er.

Kirchengemeinde in Pankow nahm afghanischen Asylbewerber auf

Weil ihm in Ungarn wie vielen anderen Flüchtlingen willkürliche Haft und Obdachlosigkeit drohen, tauchte Bahrami unter. Tagelang lebte er auf der Straße, bis ihm ein Anwalt Kirchenasyl empfahl. Die Hoffungskirchengemeinde in Pankow hat ihn aufgenommen.

Die Pfarrerin Margarete Trende kennt die Geschichte Bahramis, der in Afghanistan für die NATO als Dolmetscher gearbeitet hat. "Nach dem Abzug der Amerikaner wurde er erst hofiert, indem man ihn versprach, dass er ein politisches Amt bekommen kann. Das hat er abgelehnt. Dann wurde er angehalten, einen LKW zu fahren und eine Bombe zu legen – es hat sich gesteigert, bis er bedroht wurde. Und als eben auch seine gesamte Familie bedroht wurde von den Taliban, ist er halt geflohen", sagt sie. Nun konnte Mohammed Bahrami erreichen, dass sein Asylverfahren in Deutschland abgewickelt wird. Nach dem Kirchenasyl ist er in eine Gemeinschaftsunterkunft in Moabit gezogen.

Die Gemeinde kümmert sich auch um soziale Kontakte

Die Hoffnungskirchengemeinde betreut derzeit vier Kirchenasyl-Fälle. Die Geflüchteten müssen nicht unbedingt in der Kirche wohnen. Man miete eine Wohnung im Gemeindegebiet an, und die Gemeinde kümmere sich auch darum, dass die Menschen soziale Kontakte hätten, erklärt die Pfarrerin Trende. "Wir treffen uns mit Freundeskreisen oder holen sie in unsere Gemeinde zu Veranstaltungen, geben ihnen Geld, pro Mensch 200 Euro im Monat, sorgen dafür, dass sie Tickets bekommen und sich auch halbwegs frei in der Stadt bewegen können. Die Menschen, die im Kirchenasyl leben, sind nicht den ganzen Tag im Zimmer."

Vor den Behörden müssen sie sich nicht verstecken, denn es gibt eine Vereinbarung zwischen Staat und Kirche, nach der Menschen im Kirchenasyl geschützt sind: "Sie bekommen von uns als Gemeinde eine Art "Ausweis", auf dem steht, dass sie sich zurzeit im Kirchenasyl befinden", sagt Trende.

Kirchenasyl ist kein Rechtsbruch

Finanziert wird das Kirchenasyl von der Gemeinde, vom Kirchenkreis und dem Verein Asyl in der Kirche: "Wir haben in unserer Gemeinde einen Flüchtlingsnothilfefonds, für den wir regelmäßig im Gottesdienst sammeln. Und da hoffen wir immer, dass genug Geld reinkommt, um diese Menschen auch zu unterstützen."

Die Gemeinde selbst holt sich Hilfe vom Verein Asyl in der Kirche. Genia Schwenke-Plisch berät sie, etwa zum Thema Krankenversicherung von Flüchtlingen oder zu den Räumlichkeiten: "Wir haben keine Dusche, nur ein Waschbecken, das kann man dem ja nicht zumuten – solche Fragen beschäftigen dann viele Gemeinden", sagt Schwenke-Plisch.

Kirchenasyl sei kein Rechtsbruch, betont die Pfarrerin Trende. Für sie als Christin sei es selbstverständlich, Menschen in Not zu helfen. Außerdem würden dabei beide Seiten beschenkt, die Hilfesuchenden wie auch die Helfenden. "Durch die Begegnungen mit diesen Menschen kommt die Welt in unsere Kirchen hinein – und wir merken ja, dass unser Glaube nicht an unseren Kirchenmauern endet, sondern darüber hinausgeht."

Mohammed Bahrami ist für diese Hilfe dankbar. Er lernt derzeit Deutsch und sagt, er wolle später als Computerfachmann arbeiten. "Die Christen der Hoffnungskirchen-Gemeinde haben mir als Moslem geholfen. Das Kirchenasyl war meine letzte Chance."

Beitrag von Carmen Gräf

Kommentar

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16 Kommentare

  1. 16.

    Meines Wissens ist ein rechtswidriges Gesetz ein Widerspruch in sich.
    Es gibt sicher Gesetze und Regelungen, die subjektiv und / oder objektiv ungerecht sind.
    Dennoch haben sich Menschen, die sich im Geltungsbereich auch ungerechter Gesetze befinden,
    nach ihnen zu richten. --> Das ist zwar sehr formal, aber der andere Zustand ist Anarchie
    (Abwesenheit von "Staat")bzw. "Recht nach Gutsherrenart" als Vorstufe zum Absolutismus.

  2. 15.

    Die Kirchen in Deutschland meinen einfach, sie stehen über dem Recht und brechen damit vorsätzlich das geltende Recht. Rechtsfreier Raum Kirche - siehe Jahrzehnte langer sexueller Missbrauch ohne Folgen und Aufklärungswillen. Wie peinlich ist denn sowas? Im Falle des ungesetzlichen Kirchenasyls sollte der Gesetzgeber sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen. Räumung, ordentlich Abschiebung und Eröffnung eines Strafverfahrens gegen die Kirchenverantwortlichen sollte das hohe Ziel sein.

  3. 14.

    Sehr geehrte Frau Zossen!

    Das Kirchenasyl ist illegal, und alle wissen das. Anhand eines konkreten Falles aus Münster hatte ich die Rechtslage unter allen denkbaren Gesichtspunkten (Kirchenrecht und staatliches Recht) geprüft und in einem offenen Brief an den Bischof von Münster veröffentlicht, URL: http://www.Institut-fuer-Asylrecht.de/26822.pdf - Keine Antwort.

    Gegenwärtig arbeiten mehrere Juristen und Laien daran, den Kirchen ihren Status als Körperschaft des öffentliches Rechtes (KöR) entziehen zu lassen, weil die permanenten Rechts- und Verfassungsbrüche in Form des "Kirchenasyls" den Status einer KöR unmöglich machen, URL: http://www.Institut-fuer-Asylrecht.de/26933.pdf

    Eine Übersicht finden Sie unter der URL: http://www.Institut-fuer-Asylrecht.de/

    Mit freundlichen Grüßen!
    Gez. Schneider

  4. 13.

    ! Versetz dich, wenn du kannst, in die Lage dieser Menschen, denen rechtswidrige Gesetze aufgebürdet werden.

  5. 12.

    Wenn Sie die Beachtung geltender Gesetze und Regelungen nach "Gutsherrenart" begrüßen,
    sind Sie in meinen Augen ein Anarchist, zumindest ein Claqueur der derzeitigen DE-Kanzlerin.
    Für mich ist die Beachtung geltender Gesetze, Grundlage von zivilisiertem Zusammenleben.

  6. 11.

    Großartig, wie sich die vermeintlichen Anwälte des Rechtsstaats gleich wieder aus dem Fenster lehnen... Da wird sofort wieder eingeteilt und kategorisiert in Kosten und Nützlichkeit der Betroffenen. Sie spielen sich hier zu Richtern auf, um im Handschweif über Menschen zu entscheiden. Blanker Faschismus, der für Menschenwürde und -rechte keinen Platz lassen will. Reden wir stattdessen doch mal über die Kosten von Bankenrettungen oder über Angriffe auf Flüchtlinge, Flüchtlingssunterkünfte & Co...

    Wenn Sie Angst um Ihre berufliche etc. Zukunft haben angesichts der Geflüchteten mit meist geringen Deutschkenntnissen, Vorbildungen und Qualifikationen und wenn Sie befürchten, jemand könne im gesellschaftlichen Status mit Ihnen gleich oder an Ihnen vorbei ziehen, tja, dann sind Sie einfach rechts.

    Chancenungleichheit bzw. mangelnde Gleichberechtigung, geringe soziale Teilhabe, die Schere zwischen Arm und Reich, das alles gefährdet eine Gesellschaft und keine Flüchtlinge.

  7. 10.

    "Kirchenasyl ist kein Rechtsbruch" - ist die Teilüberschrift des letzten Absatzes. Diese Behauptung wird aber nicht belegt. Es wäre interessant zu wissen, worauf sich diese Behauptung stützt. Denn in den "Erstinformationen" der besagten Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche heißt es noch: "So kann das Gewissen von Christen in Widerspruch zu staatlichen Regelungen und Maßnahmen geraten und zu Verstößen gegen gesetzliche Bestimmungen führen. Deshalb müssen die für die Kirchengemeinde handelnden Personen bereit sein, die volle Verantwortung zu tragen." Das erscheint mir widersprüchlich. Wird im vorliegenden Fall davon ausgegangen, dass es sich um keinen Rechtsbruch handelt, weil es vom Staat toleriert wird?

  8. 9.

    "Die Christen ( .... ) haben mir als Moslem geholfen. "

    Hoffentlich vergißt er diese christliche Erfahrung nicht, ruft doch der Islam zu einem anderen Umgang mit den Ungläubigen auf.

  9. 8.

    Das "Kirchenasyl" ist illegal, kriminell, strafbar und ganz extrem verfassungsfeindlich!

    Hunderte Rechts- und Verfassungsbrüche pro Jahr sprechen eine klare Sprache: Infolge fehlender Treue zu Gesetz und Recht und zu den Verfassungsgrundsätzen aus Artikel 20 GG muß den Kirchen ihr Status als "Körperschaft des öffentlichen Rechtes" (Artikel 140 GG) aberkannt werden.

    Das Bundesverfassungsgericht läßt grüßen:
    BVerfGE 102, 370 ff. (390) – Körperschaftsstatus der Zeugen Jehovas

    Gez. Schneider,
    URL: http://www.Institut-fuer-Asylrecht.de/Kirchenasyl.htm

  10. 7.

    Kein Aufenthaltsrecht, kein Asyl. Da rennt man in die Kirchen. Dann sollen die auch für die Kosten aufkommen. Jeder, der abgelehnt wird, geht also in Zukunft in irgend eine Kirchgemeinde.

  11. 6.

    das ist schon komisch, das der "ungläubige Christ" für den "gläubigen Muslim" Asyl bietet !?
    Immer so, wie es grade passt...
    Nein, ich rede nicht von Einzelfällen/große Masse. Aber es ist bestimmt der ein oder andre dabei, der es schamlos ausnutzt, und alles Wegwirft, wenn er es nicht mehr braucht.

  12. 5.

    Gleiches Recht für alle und zwar das Deutsche. Die Kirche hat im Staat nichts mehr zu sagen und kann Gesetze und Regeln nicht umgehen. Sie sollen Ihre Gelder auch selber eintreiben und dafür nicht das Finanzamt benutzen.

  13. 4.

    Auch wenn ich eigentlich nichts mit den Kirchen am Hut habe, ihr bisheriger Einsatz für Flüchtlinge verdient höchsten Respekt! Interessant finde ich, dass offensichtlich viele Kirchengänger mit der Bedeutung des Wortes "Nächstenliebe" überfordert sind. Mir werden die zunehmend engagierten Kirchen auf jeden Fall immer sympathischer. Es lebe die Menschlichkeit!

  14. 3.

    Wenn die Kirchen rechtsfreie Räume bereiben, dann kann man das auch den islamistisch/salafistischen Moschee-Vereinen in Deutschland nicht verbieten. Ist der Lebensstandard in Ungarn für den Afgahnen denn eine unzumutbare Zumutung?
    Vielleicht ist Monacco ja standesgemäß? Das ganze scheint mit "Flucht" gar nichts mehr zu tun zu haben, wenn die Kirchensteuer dafür verwendet wird, geht es den Kirchen doch noch recht gut.

  15. 2.

    Kirchenasyl in DE für "Flüchtlinge" beruht auf einem grundlegenden Irrtum.
    1) Die "Kirchenasylanten" haben keinen Flüchtlingsstatus gem. Genfer Flüchtl.Konvention.
    (Flüchtlingsstatus entfällt mit Erreichen von sicherem Gebiet);
    2) Bzgl. (politisches)Asyl in DE empfehle ich DE-Grundgesetz Art. 16a. Dort heißt u.a.
    ... " ... kann sich nicht berufen, wer aus einem Mitgliedstaat der EU ... einreist ...";
    3) EU-Abkommen Dublin II sagt: Asylantrag im EU-Ankunftland.
    ...
    Das "Mantra", dass Kirchenasyl "gesetzeskonform" ist und keinen Rechtsbruch
    darstellt, teile ich nicht. Begründung ... siehe 1) ... 3).

  16. 1.


    Auch hier bricht die Kirche Gesetze ..
    Illegal im Land, bleibt illegal …
    Es reicht !!!

    und klar, einfach mal so schnell deutsch lernen und schon bin ich ComputerFachmann .. oh je...

    da ich nicht in der Kirche bin und somit nicht austreten kann, wäre aber spätestens jetzt ein Zeitpunkt zum Austreten !!!

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