
Obdachlose Frauen in Berlin - "Auf der Straße bin ich Freiwild"
Verprügelt, vergewaltigt und fast zu Tode gewürgt: Der brutale Angriff auf eine Obdachlose in Moabit zeigt, wie gefährlich wohnungslose Frauen auf Berlins Straßen leben. Ein Besuch in einer Notunterkunft in Berlin-Mitte.
Für Gabriele Buchari ist es ein Tag wie jeder andere: Die obdachlose Frau ist mal wieder am Nauener Platz unterwegs. "Da kommt mir einer mit Hund entgegen und sagt zu ihm: Fass!"
Und der stürmt los. Aber die 59-Jährige kennt sich aus, sie selbst hatte einmal einen Huskie. Sie stellt sich dem Hund entgegen, mit allem, was sie hat: Eingehüllt in ein braunes Wollkleid, um die Hüften ein schwarzer Gürtel mit großen, silbernen Nieten, das blonde Haar unter einer dicken Mütze versteckt, darüber ein buntes Tuch zum Turban gebunden. Es wirkt, der Hund hat Respekt und schreckt zurück. Sein Herrchen aber nicht.
"Und dann kommt der Typ und haut mir mit der Faust hier drauf", sagt sie, schlägt sich auf die Brust und lässt den Oberkörper nach hinten kippen. "Ich lag am Boden und er schreit mich an, ich solle verschwinden, das wäre hier kein Asylantenheim, und, und, und."

Obdachlose Frau in Moabit vergewaltigt
Es ist nicht der erste Angriff, den Gabriele Buchari erlebt hat. Einmal musste sie sich gegen aggressive Jugendliche mit einer Flasche wehren. Ein Passant ging schließlich dazwischen und half ihr. Doch in aller Öffentlichkeit passiert ihr selten etwas. Die größere Gefahr droht Frauen wie ihr dort, wo man sie nicht sieht. Vor allem in der Nacht, wenn sie sich einen Schlafplatz suchen.
So wie die 33-jährige Frau am 27. Januar in Moabit. In einem leer stehenden Haus in der Rostocker Straße will sie übernachten. Es herrschen Minusgrade, da ist selbst ein zugiges, ungeheiztes Haus besser als eine Parkbank. Plötzlich wird sie von zwei Männern angegriffen. Sie verprügeln die Frau, vergewaltigen sie und würgen sie dabei fast zu Tode. Zufällig hören andere Obdachlose ihre Schreie und rufen die Polizei. Die ist kurze Zeit später da - und finden die beiden mutmaßlichen Täter neben ihrem Opfer hockend.
Glück im Unglück, sagt Eva-Maria Heise. "Bei den meisten unserer Klientinnen passiert das leider nicht." Sie werden nicht gefunden, will Heise damit sagen. Dabei wären sie bei ihr sicher: Die Sozialarbeiterin betreibt seit 10 Jahren die "Notübernachtung für Frauen" in Berlin-Mitte. Männer dürfen hier nicht rein - trotzdem müssen sich viele obdachlose Frauen überwinden, zu ihr zu kommen, sagt Heise.
Mangel an Notunterkünften für Frauen
"Frauen in Wohnungsnot haben eine sehr hohe Scham, erkannt zu werden", erklärt Heise. "Weil Obdachlosigkeit eben auch Schutzlosigkeit bedeutet."
Wie viele Frauen in der Hauptstadt auf der Straße leben, weiß sie nicht. Aber sie kann neun von ihnen in ihrer Notunterkunft ein Bett anbieten, dazu einen kleinen Nachttisch, eine Dusche, Betreuung. Ohne Fragen, ohne Auflagen. Die Einrichtung, ein Angebot der GEBEWO- Soziale Dienste, ist die einzige dieser Art in ganz Berlin - und sie ist voll. "Die Anfragen haben sich verzehnfacht, unsere Auslastung liegt seit fünf, sechs Jahren bei über hundert Prozent."
Manche Frauen bleiben eine Nacht, manche länger. Auf den Nachttischen richten sie sich ein. "Ein Quadratmeter ich", nennt Heise das. Wer Glück hat, nennt irgendwann mehr sein Eigen. Zum Beispiel im Wohnheim "FrauenbeDacht" in Wedding. Dort können Frauen länger wohnen, inzwischen auch mit Kind. Die Psychologin Britta Köppen hilft dann bei der Aufarbeitung ihrer Erfahrungen. "Da draußen bin ich Freiwild", zitiert Köppen eine ihrer Patientinnen. "Ob im Tunnel, an der Straßenecke oder in einem verlassen Haus. Und ich bin so lange Freiwild wie ich nicht an einem sicheren Ort wie einem Wohnheim bin."
Aufmerksamkeit erst nach der Tragödie
Neun von zehn obdachlosen Frauen haben sexuelle Gewalt am eigenen Leib erlebt, schreibt Köppen in einer aktuellen Studie. Gerade deswegen sei es wichtig, mehr Unterkünfte nur für sie allein zu schaffen - und damit nicht zu warten, bis sich ein Fall wie der in Moabit wiederholt. Obdachlose Frauen dürften nicht länger die unsichtbaren Bewohner der Straße sein. "Wäre dieser armen Frau das nicht in so einem schlimmen Ausmaß passiert und durch die Presse gegangen, würden wir gar nicht wissen, dass sie existiert."
Gabriele Buchari hat keine Angst. Sie sei nie allein unterwegs, sagt die gebürtige Katholikin aus dem Schwarzwald. "Jesus begleitet mich."
Dass das nicht immer hilft, weiß sie allerdings auch. "Jemand, der ganz allein unterwegs ist, muss Angst haben. Weil er nicht weiß, was hinter dem nächsten Baum oder dem nächsten Haus auf ihn zukommt."
