
Erster Besuch - Frauenbesuchstag in Callao - "Tu sola? - Peligroso!"
Marcel Witte sitzt im Männerknast "Sarita Colonia" in Callao, nördlich von Lima. Mittwochs und samstags ist Frauenbesuchstag. Hunderte Frauen kommen zum Gefängnis, um ihre Männer, Söhne, Freunde oder Freier zu treffen. Drinnen herrscht ein harter Überlebenskampf, wie Marcel Witte rbb-Reporterin Bettina Rehmann schildert.
Marcel Witte sitzt im Gefängnis "Sarita Colonia" in Callao. Eine offizielle Erlaubnis habe ich bei meinem ersten Besuch bei ihm noch nicht. Ich besuche Marcel einfach als "Freundin", so war es für diesen Fall abgemacht. An den Frauenbesuchstagen mittwochs und samstags kommen hunderte Frauen hierher, um ihre Ehemänner, Söhne, Brüder, Freunde oder Freier zu treffen.
Callao ist eine arme Stadt, die meisten Straßen sind nicht asphaltiert, die Häuser meist noch im Rohbauzustand. Autoskelette stehen am Wegrand, überall liegt Müll herum. Wer kann, umgibt sein Haus hier mit Zaun und Stacheldraht – es ist keine freundliche Gegend.
Der Taxifahrer, der mich bis vor die hohen Gefängnismauern fährt, sieht mich erstaunt an: "Tu sola en Callao?" – "Du allein in Callao?", fragt er. "Peligroso!" – "Gefährlich!", warnt er mich. Pünktlich zum Ende des Besuchstages will er vor dem Gefängnis auf mich warten. Das sei am sichersten. Ich könne hier nicht einfach in jedes Taxi einsteigen. Mit einem Handschlag verabschieden wir uns.

Vor dem Gefängnis herrscht reges Treiben. Händler bieten alles Mögliche feil: Vom Waschmittel über Seife bis zu Obst und der beliebten Inka-Cola ist alles zu haben. Die Verkäufer bauen ihre Stände direkt neben den Schlangen der Wartenden auf, genau wie diejenigen, bei denen frau sich die Gefängnistracht ausleihen kann. Hosen und geschlossene Schuhe sind drinnen tabu. Für einen Sol, umgerechnet 26 Cent, leihe ich mir einen Rock und Flipflops bei Maria. Sie bewahrt dafür meine Kleider, Schuhe, Schlüssel und mein Handy auf. Auf die Tüte schreibt sie "Gringa" – ein abfälliges Wort der Indigenen für Weiße. So wisse sie auf Anhieb, wem die Sachen gehören, sagt sie auf mein Lachen.
Bepackt mit einer Tüte voller Obst und Süßigkeiten warte ich in der Schlange. Neben all den Frauen, die ihren Männern prall gefüllte Taschen mitbringen, will ich Marcel nicht mit leeren Händen besuchen. Als einzige Europäerin ziehe ich Blicke auf mich. Ich stelle neugierige Fragen. Die Frauen haken immer wieder warnend nach, ob ich auch kein Handy dabei habe – und keine SIM-Karte! Mindestens fünf Jahre Haft stehen darauf.
Meinen Pass muss ich am Eingang abgeben. Ich erhalte einen Besuchsstempel auf die Hand und werde durchsucht. Zwei Gitterschleusen weiter werde ich in einen aufgeräumten, begrünten Innenhof geführt. Es ist ein überraschend freundlicher Anblick. Ich warte neben Gefangenen, die einen Verkaufsstand mit Brötchen betreiben – wer die Wärter besticht, darf Geschäfte machen. Uniformierte stellten einen Tisch und zwei Stühle aus weißem Plastik in einen offenen Raum, der vom Innenhof nur durch ein Gitter getrennt ist.
"Hier kann man die Zeit mit nichts verbringen"
Ich habe Marcel noch nie gesehen. Vor den Beamten begrüße ich ihn wie einen alten Bekannten. Mit den kurzgeschorenen, dunkelbraunen Haaren und im Trainingsanzug wirkt er körperlich fit, wohltrainiert, aber unter seinen braunen Augen zeichnen sich Ränder ab. Die Stirn liegt in Falten, er wirkt müde.
Wie begrüßt man jemanden, der fast ein Drittel seines Lebens im Gefängnis verbracht hat? "Wie geht es Dir?" – "Gut geht es hier niemandem", sagt Marcel. Man müsse es einfach durchstehen. "Hier kann man die Zeit mit nichts verbringen", das sei nicht wie in Deutschland.
Marcel wurde im November 2003 verhaftet – das ist genau zehn Jahre her. Bis 2006 hat er auf das Urteil gewartet, es lautete wegen "schweren unerlaubten Drogenhandels" auf 20 Jahre. Keine Aussicht auf Hafterleichterung oder vorzeitige Entlassung. Die Strafe endet offiziell am 4.11.2023.
Bis zum Urteil hatte Marcel kaum Zeit, zu reflektieren, was eigentlich geschehen war. Jetzt ging es um den Überlebenskampf im Gefängnis. In Callao kam er in einen Schlafsaal mit fast 200 Gefangenen, aber nur 80 Betten. Er habe gedacht, von hier aus werde er abgeholt und in seine Zelle gebracht, sagt Witte. Doch er irrte sich. Dort sollte er die erste Zeit bleiben. Um einen Schlafplatz auf dem Boden musste er kämpfen, für Zugang zu Wasser und den Gang zur Toilette Bestechungsgeld zahlen.
"Wenn du dich erpressen lässt, ist das eine ewige Erpressung"
Am ersten Abend traf Marcel auf den Mitgefangenen Martinez. Zur Begrüßung hielt dieser ihm ein selbstgemachtes Messer an die Kehle. Er wollte Marcels Jacke. Als Martinez die Jacke anprobierte, entriss er ihm das Messer und griff an. Von dem Kampf hat Marcel zwei Narben an Arm und Schulter. Die Wärter, so Marcel, sahen nur zu – kassierten die beiden aber später wegen der Prügelei ab. Um ihre Wunden mussten sie sich selbst kümmern. Auch Martinez trägt noch eine Narbe an der Schulter von dem Kampf. Mittlerweile seien sie so etwas wie befreundet, sagt Marcel.
Er will sich nicht unterkriegen lassen: "Ich habe nicht bezahlt, sondern mich auf die körperliche Auseinandersetzung eingelassen. Darum habe ich einige Narben. Aber wenn du dich erpressen lässt, ist das eine ewige Erpressung." Vor allem Drogensüchtige hätten es schwer, sagt Marcel. Wegen ihrer Sucht seien sie leichte Opfer. Deshalb lässt er die Finger davon.
Bestechung ist an der Tagesordnung: Es gibt wachhabende Gefangene, die sogenannten "Delegados de Disciplina" – "Disziplinbeautragte". Sie kassieren von den Gefangenen zum Beispiel Reinigungsgeld – umgerechnet etwa fünf Euro pro Woche. Die Delegados zahlen an die Wärter und erhalten dafür Privilegien. Sie dürfen Restaurants betreiben, die sehr beliebt sind, denn das Essen, sagt Marcel, ist ungenießbar. Er kocht selbst oder leistet sich eine Mahlzeit für umgerechnet drei Euro. In Limas Restaurants könnte er sich dafür ein Drei-Gänge-Menu leisten.
"Das Schaustellergewerbe hält zusammen"
Auch die Gefängnisverwaltung will bezahlt werden. Seit einiger Zeit leistet Marcel sich den Luxus einer Einzelzelle. Die kostet 800 Soles - etwa 200 Euro. Sollte er das Geld einmal nicht mehr auftreiben können, würde man ihn verlegen, sagt Marcel, irgendwohin aufs Land, wo die Zustände in den Gefängnissen noch schlimmer sind. Es sei purer Psychoterror, ständig Geld für sein Überleben besorgen zu müssen, "nur um überhaupt einen Lebensstandard zu haben, der bei uns normal wäre. Das fängt schon bei Wasser, Toilette und Essen an."
Jeden Tag versucht er Geld aufzutreiben. Seine Mutter kann ihn kaum unterstützen. Die Schulden aus Spreeparkzeiten zwangen sie in die Privatinsolvenz. Zuletzt hat sie ihren Sohn 2007 besucht. Heute verzichtet sie auf den teuren Flug um ein wenig Geld schicken zu können.
Marcels Schwester Sabrina hilft am meisten. Sie leitet Fragen an Freunde und Bekannte weiter, vor allem andere Schausteller. "Das Gewerbe hält zusammen, da kann man schon einiges bewegen", sagt Marcel. Zu den Aufgaben der deutschen Botschaft gehört es, sich um deutsche Gefangene zu kümmern. Mitarbeiter bringen monatlich die Sozialhilfe vorbei, die ihm zusteht: 400 Soles, etwa 105 Euro.
Während unserer Unterhaltung bringt jemand Essen für Marcel vorbei. Hähnchenfleisch und Pommes Frites, beides vor Fett triefend. Der Teller steht schon einige Zeit unangerührt da. Marcels Zigarettenschachtel ist fast leer und er hat seine Geschichte noch längst nicht fertig erzählt.
Es wird Zeit zu gehen, ich muss meinen Taxifahrer erwischen. Wir vereinbaren, dass ich schon wenige Tage später wiederkomme. Ein "Delegado" schleust mich auf Bitten von Marcel an der Schlange vor dem Ausgang vorbei nach draußen. Mein Chauffeur, pünktlich wie kein zweiter Peruaner, wartet auf mich. Sicher erreiche ich meine Bushaltestelle in einem der besseren Viertel von Lima.

