
Prignitz: Katastrophenalarm aufgehoben - Experten fordern besseren Hochwasserschutz
Die Gefährdung durch das Hochwasser in Brandenburg hält weiter an - die Lage im Nordwesten des Landes beginnt sich aber leicht zu entspannen, heißt es beim Krisenstab in Potsdam. Die Wasserpegel der Elbe war am Montag auf rund 6,77 Meter gefallen, das sind zehn Zentimeter weniger als 24 Stunden zuvor. Beim Höchststand vor einer Woche hatte der Pegelstand noch einen Wert von 7,85 Metern erreicht. Der Mittelwert liegt bei 2,77 Metern.
Entwarnung gibt es aber noch nicht, auch wenn am Montagabend der Katastrophenalarm aufgehoben wurde. Im südlicheren Landkreis Havelland war der Alarm bereits am Samstag aufgehoben worden. Brandenburgs Innenminister Dietmar Woidke (SPD) verabschiedete sich auch von den letzten rund 100 Bundeswehrsoldaten aus der Prignitz, in Spitzenzeiten waren hier 800 Soldaten helfend im Einsatz. Die Bundeswehr darf nur im Landesinneren aktiv werden, wenn Katastrophenalarm ausgerufen wird.

Erfolgreiche Aktion - Deich bei Fischbeck fast geschlossen
Es fließe wesentlich mehr Wasser aus der Region ab als hinein. Einige Straßen in Fischbeck seien sogar schon wieder trocken.
Die ersten beiden mit Schotter beladene Lastkähne waren am Samstagabend versenkt worden. Durch diese erste Aktion konnte das Loch im Deich auf etwa 20 Meter reduziert werden. Ein dritter Kahn wurde am Sonntagnachmittag an Position gebracht. Von Hubschraubern werden nun Sandsäcke zur endgültigen Abdichtung des Lecks abgeworfen. Außerdem werden Container und Betonteile versenkt.
Durch den Deich strömten nach Angaben des Krisenstabes seit Wochenanfang rund 300 Kubikmeter Wasser pro Sekunde und fluteten ganze Landstriche. Auch Teile Brandenburgs waren betroffen; im Westhavelland wurde zum Schutz vor Überflutungen ein Notdeich errichtet. Zudem ist durch das Wasser unter anderem die ICE-Strecke zwischen Berlin und Hannover unterspült und bleibt auf unbestimmte Zeit gesperrt.

Sandsäcke werden wieder entsorgt
In der Innenstadt von Wittenberge haben Feuerwehrleute unterdessen begonnen, Sandsäcke zu entsorgen. "Der Sand kommt auf einen großen Haufen. Die Sandsäcke landen im Müll. Zuvor waren schon Teile der mobilen Hochwasserschutzwand demontiert worden. "Die mobilen Schutzwände heben wir auf - für das nächste Mal", sagte ein Sprecher der Stadt. Die Deiche hielten dem Hochwasser bisher stand. Zwar normalisiert sich auch das Alltagsleben zusehends - aber nun haben etwa Hoteliers in der Prignitz Sorge, dass die Urlauber ausbleiben.

Woidke hält Umsiedlungen für nicht praktikabel
Wie Bernd Lindow vom Krisenstab des Kreises dem rbb sagte, ist der Wasserdruck auf die Deiche weiterhin hoch. Es gebe aber weniger Probleme mit Treibgut als befürchtet. Als Grund nannte Lindow den Wind, der gedreht habe. Er sprach von einer leichten Entwarnung und Erleichterung für die Einsatzkräfte.
Trotzdem achteten der Wasser- und Bodenverband und die Deichläufer darauf, dass große und gefährliche Treibgutstücke gesichert würden.
Angesichts der Überschwemmungen der vergangenen Wochen wird in Brandenburg nun über die Konsequenzen für den künftigen Hochwasserschutz diskutiert. Aus Sicht von Innenminister Dietmar Woidke (SPD) ist die Rückverlegung von Deichen nicht die einzige Lösung. Deutschland sei ein dicht besiedeltes Land, sagte der SPD-Politiker am Montag dem rbb. Es werde nicht überall möglich sein, Dörfer umzusiedeln und den Leuten zu sagen, sie müssten jetzt drei, vier, fünf Kilometer vom Deich wegziehen.
Brandenburg hat Woidke zufolge aber sein Möglichstes getan. Als Beispiel nannte der Innenminister die Neuzeller Niederung bei Ratzdorf (Oder-Spree), die jetzt als Polderfläche ausgewiesen werde.
Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hatte zuvor gefordert, den Fluten künftig mehr Raum zu geben. Der Hochwasser-Experte Fred Hattermann sprach sich am Montag dafür aus, unter anderem Polder anzulegen. Es müssten aber auch weiter veraltete Deiche zwischen den Ballungszentren ausgebessert werden, sagte Hattermann dem rbb. Das Institut geht davon aus, dass Deutschland aufgrund des Klimawandels künftig häufiger mit Hochwasser rechnen muss.
Der Chef des Landesumweltamtes, Matthias Freude, mahnte gemeinsame Anstrengungen der Bundesländer beim Hochwasserschutz an. Man müsse das ganze Flussgebiet betrachten, sagte er dem rbb. Wenn der eine etwas tue, nutze das letztlich allen.

