
Konzepte für ungenutzte Flächen - Wohnen und Shoppen auf dem Friedhof
Die steigende Lebenserwartung und der Trend zur Urnenbestattung haben eine sichtbare Folge: Auf Friedhöfen liegt immer mehr Fläche brach, die Grabnutzungsgebühren reichen nicht mehr für die Pflege der weitläufigen Areale. Vierzig Prozent der Berliner Friedhofsflächen sollen in Zukunft anders genutzt werden. Vor allem für Parks - aber nicht nur. Von Marie Asmussen
"Wir bauen für Sie" steht auf einem großen Schild. Dahinter schaufelt ein Bagger Kies, aus dem Boden ragen Betonfundamente. Im Frühjahr 2014 soll hier am Tempelhofer Weg in Berlin-Neukölln ein großer Supermarkt eröffnet werden - auf 7.000 Quadratmetern, die bis vor zwei Jahren noch als potentielle Erweiterungsfläche zum benachbarten Friedhof Sankt Simeon und Sankt Lukas gehörten. Beerdigt wurde hier nie jemand.

Das machte die Umwidmung des Areals relativ einfach. Komplizierter ist es auf der anderen Seite des Bauzauns, auf dem Friedhof. Je weiter man sich dort vom Eingang und von der Kapelle entfernt, desto seltener werden die Gräber, desto mehr Rasen wächst rechts und links vom Weg. Wie problematisch diese spärliche Streuung der Grabstellen sein kann, weiß Pfarrer Jürgen Quandt, Geschäftsführer des Evangelischen Friedhofsverbandes Berlin Stadtmitte: "Wenn in einem Bereich, in dem eine Friedhofsfläche stillgelegt werden soll, noch - ich sag’s mal übertrieben - eine einzige Grabstelle vorhanden ist, dann können Sie auf so einer Fläche nicht irgendetwas machen." Denn es gebe ja einen Rechtsanspruch für die Angehörigen, dass die Laufzeit eines Grabes nicht verkürzt werden darf.
Deshalb versuche man inzwischen, Beerdigungen jeweils auf einen kleinen Friedhofsbereich zu konzentrieren, um die freien Flächen anderweitig nutzen zu können. Das geht allerdings frühestens dreißig Jahre nach der letzten Bestattung.
Hinweistafeln sollen an Friedhof erinnern
Bei dem mit kurzen Pfählen markierten Gelände rechts vom Weg ist diese Frist längst abgelaufen. Hier entsteht demnächst ein gemeinnütziges Wohnprojekt. Auch vom Emmaus-Friedhof gleich nebenan wurden bereits vier Hektar als Bauland für Wohnhäuser verkauft. Dort liegt die letzte Beisetzung ebenfalls länger als dreißig Jahre zurück, aber die Verstorbenen sind natürlich noch nicht zu Staub zerfallen.
"In den Verträgen, die wir abschließen gibt es eine Passage, in der festgehalten ist, dass ein Bauträger bei Erdarbeiten, wenn Gebeine gefunden werden, diese bergen muss und sie an uns übergeben muss", erklärt Jürgen Quandt. "Und wir bestatten diese Gebeine dann hier auf diesem Friedhof."
Wichtig ist für Pfarrer Quandt auch, die Erinnerung an den Friedhof festzuhalten. Durch das Aufstellen von Hinweistafeln oder einzelnen, besonders kostbaren alten Grabsteinen.
Teure Baumpflege
Die Baugrundstücke werden übrigens nicht von den einzelnen Gemeinden verkauft, sondern vom evangelischen Friedhofsverband. Der bekommt auch das Geld dafür und vergibt es zur Pflege der übrig bleibenden, vor allem der alten Innenstadtfriedhöfe mit den teils prachtvollen denkmalgeschützten Grabstellen und Kapellen. Deren Instandhaltung ist teuer, aber auch die Pflege des alten Baumbestandes kostet richtig viel, sagt der Geschäftsführer des Friedhofsverbandes. Die muss aber sein, aus Sicherheitsgründen.
"Das Totholz in den Bäumen muss regelmäßig beseitigt werden", erklärt Quandt. Wegen der Höhe der Bäume könne das aber nicht mit eigenen Leuten gemacht werden, sondern müsse in Auftrag gegeben werden. "Wir geben jedes Jahr auf unseren Friedhöfen sechsstellige Summen nur für Baumpflege aus."

Ein Friedhof wird ungewollt zum Hundeplatz
Auf dem Weg in sein Kreuzberger Büro fährt Jürgen Quandt am neuen Sankt-Thomas-Friedhof in der Hermannstraße vorbei. Der ist seit langem stillgelegt und soll einmal ein Park werden - als Ausgleich für Grünflächen, die beim Weiterbau der Stadtautobahn A 100 verschwinden. Die Gemeinde hat das Gelände eingezäunt, aber der Zaun wird immer wieder niedergetreten und Hundebesitzer gebrauchen den früheren Gottesacker für ihre Vierbeiner als Auslauf und Klo.
Pläne zur Zwischennutzung des Areals durch die Tentstation, einen Zeltplatz für junge Berlin-Touristen, scheiterten am energischen Protest eben dieser Hundebesitzer. Jürgen Quandt fand die Diskussion damals ziemlich skurril: "Weil einerseits gerade von diesen Leuten der Vorwurf gemacht wurde, hier würde pietätlos vorgegangen, wenn da für ein paar Jahre so eine Art Zeltplatz entsteht - und die gleichzeitig aber nicht das geringste Problem damit hatten und haben, ihre Hunde auf diesem ehemaligen Friedhof auszuführen und die ihre Geschäfte machen zu lassen."
Mehr Urnen-, weniger Erdbestattungen
Nicht nur in Neukölln, auch auf den Pankower Friedhöfen gibt es zu viel Platz für zu wenige Beerdigungen. Beim Eingang zum Nordendfriedhof an der Dietzgenstraße hängt ein Lageplan, auf dem etwa zwei Drittel der Flächen blau markiert sind. Dort kann in Zukunft niemand mehr beerdigt werden. Auf einem für Bestattungen nie genutzten Randstreifen sollen Häuser entstehen, der Rest bleibt Grünanlage.
Ursula Ziegelschmidt ist gerade unterwegs zum Grab ihres Mannes. Die 86-Jährige hat kein Problem mit dieser Umnutzung: "Na ja, ich finde, das liegt alles brach, wird nicht genutzt. Warum soll man das nicht verkleinern?" Ihr Mann wurde im Sarg beigesetzt, in einem Grab, dessen Pflege sie ohne die Hilfe ihrer Kinder gar nicht mehr schaffen würde. Eine platzsparende Urnenbeisetzung fände die 86-Jährige inzwischen eigentlich besser: "So eine Erdbestattung ist immer mit viel Arbeit verbunden, ordentlich soll es auch sein. So eine Urnenbeisetzung, das ist doch ganz schnell erledigt, bepflanzt, und sieht auch immer gut aus."
Nach den Plänen des Senats sollen allein in Pankow fünfzig Hektar Friedhof künftig anderweitig genutzt werden. Jens-Holger Kirchner (B'90/Grüne), Stadtrat für Stadtentwicklung, findet Wohnungsbau auf früheren Friedhöfen prinzipiell in Ordnung, wenn die Investoren behutsam zu Werke gehen und Rücksicht nehmen auf den wertvollen alten Baumbestand: "Mit nicht so großen Gebäudekörpern, nicht mit dem Auto erschlossen, sondern das man eben nur zu Fuß hinkommt und die Ver- und Entsorgung mit dem Auto stattfindet, aber mehr nicht", erklärt Kirchner. "Es sind ja doch relativ große Areale, so dass hier das Wertvolle an diesen Flächen erhalten bleibt, trotz Wohnungsbau."
Berlin braucht die Flächen für neue Wohnungen
Aber auch bei so einem behutsamen Vorgehen wird es manchen Anwohnern nicht gefallen, wenn in ihrer Nachbarschaft neue Häuser auf Friedhöfen entstehen. Doch das müsse sein, ist Kirchner überzeugt: "Der Gegenentwurf wäre, dass in der Innenstadt alles so bleibt wie es ist, und dann die Zuwachsraten in den Außenbezirken stattfinden." Die Folgen seien Zersiedelung der Fläche und stark zunehmender Verkehr.
Bei der Nachnutzung von Friedhofsflächen denkt Jens-Holger Kirchner aber nicht nur an Parks und Wohnhäuser. Der grüne Stadtrat kann sich vorstellen, dass man einen Teil davon weiter für Beerdigungen nutzt, als islamische Friedhöfe. Denn während sich bisher viele Zuwanderer in ihren Heimatländern beisetzen ließen, würden sich künftig immer mehr für eine letzte Ruhestätte in Berlin entscheiden. Damit müsse man sich bereits jetzt beschäftigen, meint er. "Und nicht in zehn Jahren, wenn nämlich die zweite Generation, die hier geboren wurde, so langsam in das Alter kommt, wo die Sterberate dann schon höher wird."
Weil sich gläubige Muslime wohl eher nicht auf christlichen Kirchhöfen beerdigen lassen, kämen für islamische Bestattungen dann vor allem städtische Friedhöfe im Osten Berlins in Frage.

