Der Lastenfahrrad-Pionier Michael Schönstedt (Quelle: rbb / Michael Hölzen)

"Die schöne Straße": Kaskelstraße - "Die Gentrifizierung ist Fluch und Segen zugleich"

Der Lastenfahrrad-Pionier Michael Schönstedt kam 1990 in die Kaskelstraße in Berlin-Lichtenberg. Wie sich der Kiez mittlerweile entwickelt hat, betrachtet er mit gemischten Gefühlen. Von Michael Hölzen

1990 verspürt Michael Schönstedt Aufbruchstimmung. Er verlässt den Wedding und zieht in den Lichtenberger Kaskelkiez. Eine alte Schlosserei hat es ihm angetan, ein Jahr lang entrümpelt er die heruntergekommenen Räume, erneuert die Substanz, legt Strom. Sein Plan: Lastenfahrräder designen und bauen.

"Die Straßen sahen wild aus, die Häuser sahen wild aus, und die Pfarrstraße war in Hausbesetzerhand", erzählt Schönstedt. Anfangs beäugt man sich misstrauisch. Mit einem vielfach von den Hausbesetzern an sanierungsbedürftige Wände gesprühten "Eat the rich" sind auch Schönstedt und sein gut anlaufendes Lastenfahrradkonzept gemeint. Trotzdem sagt er heute: "Die positive Entwicklung für den Kiez waren die Besetzer - wenn die Besetzer nicht da gewesen wären, hätten sie die Häuser damals abgerissen."

Stattdessen werden besetzte Häuser später an Projekte verkauft, Leute organisieren sich, eine Kiezkultur entsteht. “Dadurch hat sich die Straße sehr positiv entwickelt", sagt Schönstedt, "sehr nette Leute mit Grips sind hergezogen, die was machen wollten."

Der Kaskelkiez wird hip

Auch Michael Schönstedt baut in dieser Zeit  zwei Jahre an den eigenen vier Wänden. Das Viertel ist zum Sanierungsgebiet erklärt worden, 54 Millionen Euro fließen  in den Kaskelkiez. Der Zuzug steigt rasant an, der Kaskelkiez wird hip, denn der sanierte Wohnraum bietet überdurchschnittliche Lebensqualität.

“Erst wollte niemand hin, dann wird das Gebiet entdeckt, und dann ist es so, dass die Leute, die es aufgebaut haben, zum Teil gehen müssen, weil sie die Mieten nicht mehr zahlen können", fasst Schönstedt die Entwicklung zusammen.

Auch Schönstedt selbst ist von dieser Entwicklung betroffen: Eine satte Mieterhöhung von 50 Prozent für seine Gewerberäume flatterte auf seinen Schreibtisch. "Gegenüber von unserem Laden sind Häuser verkauft worden an Japaner, Schweden, Türken - das ist eigentlich die Tendenz hier." Die Entwicklung betrachtet Schönstedt mit gemischten Gefühlen: “Die Gentrifizierung ist Fluch und Segen zugleich", sagt er.

Jetzt will die Bezirkspolitik die Notbremse ziehen, den Kaskelkiez unter Milieuschutz stellen. Luxussanierungen und die weitere Gentrifizierung sollen so verhindert werden. Für Michael Schönstedt kommt das reichlich spät. 

Sendung: Abendschau, 19.05.2017, 19:30 Uhr

4 Kommentare

  1. 4.

    Menschen können mit Gewalt (entfesselter Kapitalismus, Heuschrecken, ...) vertrieben werden. Die Reaktion folgt auf dem Fuße; das kann in vielen Ländern beobachtet werden. Fragen Sie mal US-Amerikaner, warum sie nach Berlin ziehen ;) Hoffentlich fühlen Sie sich in oder neben "gated communities" wohl. Denn die werden in Berlin auch noch zunehmen. Bedauerlich, wenn sich deren Bewohner dann nicht mehr raustrauen in "ihre Umgebung".

  2. 3.

    Bei Umzügen wird eine billigere Wohnung frei? Wo bitte leben Sie Herr Dr. Friedrich?

    Bei Umzügen wird die "billigere" Wohnung umgehend Eigentümerseitig im Mietwert gesteigert und entsprechend teurer vermietet. Leider gängige Praxis in Berlin und anderswo. Doch dagegen aufzubegehren getraut sich dann doch kein Politiker!

  3. 2.

    Wo will die Politik noch überall reinreden? Seien wir froh, dass kräftig in Berlin investiert wird. Jahrzehntelang war dies nicht der Fall... Die Berliner müssen erwachsen werden und endlich verstehen, dass sie in einer Hauptstadt eines der wichtigsten Länder der Erde wohnen. Man kann aus der Stadt kein Biotop machen.

  4. 1.

    Endlich einer, der nicht nur heult. Zuzüge bedeuten Steuerkraft, bei Umzügen wird eine billigere Wohnung frei. Diese Regierung stellt Subkultur unter Denkmalschutz - erfreulicherweise auch hier meist ohne Erfolg.

Das könnte Sie auch interessieren