Ein Warnschild vom Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes Brandenburg (Quelle: dpa)

Kampfmittelbeseitigung - Brandenburg kämpft mit einem explosiven Erbe

Brandenburg hat wie kein anderes Bundesland mit Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg zu kämpfen. Allein auf Oranienburg gingen 1944 und 1945 über 10.500 Sprengbomben nieder. Doch längst nicht alle sind damals explodiert und bis heute müssen sie aufgespürt und entschärft werden.

Im Zweiten Weltkrieg bombardierten die Alliierten zahlreiche deutsche Städte. Blindgänger aus dieser Zeit lagern auch heute noch im Boden. Brandenburg ist das am stärksten betroffene aller Bundesländer: Rund zwölf Prozent der Landesfläche gelten derzeit immer noch durch Kriegseinwirkungen als belastet. Allein in Oranienburg wurden seit Oktober 1991 mehr als 170 Bomben geborgen und vernichtet und über 300 werden dort noch im Boden vermutet.

Rathaus und Wegweiser in Oranienburg (Quelle: imago)
In Oranienburg wurden kurz vor Kriegsende besonders viele Bomben abgeworfen.

Zurückgelassenes und Flächenbombardement

Dieses explosive Erbe geht auf das letzte Jahr des Zweiten Weltkriegs zurück. Die Wehrmacht versuchte Anfang 1945 mit allen Mitteln, den Vormarsch der Roten Armee über die Oder zu verhindern. Bei den Auseinandersetzungen in den Seelower Höhen, den Kämpfen um Berlin und der Kesselschlacht ließen flüchtende deutsche Soldaten Waffen und unbenutzte Munition zurück.

Ein weiterer Grund ist die Rüstungsindustrie in Städten wie Oranienburg, Cottbus, Frankurt (Oder) oder Brandenburg/Havel. Oranienburg war dabei besonders betroffen: Neben den Heinkel-Werken ging es Briten und Amerikanern vor allem um die Auerwerken, in denen Wissenschaftler für Hitlers Atomprogramm forschten. Um zu verhindern, dass die aus dem Osten heranrückende Rote Armee einen Zugang zum nuklearen Material und zu den technischen Unterlagen bekommt, bombardierten die Alliierten das Gebiet um die Auerwerke besonders stark.

Schlechte Dokumentation zu DDR-Zeiten

Die Suche nach den Bomben ist heute nicht einfach. Anhand von Bombentrichtern auf Luftbildern aus dem Zweiten Weltkrieg, Dokumentationen der Alliierten und in der Vergangenheit entdeckten oder gar explodierten Blindgängern rekonstruieren die Spezialisten, wo heute noch Bomben liegen. Da viele Gebiete inzwischen bebaut sind, müssen die Fachleute mit behutsamen Probebohrungen und anschließende Magnetmessungen operieren. Das kann so weit gehen, dass sie durch das Fundament eines Hauses bohren müssen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die DDR-Volkspolizei ihre Arbeit beim Räumen schlecht dokumentierte. Die genauen Koordinaten entschärfter Bomben sind praktisch unbekannt. Daher lässt sich die Zahl der vor der Wende entschärfte Bomben nicht verlässlich bewerten.

Zünder werden im Lauf der Zeit gefährlicher

Insbesondere gegen Kriegsende waren Bomben darauf ausgelegt, nicht sofort zu explodieren. US-Bomben aus den Jahren 1944 und 1945 enthielten Langzeitzünder, die bis zu 48 Stunden nach dem Aufschlagen detonieren sollten. Dieser unberechenbare Mechanismus sollte die Bevölkerung verunsichern und in der Nähe von Rüstungsbetrieben die Wiederaufnahme der Arbeit möglichst lange behindern. Denn jede Bombe musste zuerst als Langzeitzünder-Sprengkörper angesehen werden, Entschärfungs-Kommandos brauchten also mehr Zeit.

Eine große Zahl dieser Zeitzünder-Modelle ist jedoch bis heute nicht explodiert. Besonders perfide daran ist, dass die Materialien im Zünder altern und dadurch immer gefährlicher werden können. Diese Zeitbomben auf Abruf sind sehr empfindlich gegen Erschütterungen und Schläge und können sogar ohne äußeren Einfluss detonieren.

Archiv: Sprengmeistrer Mike Schwitzke nach der Entschärfung einer Fliegerbombe am 12.10.2012 in Potsdam.(Quelle: dpa)
Entschärft: Ein Sprengmeister des Kampfmittelbeseitigungsdienstes einer Fliegerbombe in Potsdam.

Gezielte Sprengung ist oft die einzige Lösung

Die Bomben liegen je nach Bodentyp zwischen eineinhalb und siebeneinhalb Meter tief im Boden. Im Sandboden drangen die Bomben zudem schräg in den Grund ein und beschrieben eine U-förmige Kurve, so dass sie am Ende nach oben zeigten. Der Drift bedeutet, dass Bomben auch unter Häusern liegen könnten, die schon während des Zweiten Weltkriegs standen.

Blindgänger mit Langzeitzündern detonierten aus zwei verschiedenen Gründen nicht. Zum einen spielt die Lage der Bombe eine Rolle. Wenn sie in Sandboden eindringt, zeigt die Bombe in der Regel wieder nach oben, der Zeitzünder wird dann nicht aktiviert. Zum anderen wechselte die Fertigungsqualität der Zünder stark, eine Reihe von ihnen funktionierte schon beim Abwurf der Bombe nicht. Wenn solche Bomben gefunden werden, muss zuerst geklärt werden, ob sich der Zünder noch in der Bombe befindet. Falls der Zünder intakt ist, versuchen die Spezialisten vom Kampfmittelbeseitigungsdienst, ihn zu entschärfen. Falls das nicht gelingt, wird die Bombe gezielt gesprengt.

Die Entschärfung der Bomben ist teuer. Von Ende 1991 bis Ende 2012 musste Brandenburg insgesamt 322 Millionen Euro für die Kampfmittelräumung aufbringen. Zudem müsste zum Beispiel in Oranienburg das Erdreich der ganzen Stadt systematisch durchsucht werden. Dauerhafter Streitpunkt ist dabei die Übernahme der Kosten: Der Bund kommt nur für das Beseitigen von Wehrmachtsmunition auf. Demnach ächzen sowohl das Land als auch die Kommunen unter den Kosten.

Zuletzt hatte Brandenburg zusammen mit Niedersachsen im Oktober 2012 eine Bundesratsinitiative gestartet. Ihrem Willen nach sollte sich der Bund auch an der Beseitigung der alliierten Kampfmittel beteiligen. Mit den Bundestagswahlen 2013 ist diese Gesetzantrag allerdings hinfällig geworden, und eine Lösung weiterhin nicht in Sicht.

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