Der Stadtführer Carsten Voss zeigt Berlin aus Sicht eines Obdachlosen (30.06.2013) (Bild: dpa)
Audio: Anna Corves | Inforadio | 03.09.2013

Berliner Stadtführungen auf den Spuren von Wohnungslosen - Wo schläft man, wenn man kein Bett hat?

Schöneberg-Besucher schwelgen gerne in der KaDeWe-Feinkostabteilung, flanieren über den bürgerlichen Winterfeldplatz oder werden von der Schwulenszene angezogen. Notunterkünfte oder Essensausgaben gehören nicht zum klassischen Sightseeing-Programm. Das sind aber Orte, die für Obdachlose existentiell sind. Eine Stadtführung will nun beide Perspektiven zusammenbringen.

Sandfarbene Shorts, Jeanshemd, Lederslipper, Markenbrille - eher so der Segel-Typ: Lässig lehnt Carsten Voss, 54 Jahre alt, an einem Mäuerchen neben der U-Bahn-Station Nollendorfplatz. Aber wenn er den Mund aufmacht, klafft eine große Lücke im Gebiss: Oben rechts fehlen mehrere Zähne. Schnell und undramatisch erzählt der Stadtführer von "Querstadtein"den 24 Frauen und Männern, die an seinem Rundgang teilnehmen, seine Geschichte. In seinem früheren Leben war Voss mal Geschäftsführer bei der Bread & Butter- Modemesse in Berlin. Er hatte eine 80-Stunden-Woche, war 150 Tage im Jahr auf Dienstreise und dann kam der Burnout und die Depression. "Und dann war alles vorbei. Irgendwann konnte ich die Miete nicht mehr bezahlen, dann kam die Räumungsklage und ich habe auf der Straße gesessen."

Mit ihm unterwegs sind an diesem Tag Teenies, Studenten und Berufstätige. Fast alle leben in Berlin, so wie ich. An diesem sonnigen Sonntag will uns Carsten Voss die Stadt von einer fremden Seite nahebringen: Aus der Perspektive von Obdachlosen. Die 25-jährige Suse begegnet ihnen im Alltag oft, manche sind ihr unangenehm, andere sympathisch. "Es gibt schon welche, die sind sehr unangenehm - da steige ich auch schon mal aus in der U-Bahn, wenn der Geruch ein wenig penetrant ist. Dann gibt es aber auch die, die man sympathisch findet und die mich dann auch mehr berühren." Dass es zwischen Obdachlosen und Nicht-Obdachlosen zwar viele Begegnungen, aber wenig Berührungspunkte gibt, zeigt sich schon hier am Treffpunkt zur Stadtführung: Direkt neben uns sitzen mehrere wohnungslose Menschen. Manche mit Schlafsäcken, manche mit Bier und einer hat offene Wunden am Bein. Aus den Augenwinkeln gucke ich rüber, ähnlich verstohlen wie andere Teilnehmer auch. Eine unbehagliche Situation: Besichtigen wir die jetzt?

Ein Verteiler (l) der Obdachtlosenzeitung "Motz" holt sich in Berlin-Schöneberg in einem Wohnwagen am Nollendorfplatz aktuelle Ausagaben der Zeitung ab. (Bild: dpa)
Ein Motz-Verkäufer holt am Motz-Bus Nachschub.

Keinen Voyeurismus betreiben

Carsten Voss wechselt erst mal die Straßenseite. Und erklärt, was den Nollendorfplatz so beliebt bei Obdachlosen macht. Er nennt es das klassische "Bermuda-Viereck", das man braucht, wenn man auf der Straße lebt. "Eine sehr gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, es gibt viele Bänke, auf denen man nachts auch schlafen kann, es gibt einen 24-Stunden-Kaiser's mit Pfandflaschen-Automat und es gibt den Motz-Bus, die Verteilerstelle für die Obdachlosen-Zeitschrift Motz."

Radfahrer kreuzen, ein paar Kinder spielen auf dem sonnigen Winterfeldpatz, den ich wegen des Wochenmarkts mit den teuren Leckereien kenne. Carsten Voss kennt sich in Schöneberg bestens aus. Hier hat er als Manager gelebt, ist dem Kiez auch nach seinem Absturz treu geblieben. Er denkt auf dem Markt auch ans Essen, aber anders. Am Winterfeldplatz steht die Matthiaskirche und die ist ein Verteilpunkt der Berliner Tafel. Hier gibt es kostenlose Lebensmittel. Eine von vielen Anlaufstellen, die Voss nennt, bei denen Obdachlose Hilfe finden. Er erzählt sachlich, informativ, fast wie ein Experte weniger als Betroffener. Das ist Absicht, erklärt mir Lena Mützel. Sie ist eine von 15 ehrenamtlichen Mitarbeitern des Vereins "Stadtsichten", der die Tour organisiert. Ihnen sei schon während der Planung klar gewesen, wir wollen damit keinen Voyeurismus betreiben.

Duschen für eine halbe Stunde Privatsphäre

Darum sollten auch Obdachlose die Führung gestalten. Carsten Voss ist bislang der einzige Stadtführer des Projekts. Das soll nicht so bleiben - andere ehemals Obdachlose werden bereits geschult.

Über die Hohenstaufenstraße ziehen wir weiter zum Viktoria-Luise-Platz, von Anwohnern liebevoll "Viki" genannt. Die Wege und Bänke rund um den Springbrunnen beleben Flaneure, manche sonntäglich schick gekleidet. Auch bei Obdachlosen ist der Platz beliebt - nicht zuletzt wegen der so genannten Wilmersdorfer Witwen. Voss erzählt von einem "ganz feinem Netz von Quasi-Patenschaften älterer Damen". Diese Frauen versorgen vor allem im Winter die Obdachlosen am Viktoria-Luise-Platz mit Lebensmitteln, Decken und Spenden.

Carsten Voss hat hier in seinem alten Leben als Manager gerne gesessen und gelesen. Auch als Obdachloser kam er her, aber ohne jede Privatsphäre. "Man ist 24 Stunden in der Öffentlichkeit: ob man auf der Bank sitzt, in der S-Bahn fährt oder in der U-Bahn: Man hat nie Zeit für sich." Ein echtes Highlight für Voss war der Besuch in der WoTa- zum Duschen und für eine halbe Stunde eine Tür zum Abschließen.

Der frühere Modemanager und zeitweilig Obdachlose Carsten Voss im Haus des Rundfunks; Foto: Carsten Kampf
Carsten Voss: Obdachlose wohlen nicht als solche erkannt werden.

"Auch Obdachlose lassen sich die Haare schneiden"

Die so genannten WoTas, Wohnungslosentagesstätten, waren tagsüber sein wichtigster Anlaufpunkt. Nachts teilte er sich Mehrbettzimmer in Notunterkünften, mit den unterschiedlichsten Menschen. "Da waren schon auch Ex-Manager dabei, Lehrer, Kleinunternehmer, ein Pilot - Tolle, Doofe, Arschlöcher, Intelligente, viele Menschen auch, die lebensuntüchtig sind und deswegen nicht klarkommen."

Viele haben Schicksalsschläge hinter sich, manche flüchten sich in den Alkohol, erzählt Voss. Wer ganz unten ist, der strandet in der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo. In der Nähe findet auch das Finale seiner Führung statt, es geht zur Gedächtniskirche.
Vom Bahnhof Zoo aus sind das nur ein paar Schritte, am Nobelhotel Waldorf Astoria vorbei. In der Gedächtniskirche gibt es wöchentlich ein Obdachlosenfrühstück- und einen Friseur für Obdachlose. Voss betont, dass sich viele Obdachlose große Mühe geben, nicht als solche erkannt zu werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass ihm selbst das damals gelungen ist. Seit einigen Monaten lebt er nicht mehr auf der Straße. Irgendwann war Schluss, er suchte Hilfe. "Das Leben war einfach auch un-lebenswert, es hat nichts mehr Spaß gemacht und es war frustrierend."

Alt wird man auf der Straße nicht

Heute bekommt Carsten Voss Hartz IV, hat wieder eine Wohnung und arbeitet ehrenamtlich in der Wohnungslosentagesstätte, in der er Zuflucht gesucht hatte. Die Stadttour ist für ihn wie eine Therapie, sagt er. Und er will den Blick für Obdachlose schärfen. "Ich habe mitgezählt: Wir sind heute an 37 Obdachlosen vorbeigelaufen - vom Nollendorfplatz bis hierher." Erstaunte bis betroffene Gesichter in der Runde: Den meisten von uns geht es wie dem 46-jährigen Stefan Redlich, der von den 37 nur einen mitbekommen hat. Eine wichtige Erkenntnis, sagt er.

Ein eindrücklicher Schluss der knapp zweistündigen Tour. Die Carsten Voss mit dem Appell beendet: Hingucken statt Ignorieren.

Ein Obdachloser sitzt mit einem Schild "Habe nichts mehr, außer mich" auf einer Straße in Berlin und bettelt (Bild: dpa)
Betteln für den Lebensunterhalt auf der Straße.

Das will ich nun ausprobieren. Ich laufe zurück zum Nollendorfplatz. Dort sitzen noch ein paar der Obdachlosen, die den Start unserer Tour beobachtet hatten. Ich spreche einen augenscheinlich alten, kranken Mann an. Er kann kaum laufen, wirkt gebrechlich. Der Mann heißt Uli, ist ausgesprochen freundlich und erschreckenderweise erst 56. Krankheit, Einsamkeit und Alkohol haben ihn auf der Straße landen lassen. Früher hat er im Staatsarchiv gearbeitet. Er findet die Idee von Stadttouren auf den Spuren von Obdachlosen spitze. Viel zu oft schauten die Menschen weg, wenn sie an ihm vorbeilaufen. Er presst die Lippen fest aufeinander. Betont dann, dass es durchaus auch hilfsbereite Passanten und Anwohner gibt. Der hagere Mann, der neben ihm sitzt, Bernd, hat auch gleich ein Beispiel aus der letzten Woche parat. "Vor kurzem kam eine Frau in der Nähe des Adenauerplatzes mir hinterher gelaufen, drückte mir zehn Euro in die Hand." Manchmal bekomme ich auch mal einen Beutel mit leeren Pfandflaschen geschenkt. Aber es gibt auch die anderen. Wie den Mann, neulich beim Flaschensammeln, der ihn angespuckt hat. Da hätte er sich schon gerne gewehrt, sagt Bernd - aber einen alten Mann könne man ja nicht schlagen. Bernd lebt seit 20 Jahren auf der Straße, Uli seit 13 Jahren. Wie ich seit der Stadtführung weiß, sind sie damit Ausnahmeerscheinungen - denn alt wird man beim harten Leben auf der Straße nicht.

Beitrag von Anna Corves, Inforadio