Eine Frau mit einer Aids-Schleife. (Bild dpa)

Interview zu HIV-Positiven - "Fast jeder wird irgendwann diskriminiert"

Jeder fünfte deutsche HIV-Positive lebt in Berlin. Trotz HIV-Aufklärungskampagnen bleibt die Neuinfektionsrate konstant hoch – die Stigmatisierung HIV-Positiver im Alltag auch. Heiko Großer, Vorstandsmitglied der Berliner Aids-Hilfe, berichtet im Interview, welchen Vorurteilen Menschen mit HIV heute begegnen – in der Familie, bei Ärzten und am Arbeitsplatz.

rbb online: In Deutschland leben rund 78.000 Menschen mit HIV. Die Zahl der Neuinfektionen ist in diesem Jahr leicht gestiegen: In Berlin geht man von 450 Neuinfektionen aus, in Brandenburg von 100. Wie schätzen Sie diese Zahlen ein?

Heiko Großer von der Berliner Aidshilfe (Quelle: Berliner Aidshilfe)
Heiko Großer von der Aids-Hilfe

Heiko Großer: Wir bewerten die Zahlen als nicht dramatisch. Sie beruhen zum Teil auf Schätzungen und sind in Berlin und Brandenburg sowie in Deutschland insgesamt relativ konstant. Wir können zwar immer noch nicht Entwarnung geben, aber wir sehen keinen signifikanten Anstieg der Infektionen, der uns beunruhigen sollte.

rbb online: Warum leben ausgerechnet in Berlin so viele HIV-Positive?

Großer: Berlin hat ein hervorragendes medizinisches und soziales Netzwerk für HIV-Positive. Es gibt eine sehr große Community mit einer guten Infrastruktur. Und es gibt hier die Möglichkeit, anonym als HIV-Positiver zu leben. Auf dem Land gibt es die nicht.

rbb online: HIV-Positive haben es in Brandenburg schwerer?

Großer:
In Brandenburg ist es vor allem schwieriger, Ärzte zu finden, die sich mit HIV gut auskennen und wirklich in der Diagnostik arbeiten. Vielen Patienten aus Brandenburg bekommen von ihren Hausärzte gesagt: HIV ist nicht so mein Thema, gehen Sie lieber zu den Spezialisten nach Berlin. Im medizinischen Bereich gibt es deshalb eine große Wanderung von Brandenburg nach Berlin.

rbb online: Wer sucht bei der Berliner Aids-Hilfe Unterstützung?

Großer: Normalerweise kommen Menschen mit Problemen und die Diskriminierungen erfahren haben. Das sind vor allem Hartz-IV-Empfänger und Migranten. Es kommen auch Langzeit-Positive, die mittlerweile an Aids erkrankt sind, weil die Medikamente nicht mehr funktionieren. Und wir kümmern uns verstärkt um HIV-positive Gefängnisinsassen.

rbb online: Wie wird die Krankheit heute in der Öffentlichkeit wahrgenommen?

Großer: Die Wahrnehmung ist interessanterweise eine andere als die Realität. HIV-Positive können, wenn sie sich an ihre Therapie halten, gut mit der Krankheit leben. Es gibt mittlerweile sehr gute Medikamente, die auch gut verträglich sind. Doch in der Gesellschaft ist Aids immer noch ein diffuses Angstthema. Viele denken, Aids hat etwas mit schwulem Sex, Drogen und Sexarbeitern zu tun.

Zahlen für Berlin und Brandenburg

Laut Schätzungen leben derzeit in Berlin rund 15.000 Menschen mit HIV/Aids, davon 13.000 Männer. Die höchste Risikogruppe sind immer noch homosexuelle Männer. 2.100 Berliner haben sich über heterosexuelle Kontakte infiziert. 2012 gab es in Berlin rund 450 Neuinfektionen.

Da zwischen Ansteckung und Diagnose üblicherweise mehrere Monate liegen, geht das Robert-Koch-Institut davon aus, dass in Berlin 2.300 Menschen mit dem HI-Virus leben, ohne es zu wissen.

In Brandenburg geht man von rund 780 HIV-positiven Menschen aus, davon 190 Frauen. In 2012 sollen sich rund 100 Brandenburger mit dem Virus neu infiziert haben.

Die geschätzte Zahl der noch nicht diagnostizierten HIV-Infizierten liegt bei 360 Fällen.

rbb online: Also wird HIV weiterhin als Schwulenkrankheit gesehen?

Großer: Diese Stigmatisierung gibt es noch immer. Dabei macht die sexuelle Orientierung überhaupt keinen Unterschied.

rbb online: In welchen Lebensbereichen außerhalb der eigenen Familie erfahren HIV-Positive häufig Diskriminierungen?

Großer: Das ist ein weites Feld. Die meisten HIV-Positiven werden irgendwann in ihrem Leben entweder am Arbeitsplatz, in der Zahnarztpraxis oder auf dem Job-Center diskriminiert. Entgegen aller wissenschaftlichen Erkenntnisse herrscht immer noch das Vorurteil, HIV-Positive wären nicht so leistungsfähig oder öfter krank – und deshalb im Falle der Arbeitssuche nicht vermittelbar. Dabei gibt es für HIV-Positive, die in Therapie stehen, überhaupt keine Einschränkungen im Beruf. Und es gibt keinen Grund, sie von bestimmten Berufsfeldern auszuschließen.

rbb online: …wie das beispielsweise bei Piloten der Fall war.

Großer: Es hat in vielen Berufsfeldern ein Umdenken stattgefunden. Seit diesem Jahr ist HIV zum Beispiel für angehende Piloten kein grundsätzliches Ausschlusskriterium mehr. Was ich wichtig finde ist, dass Positive in ihrem Beruf die Möglichkeit haben müssen, darüber offen reden, um ohne Angst arbeiten zu können. Auch in dem Wissen, dass die Kollegen da sind, wenn etwas schiefgeht.

rbb online: Was sollten HIV-Positive wissen, wenn sie sich am Arbeitsplatz zu ihrer Krankheit bekennen wollen?

Großer: Ich habe viele Jahre in der telefonischen Beratung gearbeitet, und diese Frage kam sehr oft. Erstmal gibt es keine Verpflichtung, sich zu bekennen. Wenn in einem Fragebogen die Frage auftaucht, ob man HIV-positiv ist, kann man das auch verneinen. Trotzdem rate ich jedem, der sich am Arbeitsplatz outen möchte, gut abzuwägen.

Man sollte sich die Leute genau anschauen. Wem kann man vertrauen? Ist es der Chef? Ist es der engste Kollege? Denn ich glaube, es macht keinen Sinn, sich vor das gesamte Team zu stellen und es zu sagen. Außerdem ist es sehr hilfreich, wenn man schon länger im Job arbeitet und bisher über seine Leistung definiert wurde. Es ist leichter, sich als verlässlicher Mitarbeiter zu offenbaren, als wenn man neu in eine Abteilung kommt.

AIDS-Schleife und farbige Kondome
Die rote Schleife und farbige Kondome zum Welt-Aidstag 2013

rbb online: Wie zufriedenstellend ist die Akzeptanz von HIV-Positiven im Vergleich zu den vergangenen Jahren?

Großer:
Wir sind dann zufrieden, wenn man in unserer Gesellschaft nicht mehr darüber nachdenken muss, ob man sich outen muss oder nicht. Aber vor allem hier in der Region sind wir schon ein Stück voran gekommen. Viele Positive sind etabliert und werden auch als Positive wahrgenommen und nicht diskriminiert. Es gibt auch Unternehmen wie die Berliner S-Bahn, die sich ganz klar engagieren und für Akzeptanz werben.

rbb online: Was könnte von Seiten der Landespolitik getan werden, um das Leben für HIV-Positive zu verbessern?

Großer: Die Berücksichtigung im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz wäre ein Anfang. Wenn wir den Fall haben, dass HIV-Positiven aufgrund ihrer Erkrankung in der Probezeit gekündigt wird, wäre es gut für die Betroffenen, wenn sie sich auf ein Gesetz berufen könnten. Das ist zwar theoretisch schon möglich, wird von den Arbeitsgerichten aber unterschiedlich ausgelegt.

Die Politik ist vor allem bei der Aufklärung gefragt und sollte Schnittstelle zwischen Behörden und Wissenschaft sein. Jüngst hat Arbeitssenatorin Dilek Kolat dafür gesorgt, dass Informationsmaterial über HIV und Aids an die Berater der Arbeitsagenturen weitergeleitet wurde, um dort Aufklärung zu leisten. Solche Aktionen sind ein Anfang.

Das Interview führte Thomas Blecha