Junger Mann läuft im August 2017 den Tunnel am Berliner ICC entlang Richtung Treppen (Quelle: rbb)
Video: Abendschau | 08.08.2017 | Jo Goll

Projekt an der Berliner Charité - Wie ein Teenager lernt, mit seiner pädophilen Neigung zu leben

Schätzungsweise 250.000 Männer in Deutschland sind pädophil, sie fühlen sich sexuell von Kindern angezogen. Ein Projekt der Charité setzt sich dafür ein, dass Betroffene nicht zum Täter werden. Jo Goll hat einen Jugendlichen getroffen, der sich in Therapie begeben hat.

"Niemand ist verantwortlich für seine Gefühle, sehr wohl aber für sein Verhalten" – das ist der Grundsatz des Präventionsprojekts "Du träumst von ihnen" [du-traeumst-von-ihnen.de] der Berliner Charité. Kostenlos und unter Schweigepflicht können sich seit 2014 Jugendliche an die Mitarbeiter des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin wenden, wenn sie bemerken, sich sexuell zu Kindern hingezogen zu fühlen.

Einer der Betroffenen ist Jonathan: 16 Jahre alt, ein Schüler, der gerne Basketball spielt. Ein Junge wie viele andere – zumindest auf den ersten Blick. Doch Jonathan liebt Mädchen im Alter zwischen acht und zehn Jahren. Zuerst dachte er, sein Verlangen könnte vorübergehen, doch heute weiß er: "Geheilt" werden wird seine sexuelle Neigung nie. "Ich muss jetzt lernen, damit umzugehen und mich und meine Präferenz unter Kontrolle zu halten. Ich werde das wohl mein ganzes Leben mit mir tragen und ich werde mein ganzes Leben daran arbeiten, diese Präferenz zu kontrollieren", sagt der 16-Jährige.

Ich werde das wohl mein ganzes Leben mit mir tragen und ich werde daran arbeiten, diese Präferenz zu kontrollieren.

Jonathan (16), Teilnehmer des Projekts "Du träumst von ihnen"

Das Ziel: Prävention von Kindesmissbrauch und Kinderpornografie

Aus medizinischer Sicht kann eine pädophile Neigung erst ab einem Mindestalter von 16 Jahren diagnostiziert werden, bis dahin bildet sich die sexuelle Präferenz heraus. Die Therapie des Projekts "Du träumst von ihnen" richtet sich aber auch schon an Jüngere und zielt darauf ab, den betroffenen Jugendlichen zu helfen, ihre problematischen sexuellen Fantasien nicht auszuleben. So sollen sexuelle Übergriffe auf Kinder und die Nutzung kinderpornografischen Materials verhindert werden.

Jonathan hatte solches Material schon mal genutzt. Kurz nach seinem 13. Geburtstag standen Beamte des Landeskriminalamts in seinem Zimmer und beschlagnahmten seinen Rechner: Er hatte im Internet kinderpornographisches Material und Bilder von nackten Mädchen heruntergeladen. Damals habe er sich nichts dabei gedacht, sagt er. Dass dies strafbar ist, habe er nicht gewusst.

"Heute weiß ich, dass es auch ein sexueller Übergriff ist, solche Bilder mit nackten Kindern herunterzuladen. Jedes Bild zeigt letztendlich einen sexuellen Übergriff, da dem Kind einfach seine Privatsphäre genommen wird. Und wenn ich mir das anschaue, begehe ich damit indirekt einen sexuellen Übergriff, ohne das Kind angefasst zu haben", sagt Jonathan heute.

Wenn ich im Internet surfe und das Verlangen kommt, dann muss ich den Rechner ausschalten und gehe Basketball spielen.

Jonathan (16), Teilnehmer des Projekts "Du träumst von ihnen"

Mit 14 beginnt er die Therapie in Berlin

Seit zwei Jahren fährt er ein- bis zweimal im Monat mit dem Zug von Norddeutschland zur Therapie nach Berlin. Umut Oezdemir ist sein Therapeut an der Charité und unterstützt ihn dabei, sein Verlangen zu kontrollieren. Gemeinsam suchen sie nach Lösungsmöglichkeiten, zum Beispiel niemals allein mit einem Kind in einem Raum zu sein.

"Wenn ich im Internet surfe und das Verlangen kommt, dann muss ich raus aus dieser Situation. Das heißt für mich: den Rechner ausschalten. Dann gehe ich Basketball spielen. Damit kann ich vermeiden, dass ich im Internet übergriffig werde", sagt Jonathan.

Therapeut Oezdemir vermittelt seinen jungen Patienten vor allem eines: "Du bist trotz deiner Neigung ein wertvoller Mensch." Schwierig wird es bei den meisten, wenn sie erkennen, dass ihre Neigung nicht heilbar ist, sie ihr ganzes Leben lang dagegen kämpfen müssen. Dann sei seine Hauptaufgabe, Trauerarbeit zu leisten, sagt der Diplompsychologe. Dann kämen die Tränen, die Wut und oft der Gedanke: Warum gerade ich? Erst wenn diese Phase abgeschlossen und akzeptiert sei, "dann können wir weitergehen", so der Therapeut.

Die Nachfrage nach Therapieplätzen steigt

Nach Studien ist knapp ein Prozent der männlichen Bevölkerung sexuell auf Kinder ausgerichtet. Nach Schätzung der Charité sind es 250.000 Männer und Heranwachsende in Deutschland. Aber nicht jeder Betroffene wird übergriffig. Zudem zeigen Studien, dass pädophile Täter nicht den Hauptanteil am sexuellen Kindesmissbrauch ausmachen, sondern Täter, deren Sexualität eigentlich auf Erwachsene ausgerichtet ist.

Damit es erst gar nicht zu sexuellen Übergriffen durch Pädophile kommt, will das Projekt "Du träumst von ihnen" Betroffene möglichst früh erreichen. Sie sollen dafür sensibilisiert werden, dass es eine "Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema" gibt und auch Möglichkeiten existieren, "die Phantasie vollständig zu kontrollieren", so Projektleiter und Sexualwissenschaftler Klaus Beier. Die Nachfrage junger Patienten werde immer größer, berichtet der Professor.

Jonathan hat die Therapie bereits geholfen. "Ich bin zwar ein bisschen stolz darauf, dass ich meine sexuelle Neigung jetzt kontrollieren kann, aber es ist einfach auch notwendig, da sie mich sonst zu einem üblen Sexualstraftäter gemacht hätte", ist sich der Jugendliche sicher. Für ihn ist die Therapie ein wichtiger Pfeiler in seinem Leben geworden, um niemals ein Täter zu werden, niemals wieder ein Täter zu sein.

Kurz-Doku der ems-Volontäre (rbb/mabb) über ein "Leben mit Pädophilie"

"Kein Täter werden" für Betroffene ab 18

Für Erwachsene gibt es das Projekt "Kein Täter werden" der Berliner Charité, das sich an Männer mit pädophilen Neigungen richtet. Seit 12 Jahren werden an knapp einem Dutzend Standorten in Deutschland fast ausschließlich Männer mit einer sexuellen Präferenz für Kinder therapiert. Völlig anonym, der Patient muss nicht einmal seine Krankenversichertenkarte zeigen. Nach langem Streit werden die Kassen ab 2018 dafür zahlen. Denn das Projekt ist ein großer Erfolg und aus Sicht von Experten ein unverzichtbarer Baustein für den Schutz von Kindern gegen sexualisierte Gewalt.

Beitrag von Jo Goll

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