Eine Regenbogenflagge weht vor der St. Marienkirche in Berlin (Quelle: dpa/Daniel Naupold)
Audio: Kulturradio | 14.07.2017 | Carmen Gräf

Kirche auf dem CSD - "Wir ekeln uns nicht vor homosexuellen Beziehungen"

Männer in Tutus, Frauen in Regenbogenfahnen gehüllt - das kennt man vom Christopher Street Day. Aber mittendrin die evangelische Berliner Kirche mit einem eigenen Wagen? Das gibt es am 22. Juli zum ersten Mal. Carmen Gräf hat sich umgehört, wie die Idee ankommt.

Eine Regenbogenfahne flattert in der Klosterstraße vor dem Evangelischen Kirchenforum und verkündet schon von weitem: Berliner Kirchenkreise sind diesmal mit von der Partie auf dem CSD, dem Christopher Street Day. Die Schirmherrschaft für den Auftritt der Kirchen hat Ulrike Trautwein, die Generalsuperintendentin für den kirchlichen Amtsbezirk Berlin, übernommen. Denn für sie heißt evangelisch sein, mitten im Leben zu stehen und nah an den Menschen zu sein.

"Der CSD ist ein Erinnerungszeichen gegen die Diskriminierung und Verfolgung, die homosexuelle Menschen erlitten haben", sagt Trautwein. Auch heute noch gebe es häufig Gewalt gegen Schwule oder Lesben: "Das lesen wir mindestens jede Woche. Weltweit ist die Situation sowieso sehr schwer. Deshalb ist es ein gutes Zeichen, gegen diese Diskriminierung aufzustehen." Mit der Teilnahme am CSD wollen die evangelischen Kirchenkreise ein Zeichen setzen. "Wir zeigen damit, dass wir selber verstrickt waren in diese Diskriminierung und Verfolgung, dass wir diesen Weg aber verlassen haben", sagt Trautwein.

"Auf mich wirkt es ein bisschen anbiedernd"

Dass sich die Berliner Kirchenkreise nun beim CSD engagieren, kommt bisher gut an. Offene Kritik aus den eigenen Reihen ist bislang kaum zu hören. Als konservativ geltende Pfarrer wollten sich dazu nicht äußern.

Steffen Reiche gilt dagegen als meinungsfreudig. Er war früher DDR-Bürgerrechtler und SPD-Politiker und ist heute Pfarrer in der Gemeinde Berlin-Nikolassee. "Auf mich wirkt es ein bisschen anbiedernd", sagt er. "Und ich vermute, das wirkt so auch auf viele, die beim CSD dabei sind." Er kritisiert: Man mache das Geschehene der letzten Jahrhunderte nicht ungeschehen, indem man nun "sozusagen das Kind mit dem Bade auskippt in die andere Richtung."

Reklame für homosexuelle Trauungen in der Kirche

Seit Juli letzten Jahres können sich homosexuelle Paare in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz trauen lassen. Der Truck auf dem CSD soll nun gezielt dafür werben. Doch dieses Argument lässt Steffen Reiche nicht gelten: "Bei den CSD-Wagen kommt es doch auf Skurrilität an, auf ein Happening. Und genau darum geht es doch aber bei einer Trauung nicht. Deshalb hätte für mich ein Stand an einer zentralen Stelle des CSD das Ziel vermutlich besser erreicht als ein Wagen."

Berthold Höcker, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Berlin-Stadtmitte, sieht das anders. "Die Werbung ist unbedingt nötig", findet er. "Ich mache das deutlich an unserem Programm 'Briefe an Ausgetretene'. Wir schreiben alle, die uns bedauerlicherweise verlassen, an und bitten um Mitteilung der Gründe." Eine Antwort, die er erhalten habe, sei dann: Wir treten aus, weil die evangelische Kirche Schwulen und Lesben gleiche Rechte verweigert. "Das ist totaler Unsinn", sagt Höcker, "und wir möchten deshalb unser Angebot in der Öffentlichkeit bekannt machen."

Wie provokativ will die evangelische Kirche sein?

Der evangelische Wagen auf dem Christopher Street Day soll deshalb die Botschaft verbreiten: "Trau Dich – Trauung für alle" mit Orgelmusik, Hochzeitsglocken und Hochzeitspaaren. Anders als zunächst berichtet, sollen vom Wagen aus weder Gleitgel noch Kondome mit dem Luther-Zitat "Für Huren und Heilige" verteilt werden. Das habe man zwar in der Vorbereitung erwogen, aber wieder verworfen, hieß es. Im März hatte die Evangelische Kirche im Rheinland eine solche Kondom-Verteilaktion von oben gestoppt. Mit der wollte eine Düsseldorfer Jugendkirche im Lutherjahr unter jungen Leuten für Botschaften der Reformation werben.  

So provokativ wollen die kirchlichen Initiativen offenbar nicht auftreten, die hinter dem Christopher-Street-Day-Engagement der evangelischen Kirchenkreise stehen. Dazu gehören etwa Initiativen wie "Homosexuelle und Kirche", "Kirche positiv" oder der Schwul-lesbische Pfarrkonvent. Umgekehrt gilt bislang auch für die Kritiker, dass sie keine Fundamentalkritik am betont schwulen- und lesbenfreundlichen Auftreten von leitenden Kirchenleuten wie Ulrike Trautwein und Berthold Höcker formulieren.

So will auch Steffen Reiche nicht daran rütteln, dass Homosexualität in der evangelischen Kirche akzeptiert ist. Es sei wichtig, "dass Kirche sagt: Wir ekeln uns nicht vor Christen, die in homosexuellen Beziehungen leben. Das lehnen wir nicht ab, sondern wir freuen uns an der Freude glücklicher Menschen."

Ein langer theologischer Fortschrittsprozess

Dass dies kein Lippenbekenntnis sei, habe die Landeskirche mit der Gleichstellung aller Paare bei der Trauung bewiesen, meint Berthold Höcker: "Wir haben in einem langen theologischen Fortschrittsprozess nun mit großer Mehrheit anerkannt, dass die Heiligen Schriften eine Schlechterbehandlung von gleichgeschlechtlichen Paaren nicht rechtfertigen." Es gebe zwar immer noch eine kleine Zahl, die das anders sehe, aber mehrheitlich sei "die gesamte evangelische Kirche hier auf einem theologisch fortschrittlichen Kurs", so Höcker.

Beitrag von Carmen Gräf

Kommentar

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19 Kommentare

  1. 19.

    Und woher wissen Sie dass Gott diese Spezies geschaffen hat? Nach der Schöpfung stelle GOTT fest, dass alles sehr gut war! Hat er etwa Aids und andere Infektionen die bei Schwulen verstärkt auftreten auch zu deren Wohl erschaffen? Dazu noch, wer glaubt denn heute noch an GOTT als den Schöpfer? Heute ist dafür die Evolution verantwortlich. Sogar der Papst glaubt an diese Lehre!

  2. 18.

    Es ist schlimm,das die Ev.Kirche den Weg der Bibel verlassen hat,wie blind muss man denn sein,um die Klarheit des Wortes Gottes so fehlzudeuten oder zu ignorieren?Was sind das fuer Hirten,die ihre Herde so in's Verderben laufen
    lassen?Hier stellt sich die Frage,wozu noch Kirche,wenn eh alles erlaubt ist?Ja,auch ich finde die Suende der gelebten
    Homosexualitaet ekelerregend,um das zu erklaeren braucht es nichtmal die Kirche,sondern lediglich alle fuenf Sinne!

  3. 17.

    Das ist doch mal eine klare Ansage: Wann immer mir künftig ein Mann seine Frau vorstellt, mir eine Frau von ihrem Mann erzählt, werde ich darauf hinweisen, daß ich mit sexuellen Identitäten und Vorlieben nicht belästigt werden möchte. Immer diese frechen Heterosexuellen. Kommt eine schwangere Frau, werde ich sie freundlich, aber nachdrücklich darum bitten, ihren Zustand gefälligst zu verbergen - eventuell ist sie ja nicht künstlich befruchtet worden, sondern ... (schauder) Dabei ist das doch heutzutage wirklich nicht mehr notwendig. Und wenn mir Menschen gar von ihren Kindern erzählen - igittigitt. Am Ende - wer weiß - sind unter so (würg) Eltern sogar PFLANZENLIEBHABER. Soll es ja alles geben. Widerwärtig, diese Perversen. Aber nicht, daß Sie noch denken, ich wäre irgendwie intolerant oder würde mich durch das, was andere machen oder mögen auf den Schlips getreten fühlen. Ich möchte nur nicht dauernd mit diesen Schweinereien belästigt werden.

  4. 16.

    Also ich habe die Regenbogenfahne immer als Symbol der generellen Vielfalt gesehen und nicht nur als Symbol für Homosexuelle. Vielleicht sollten Sie sich mal etwas intensiver mit dem Inhalt der Thematik auseinander setzen. Es gib nicht nur DIE Homos und die haben eine Fahne für sich. Dahinter steht eine Idee mit vielen verschiedenen Ansichten. Es geht um Tollereanz und Vielfalt und für mich steht die Regenbogenfahne auch für Tolleranz gegenüber konservativen und klassischen Rollen und Weltbildern wie auch von Asexuellen und sonstigen Ansichten. Wenn Sie sich durch dieses Symbol in Ihrer Welt eingeschränkt sehen, zeigt es, dass Sie nichts begriffen haben. Wegen Leuten wie Ihnen ist es wichtig, dass es diese Symbole gibt. Ohne CSD, Fahnen und Medien würden Homos wohl auch heute noch in den Knast wandern, da Leute wie Sie sich durch Andersartigkeit bedrängt fühlen. Ich stimme Ihnen zu, dass es dirse ganzen Symbile und Öffentlichkeitsarbeit nicht braucht, wenn alle Ansichten und Lebensweisen in der Gesellschaft als so normal wie das klassische Familienbild angesehen werden. Da sind wir aber noch nicht.

  5. 15.

    Ich werfe da nichts durcheinander, da ich die sexuelle Identität und Vorlieben beides für eine Privatangelegenheit halte und damit nicht belästigt werden will. Weder im persönlichen Gespräch durch Fremde noch ständig thematisiert in den Medien.

    Aber wenn Sie beides unbedingt trennen wollen, dann nehme ich halt als Beispiele Asexuelle und Tierliebhaber. Beides durchaus Identität. Umstritten, aber das ist die Homosexualität ja auch fast immer gewesen.

    Konkret gefragt: Wann flattert die Fahne der Asexuellen auf dem Roten Rathaus? Nicht vorstellbar? Warum dann die Regenbogenfahne?

  6. 14.

    Ich habe nicht zu richten, wie die Leute leben wollen. Aber wenn eine Kirche, die sich augenscheinlich auf die Bibel beruft, nicht mehr weiss, was in einer solchen drinsteht - auch in bezug auf Homosexualität - dass es vor Gott ein Gräuel ist - glaube ich nicht, dass sie die notwendige Ehrfurcht vor Gott hat.

  7. 13.

    Was man alles so mit Kirchensteuern anfangen kann.

  8. 12.

    Jetzt ist dann aber auch mal gut, ja? Wir haben alle begriffen, wie es um Ihre persönlichen Befindlichkeiten bestellt ist - so wahnsinnig interessant, dass sie allein diese Kommmentarspalte dominieren müssen, sind sie für die meisten anderen Leser nicht.

  9. 9.

    >>Warum ekeln ???<< ... Warum nicht ??? ... Immerhin bin ich ein Individuum, Andere auch.
    >>... Warum haben Sie Angst ... ?<< ... Ich habe Angst nicht "Mainstream-schick" genug zu sein.

  10. 8.

    Sie werfen da einiges durcheinander. Nur ein Beispiel: Sexuelle Vorlieben und sexuelle Identität sind nicht dasselbe.

  11. 7.

    Warum ekeln??? Gott hat Homosexuelle, Transgender etc. ebenso geschaffen wie Heteros. Niemand kann sich wirklich aussuchen, ob er auf blonde oder schwarze oder dicke oder dünne Frauen oder Männer steht! Ekeln tu ich mich nur, wenn mich jemand anmacht, mit dem ich absolut keinen näheren Kontakt haben möchte!
    Aber - wo ist Ihr eigentliches Problem? Warum haben Sie Angst, unfrei zu sein und Ihre Meinung nicht mehr äußern zu dürfen??

  12. 6.

    Kein Bericht über Homosexualität beim rbb, ohne dass Sie ganz schnell zum Thema was zu melden haben. Die Beschäftigung mit der gleischgeschlechtlichen Liebe scheint ein ganz intensiv betriebenes Hobby von Ihnen zu sein.
    Verdächtig, verdächtig.

  13. 5.

    Mir ist egal, was jemand in seinem Bett treibt und mit wem. Aber ich will damit nicht belästigt werden. Nicht direkt und nicht als Dauerthema in dem Medien.

    Derzeit habe ich das Gefühl, als gäbe es in der verfassten Öffentlichkeit kein wichtigeres Thema. Regenbogenfahnen an öffentlichen Gebäuden, was soll das?

    Stellen wir uns bitte vor, jede Meldung zu Homosexuellen und Queren, jede Veranstaltung, die Fahnen - all das würde man austauschen gehen Meldungen, Veranstaltungen und Fahnen der BDSM-Szene. Oder die Natursektliebhaber würden die gleiche mediale Aufmerksamkeit wie Homosexuelle in der Öffentlichkeit bekommen. Wie wäre das? Ok? Angemessen? Selbstverständlich?

    Es wäre zumindest das Gleiche, denn hier geht es nur um die sexuelle Orientierung. Wenn man die Vorlieben einiger herausstellt, wieso die der anderen nicht?

    Ich jedenfalls will es von allen nicht wissen, denn das Sexualleben ist Privatsache! Ich hoffe, dass die Medien sich mal wieder wichtigere Themen suchen. Mir fallen da genügend ein.

  14. 4.

    Mir ist egal, was jemand in seinem Bett treibt und mit wem. Aber ich will damit nicht belästigt werden. Nicht direkt und nicht als Dauerthema in dem Medien.

    Derzeit habe ich das Gefühl, als gäbe es in der verfassten Öffentlichkeit kein wichtigeres Thema. Regenbogenfahnen an öffentlichen Gebäuden, was soll das?

    Stellen wir uns bitte vor, jede Meldung zu Homosexuellen und Queren, jede Veranstaltung, die Fahnen - all das würde man austauschen gehen Meldungen, Veranstaltungen und Fahnen der BDSM-Szene. Oder die Natursektliebhaber würden die gleiche mediale Aufmerksamkeit wie Homosexuelle in der Öffentlichkeit bekommen. Wie wäre das? Ok? Angemessen? Selbstverständlich?

    Es wäre zumindest das Gleiche, denn hier geht es nur um die sexuelle Orientierung. Wenn man die Vorlieben einiger herausstellt, wieso die der anderen nicht?

    Ich jedenfalls will es von allen nicht wissen, denn das Sexualleben ist Privatsache! Ich hoffe, dass die Medien sich mal wieder wichtigere Themen suchen. Mir fallen da genügend ein.

  15. 2.

    Transsexuelle Menschen haben oft auch eine kritische Haltung zur Kirche, wie sie B. Höcker im Blick auf Ausgetretene schildert. Sie fragen sich: Wo engagiert sich Kirche für uns? Wo tritt Kirche für ein besseres Transsexuellenrecht ein? Wer an so einer Verbesserung Interesse hat, kann via google "openpetition Selbstbestimmungsgesetz Transsexualität" fündig werden. Vielleicht machen ja auch viele Christen mit?

  16. 1.

    "Wir ekeln uns nicht vor homosexuellen Beziehungen" ... Ich jedoch doch.
    Die Freiheit nehm' ich mir !!! ... Noch ist es möglich ?!

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