Hintergrund -
Feuer und Flamme: Berlin und seine Gaslaternen
Es ist eine Debatte zwischen Umweltschutz und Nostalgie, Sparzwang und Kulturschutz: Der Berliner Senat will die alten Gaslaternen der Stadt gegen moderne Elektrolampen austauschen, was nicht nur deren Licht, sondern auch deren Aussehen zum Teil deutlich verändert. Dagegen regt sich erbitterter Widerstand.
Die einen sprechen von "Umrüstung" veralteter Gaslampen, die anderen von "Mord" an Berlins Lichtkultur: Die Ansichten darüber, was mit den rund 43.500 gasbetriebenen Leuchten der Hauptstadt passieren soll, gehen weit auseinander. Fakt ist, dass sie seit Juni 2012 schrittweise ausgetauscht werden. Ein Unterfangen mit globaler Strahlkraft: Keine Stadt der Welt hat so viele Gaslampen wie Berlin. Umso hitziger ist nun die Diskussion um ihre Abschaffung.
Diese Reihenleuchten mit Gasbetrieb werden zuerst ausgewechselt.
Diese Gasreihenleuchten aus den 50er Jahren werden zuerst ausgewechselt. Der sogenannte "Peitschenmast" bleibt erhalten, nur der Kopf wird ausgetauscht. In Berlin gibt es rund 8.000 Stück.
Diese Lampe trägt den Namen "Schinkelleuchte".
Dieses Gaslampenmodell heißt "Schinkelleuchte" und gehört mit seinem markanten, sechseckigen Kopf zu den bekanntesten Lampentypen. In Berlin gibt es noch 1.200 davon.
Eine Galgenleuchte mit Gasbetrieb
Auch die rund 3.600 Gashängeleuchten werden in den kommenden Jahren umgerüstet. Statt Gas- bekommen sie LED-Leuchtkörper. Wegen ihrer typischen Form heißen sie auch "Galgenleuchte".
Eine Aufsatzleuchte mit Gasbetrieb.
Diese Gasaufsatzleuchten werden ebenfalls mit LED-Lampen nachgerüstet. Sie stellen mit 30.700 Stück den Großteil der Berliner Gaslaternen und tragen die historische Typenbezeichnung BAMAG U 7.
Der Internetauftritt der Gaslicht-Freunde Berlins mit weiteren Informationen zu Gaslaternen.
Wer sind die Kontrahenten im Berliner Licht-Disput?
Auf der einen Seite steht die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, genauer gesagt die Abteilung X "Öffentliche Beleuchtung". Auf der anderen Seite stehen die Organisatoren des Vereins "Gaslicht-Kultur", allen voran dessen Chef Bertold Kujath und der Entertainer Ilja Richter. Sie haben nach eigenen Angaben bereits 20.000 Unterschriften gesammelt und streben ein Bürgerbegehren gegen die Umrüstung an.
Grundlage des Streits ist das neue Lichtkonzept der Stadt. Darin wird unter anderem festgelegt, dass die rund 44.000 "gasbetriebenen Straßenleuchten gegen energiesparende, wartungsarme Leuchten" auszutauschen sind.
Die vier Gasleuchtenmodelle von Berlin: Zuerst werden die Reihenleuchten ausgetauscht.
Wann wird was, wo und wie ausgetauscht?
Fast alle Gasleuchten Berlins stehen im Westteil der Stadt. Grund ist die radikale Elektrifizierung der Ostberliner Straßenbeleuchtung zu DDR-Zeiten, der die dortigen Gaslampen zum Opfer fielen.
Zunächst sind die sogenannten "Gasreihenleuchten" dran. Sie hängen an schlanken "Peitschenmasten", stammen aus den 1950er Jahren und machen rund 18 Prozent der Berliner Gasleuchten aus. Neben den Reihenleuchten gibt es noch eine Reihe anderer Typen (siehe Grafik), die jedoch erst später umgerüstet werden.
Die meisten Gasreihenleuchten stehen an Hauptverkehrsstraßen. Bis 2016 soll bei ihnen die Umrüstung auf elektrisches Licht abgeschlossen sein. Ausgewechselt wird nicht der gesamte Mast, sondern der Kopf. Statt der alten Gasleuchten wird das Modell "Jessica" (Genauer: Jessica 800) montiert, entwickelt von der Firma Selux, hergestellt in Zachow bei Ketzin, Brandenburg.
Die meisten Gasreihenlampen stehen in Steglitz-Zehlendorf: 2.800 Stück. In Charlottenburg-Wilmersdorf stehen 1.400, in Reinickendorf 1.300, in Spandau 600, in Tempelhof-Schöneberg 700, in Neukölln 700, in Mitte 400, in Friedrichshain-Kreuzberg 100.
Umrüstung der Gasleuchten in Berlin 2012: Die meisten Lampen werden in Lichterfelde ersetzt.
In den Gasreihenleuchten kommen mit der Umrüstung noch konventionelle Elektrolampen zum Einsatz. In anderen Modellen, zum Beispiel den sogenannten "Schinkel-Modellleuchten", sollen hingegen modernere LED-Lampen eingesetzt werden, die den Charakter des Gaslichtes imitieren. Nur rund fünf Prozent der alten Gasleuchten sollen erhalten bleiben, vor allem in ausgewählten Denkmalbereichen wie Dorfkernen und vorgründerzeitlichen Quartieren.
Die Argumente des Senats: Kosten und Umweltschutz
Laut Stadtverwaltung verursacht jede der 8.000 Gasreihenleuchten Betriebskosten von rund 550 Euro im Jahr. Vor allem die Beschaffung der Glühkörper ist nicht billig. 240.000 dieser feinmaschigen "Glühstrümpfe" werden jährlich benötigt (in einer Reihenleuchte sind sechs Stück verbaut), das allein kostet rund 1,2 Millionen Euro im Jahr. Hergestellt werden die Glühkörper nur noch von einer einzigen Firma, die in Indien produziert und in der Vergangeheit nicht immer zuverlässig war. Sollte sie ganz ausfallen, hätte Berlin ein Problem, so die Senatsverwaltung.
Eine Lampe vom Typ "Aufsatzleuchte", links mit LED, rechts mit GAS.
Hinzu kommt der Umweltschutz. Berlin hat sich zum Ziel gesetzt, den Energieverbrauch der Straßenbeleuchtung in den nächsten Jahren um 30 bis 50 Prozent zu senken. Die Gasreihenleuchten verbrauchen demnach rund 49 Gigawattstunden Energie pro Jahr. Die elektrisch betriebenen Reihenleuchten mit dem Modell "Jessica" kämen dagegen auf nur 1,4 Gigawattstunden im gleichen Zeitraum.
Das wiederum spart laut Senatsverwaltung rund 9.200 Tonnen CO2 im Jahr ein. Zum Vergleich: Das ist so viel Treibhausgas wie 836 Deutsche im Schnitt jährlich produzieren. Würde man das Gas nicht in Straßenlampen verbrennen, sondern für die Stromgewinnung nutzen, könnte Berlin damit rund 100.000 elektrische Leuchten betreiben, so die Rechnung der Senatsverwaltung.
Die Umrüstung der Gasreihenleuchten kostet die Stadt voraussichtlich 30 Millionen Euro. Die seien bis 2022 wieder reingeholt, weil durch die elektrischen Lampen rund drei Millionen an Kosten pro Jahr gespart werden.
Die Argumente der Gegner: Zu teuer, zu grell
Es sind Zahlen, die die Verteidiger der schummerigen Gaslampen anzweifeln. Sie sagen, dass die alten Leuchten deutlich preiswerter sind, als der Senat behauptet, die Elektro-Leuchten hingegen deutlich teurer. Auch die CO2-Einsparung sei mit den neuen Lampen nicht so groß wie angenommen.
Zunächst die Kosten: Die Gaslicht-Freunde haben errechnet, dass für den Umbau einer einzigen Gasreihenleuchte 3.500 Euro an Kosten anfallen. Dieser Betrag sei erst in 17 oder 18 Jahren wieder reingeholt, nicht neun, wie der Senat meint. Außerdem seien Elektro-Leuchtköpfe deutlich störungsanfälliger und hätten eine bis zu halb so kurze Lebensdauer. Schließlich würde der Gaspreis in den kommenden Jahren sinken, so Vereinschef Kujath.
Auch das Argument des Umweltschutzes wollen die Gaslicht-Fans nicht gelten lassen. Nach ihren Berechnungen verursachen die Gasreihenleuchten nur 0,04 Prozent des gesamten Berliner Treibhausgases. Eingespart würde durch die Elektrolampen nur 6.500 Tonnen CO2, nicht 9.200, wie die Senatsverwaltung behauptet. Ihr Vergleich. Das Kohlekraftwerk in Jänschwalde bei Cottbus blase 6.500 Tonnen CO2 in weniger als drei Stunden in die Atmosphäre.
Zwei Modelleuchten vom Typ "Schinkel", links mit LED, rechts mit GAS.
Ganz nebenbei seien die Elektrolampen regelrechte Massenvernichtungswaffen: 150 Insekten sterben laut Gaslicht-Verein "in einer einzigen Sommernacht" an den hellen Lichtkörpern. Das wiederum sei eine Einschränkung für die Vögel in der Stadt, die sich von den Insekten ernähren. Gaslampen geben hingegen kein UV-Licht ab und ziehen damit keine Insekten an.
Zum Schluss noch der Appell an Kiez-Verbundenheit: Die alten Gaslampen mit ihrem weichen Licht seien ein Teil des Stadtbildes. Sie sind historisch wertvoll, sagt der Gaslicht-Verein. Sie befürchten, dass mit den neuen Elektroleuchten ein weniger gemütliches, kühleres Lichtgefühl in den Straßen einzieht. Das Flair der alten Leuchten habe Berlin durch die Abschaffung der Gaslampen in fast allen anderen Städten der Welt dagegen exklusiv.