Fröhliche Kinder hüpfen vor der untergehenden Sonne (Quelle: dpa)

Fach in der Schule - Glück kann man einfach lernen

Wie finden wir eigentlich das Glück? Diese Frage beschäftigt die Menschen seit Jahrtausenden. Das Königreich Bhutan hat darauf bereits eine Antwort gefunden und das Glück zum Grundrecht gemacht. Und auch in Berlin kann das Thema kinderleicht werden - mit einem Glückslehrer. Von Anja Dobrodinsky

Das Land des Glücks ist das Königreich Bhutan im Himalaya. Das sagen zumindest die Bhutaner. Und das Recht, glücklich zu sein, ist dort in der Verfassung verankert. Eine Glückskommission sorgt zudem am Ende dafür, dass das auch klappt. Statt des Wirtschaftswachstums wird das Bruttonationalglück gemessen. Der Bergstaat will sich wie die westliche Welt zwar auch ökonomisch weiterentwickeln, aber auf eine ausgewogenere Weise, bei der der Mensch im Vordergrund steht oder wie ein Mitglied der Glückskommission es ausdrückt: "Wir wollen die gleichen Dinge wie der Westen erreichen - aber auf einem ausgewogenen Weg, der das Ganze betrachtet".

Glück als Grundrecht - wäre das in unserer westlichen Welt auch denkbar? Der Soziologe und Glücksforscher Jan Delhey von der Jacobs University in Bremen findet das gar nicht so abwegig. Für ihn ist dieser Weg "keine unvernünftige Initiative", wenn die Politik auch auf die Lebensqualität der Gesellschaft achtet.

Heute gibt es Happiness statt Mathe

Im internationalen Glücksvergleich liegen die Deutschen im oberen Drittel. Wir sind also keine Miesepeter, aber auch nicht die glücklichste Nation auf dieser Welt. Denn diesen Platz nehmen schon die Dänen und die Schweizer ein. Gar nicht schlecht -aber würde jedes Kind wissen, wie man das Glück findet, läge die Zahl womöglich höher. Dabei kann man nicht sagen, dass das Glück an deutschen Schulen kein Thema wäre. An der privaten Kant-Schule in Berlin-Steglitz hat die Klasse 6d gerade Englischunterricht bei Mr. Brennan. Heute geht es um Happiness. Die Schüler sollen ein Gedicht zum Thema schreiben. Sie erzählen von Spielen, Spaß, Sonne und Meer: Alles ist "big, big fun".

Nebenan diskutiert die fünfte Klasse über Sprichwörter zum Thema Glück und wieder eine Tür weiter singt eine Lehrerin jeden Morgen mit ihren Schülern ein Lied, um sie glücklich zu machen. Für Schuldirektor Andreas Wegener ist Glück jeden Tag und überall ein Thema. Deshalb muss das Glück auch auf den Stundenplan: "Das kann Sport heißen oder Theater heißen oder gute Arbeiten oder Klassenreise oder Pause heißen."

Ein vierblättriges Kleeblatt als Glückssymbol (Bild: dpa)
Glückssymbol: ein vierblättriges Kleeblatt

Die Glückslehrerin stärkt das Selbstbewusstsein

Ganz offiziell ist das Glück ein Thema im Ethikunterricht, zum Beispiel in der Klasse 9G1 bei Lehrerin Cordula Greiwe. In Gruppen sitzen die Schüler zusammen. Felix, Emily und Charleen diskutieren gerade die Frage: Was verstehe ich unter Glück? Die Vorschläge reichen von "immer Spaß haben" bis zu "alles im Leben erreichen, was man will". Am Ende der 90 Minuten gehen die Schüler gut gelaunt in die Pause. Schon das Nachdenken über Glück macht froh, erzählt Lehrerin Cordula Greiwe. Und die Kinder merken, dass sich jemand für sie interessiert – außerhalb des Rahmenlehrplans. Die Reaktion der Schüler habe ihr gezeigt, dass dieser Perspektivwechsel, "dass Lehrer wollen, dass man glücklich wird, für die Kinder schon ganz toll ist."

Genau aus diesem Grund gibt es seit einigen Jahren an vielen deutschen Schulen das Schulfach Glück. Erste Glückslehrerin Berlins ist die Künstlerin Ursula Cyriax. Seit Kurzem bringt sie das Glück an die Annedore-Leber-Schule in Britz. Am Anfang jeder Stunde machen sich die Schüler in einem imaginären Toaster warm. Sie dürfen nebeneinander hochhüpfen und pantomimisch schon mal Kontakt aufnehmen. So locker gemacht stellen sich die Kinder im Kreis auf. Auf ein Stichwort müssen sie Zungenbrecher aufsagen und klatschen. Durch die Bewegung und das Lachen sollen sie entspannen und ihre Sorgen vergessen. Die Annedore-Leber-Schule ist eine sonderpädagogische Schule. Benachteiligte Jugendliche bereiten sich hier ein Jahr lang auf ihr Berufsleben vor. Klassenlehrerin Britta Behrens holte Ursula Cyriax an die Schule. Behrens findet es wichtig, gerade ihren Schülern mit Hilfe der Glückslehrerin den Rücken zu stärken. "Wenn der Lebenslauf Brüche hat oder gesellschaftlich nicht der Norm entspricht, braucht man ein gestärktes Selbstbewusstsein, um zu sagen, ja, das ist mein Weg, so gehe ich ihn."

Einfach mal was Nettes sagen

Erfunden hat das Schulfach Glück der Pädagoge Ernst Fritz-Schubert. Er war selbst mehr als 30 Jahre lang Lehrer und Direktor. Ihm hat der Blick nicht gefallen, den Schule auf Kinder richtet und als "Fehlerfahnder" unterwegs ist. "Schauen Sie sich mal ein Deutschheft an, wie viel Rot das hat." Schubert wollte nicht mehr die Fehler in den Vordergrund stellen sondern zum Schatzsucher werden. Jeder darf im Glücksunterricht so sein, wie er ist. Keiner muss einem Ideal hinterher eifern. Eine Übung dazu heißt Honigdusche. Dabei sitzt eine Schülerin mit dem Rücken zu den Anderen. Die müssen ihr nun Komplimente machen, bis es genug ist und Kybra über das ganze Gesicht strahlt nach allen den süßen Worten, die sie über sich gehört hat. Andere wiederum weinen, weil sie Komplimente nicht gewohnt sind. Sich der eigenen Stärken bewusst zu werden, ist für viele eine ganz neue Erfahrung, sagt Glückslehrerin Ursula Cyriax: "Die Schüler, die wie so Knospen waren, die oben nur so eine ganz kleine Öffnung hatten, öffnen sich und blühen auf."

Auch die Kinder wollen den Glücksunterricht nicht mehr missen. Auch wenn er ihnen noch fremd ist und sich manchmal komisch anfühlt. Ursula Cyriax will noch andere Schulen in Berlin beglücken. Auch Seminare für Erwachsene plant sie, ein weiterer Baustein auf der Suche nach dem Glück.

Beitrag von Anja Dobrodinsky, Inforadio