
Zweiter Besuch - "Für meinen Sohn würde ich alles geben"
Wenn Marcel Witte morgens in seiner Zelle aufwacht, blickt er als erstes auf ein Foto seines Sohnes. Beim ihrem zweiten Besuch erfährt rbb-Reporterin Bettina Rehmann, wie Marcel während der Haftzeit eine Familie gründete und wie prominent seine Zellennachbarn sind.
Vor den Eingangstoren des Gefängnisses "Sarita Colonia" wartet bei meinem zweiten Besuch fast niemand. Ohne die vielen Frauen wirkt das Gefängnis ziemlich leblos.
Marcel bringt mich zu seiner Zelle. Er achtet auch im Gefängnis auf sein Äußeres, trägt Jeans und einen knallgrünen Polo-Strickpullover. Über den müden Eindruck, den Marcel auch an dem Tag wieder macht, kann die Farbe nicht hinwegstrahlen. Wir gehen gehen vorbei an einem leeren Trainingsraum mit rostigen Geräten, biegen in einen schmalen Gang, von dem links die Zelltüren abgehen.
"Ich will mich nicht zuhause fühlen“
"Sarita Colonia" ist eigentlich für 572 Häftlinge gebaut worden. Heute leben hier mehr als 3.000 Gefangene. Marcels Trakt, in dem er sich die teure Einzelzelle leistet, bietet mit Abstand den meisten Platz. Der so genannte "Pabellón" – "Pavillon" hat zehn Zellen, in denen insgesamt zwölf Männer untergebracht sind. Die zweite Tür führt zu Marcels Zelle. Fünf Quadratmeter weiß verputzter Beton und ein winziger Nebenraum. Ein vergittertes Fenster zum Flur ist die einzige Tageslichtquelle. Kein Poster oder Foto hängt an den Wänden. "Ich hänge kein Bild auf, denn ich will mich nicht zuhause fühlen", sagt Marcel. Er will sich nicht auf weitere zehn Jahre einstellen. Seine ganze Hoffnung ist eine baldige Überstellung nach Deutschland.
In der Mitte des Zimmers steht ein gemauerter und verputzter Sockel, darauf liegt eine Matratze. Kleiderschrank und Kommode hat Marcel selbst in der Holzwerkstatt gefertigt. Selbst gebaut hat er auch die Dusche. Gegen Bezahlung hat er sich eine Wasserleitung legen lassen. "Wasser ist Luxus", sagt er, Hygiene keine Selbstverständlichkeit.
Die Zelle kann Marcel nur bezahlen, weil er sich verschuldet. Seine Mitgefangenen im Pabellón spielen in ganz anderen Ligen. Hier sitzen unter anderem bekannte peruanische Verbrecher wie Martin Rivas und Carlos Pichilingüe. Die früheren hochrangigen Militäroffiziere sollen unter Präsident Alberto Fujimori ein geheimes Mordkommando geführt haben, sind verurteilt wegen Massakern. Drogenbosse sitzen außerdem laut Marcel hier ein. Geldprobleme haben sie nicht.
"Träumen ist schön. Und die Besuche meines Sohnes“
Neben dem Bett steht ein Foto von einem kleinen Jungen: Marcels Sohn, viereinhalb Jahre alt. Seine Mutter lernte Marcel im Knast kennen. Sie sei die Geliebte eines Drogenhändlers gewesen, erzählt er stolz, "ein hübsches Mädchen". Marcel spannte sie dem Mitgefangenen aus. "Dadurch habe ich sehr viel Ärger im Gefängnis gehabt. Der Gute hat mir hier drinnen zwei Jahre das Leben zur Hölle gemacht."
Mittlerweile ist Marcel nicht mehr mit der Mutter seines Sohnes zusammen. Sehr nüchtern blickt er auf die Beziehung zurück, die sich immer nur an den Besuchstagen oder per Telefon abspielte. "Man stellt fest, dass es vielleicht keine Liebe war, sondern die Verzweiflung, weil man Nähe gebraucht hat und Geborgenheit." Ein gemeinsames Kind war nicht geplant, aber Marcel liebt seinen Sohn.

Was kann es Schönes geben in so einer Situation? "Träumen", sagt Marcel. "Und die Besuche meines Sohnes sind schön, wenn auch eine Qual." Die monatlichen Kosten für den Kindergarten übernimmt er ohne Wimpernzucken. "Meinen Sohn liebe ich über alles. Für ihn würde ich alles geben." Mit seiner Ex-Freundin bleibt er deshalb befreundet. Sie selbst oder ein Mitglied ihrer Familie bringt den Kleinen alle zwei Wochen vorbei. Noch versteht der Kleine nicht, warum sein Vater nach den Besuchen nicht mit nach Hause kommen kann.
Eigentlich will mir Marcel noch andere Teile des Gefängnisses zeigen. Doch die Delegados wollen ihn dafür zahlen zu lassen. Stattdessen sehen wir uns auf seinem kleinen Fernseher einige Ausschnitte aus der Dokumentation "Achterbahn" an. Ein Jahr nach Marcels Urteil ist der Film entstanden. Darin geht es nicht um ihn, sondern es geht um seinen Vater. Zu der Zeit hatte Norbert Witte in Deutschland schon Freigang, Marcel noch 13 Jahre Haft vor sich. Es klopft an der Zellentür, die Besuchszeit ist vorbei.


