Marcel Witte und Bettina Rehmann beim Interview im peruanischen Gefängnis in Callao, Lima, Peru (Quelle: rbb/Bettina Rehmann)

Dritter Besuch - Ein Interview und eine schlechte Nachricht

Es ist schwierig, ein offizielles Interview mit Marcel Witte zu bekommen. Bislang hat das Justizministerium noch keinem Journalisten eine Genehmigung gegeben. Nach wochenlangen Bemühungen kann rbb-Reporterin Bettina Rehmann Marcel Witte mit Aufnahmegerät und Fotoapparat besuchen - wenige Tage nach einer schlechten Nachricht aus Deutschland.

Endlich ein offizielles Interview: Die deutsche Botschaft darf zwar nichts zum Fall Marcel Witte sagen, unterstützt aber meine Wochen dauernden Bemühungen zu einem offiziellen Besuch bei Marcel Witte. Ich verabredete mich mit Frau Parra, der Presseverantwortlichen der Gefängnisadministration INPE. Marcel hat in der Zwischenzeit seinen 33. Geburtstag gefeiert und eine enttäuschende Nachricht aus Deutschland erhalten.

Es ist wieder Frauenbesuchstag, als wir am Gefängnis "Sarita Colonia" ankommen. Dieses Mal geht es schnell an der Schlange vorbei. Frau Parra winkt jedem Wärter mit ihrem INPE-Ausweis zu, und die Türen öffnen sich um einiges schneller. Dieses Interview sei eine großzügige Geste des Justizministeriums, betont Frau Parra lächelnd. Ich sei die erste Reporterin, die ein Interview über den Fall aufzeichnen darf. Ich weiß nicht so recht, was ich darauf antworten soll.

"Ich kenne keinen, der so gesund geblieben ist"

Marcel wartete schon im Innenhof, heute im schwarzen Hemd. Ich hörte ihn zum ersten Mal spanisch sprechen – fließend, im Gefangenenslang.

Wir werden in ein Büro im Verwaltungstrakt geführt. Ein zweiter deutscher Gefangener soll für Frau Parra und einen weiteren INPE-Beamten übersetzen. Marcel wehrt sich, will seinen Fall nicht vor einem anderen Gefangenen erzählen. Nach einer Diskussion wird der Gefangene wieder weggeschickt, Frau Parra zeichnet stattdessen unser Gespräch auf.

Die Situation ist angespannt, aber nicht nur deshalb wirkt Marcel verändert. Zu der Müdigkeit in seinen Augen haben sich Traurigkeit, Enttäuschung und auch ein wenig Wut hinzugesellt. In den letzten Tagen habe er kaum geschlafen, erzählt er, er habe viel mit seiner Familie in der Heimat gesprochen. Wegen der Zeitumstellung ist es anstrengend, Kontakt zu halten.

Sein Berliner Anwalt Adrian Stahl hat wenige Tage zuvor die Familie über den aktuellen Stand des Antrags auf Marcels Überstellung nach Deutschland informiert. Die Rechtsmittel in Deutschland scheinen nun erschöpft. Eine Überstellung von Marcel nach Deutschland zum Absitzen der Reststrafe ist nicht mehr wahrscheinlich. Das war Marcels große Hoffnung.

Marcel Witte im Männergefängnis Callao, Lima, Peru (Quelle: rbb/Bettina Rehmann)
Trotz schlechter Nachrichten setzt Marcel weiter auf Hoffnung

Im Ausland verurteilte Deutsche können unter bestimmten Umständen ihre Strafe in Deutschland absitzen. Das Landgericht Berlin stimmte 2010 dem Antrag Marcels auf Überstellung zu. Aber es gibt ein Problem: Marcel hat 20 Jahre Strafe erhalten. In Deutschland liegt die maximale Dauer für zeitlich begrenzte Freiheitsstrafen bei 15 Jahren. Peru müsste zustimmen, dass Marcel in Deutschland eine geringere Rest-Haftzeit absitzt. Doch das peruanische Justizministerium stellt sich quer. Man fahre derzeit eine härtere Linie in Peru, erfahre ich aus Botschaftskreisen in Lima. Peru will keine Einmischung in ein peruanisches Urteil dulden.

Marcel ist wütend. Er fühlt sich von Deutschland im Stich gelassen. Er sei nicht sicher, ob er es noch einmal zehn Jahre hier aushalte, sagt der 33-Jährige. "Das soll mir mal einer zeigen. Ich kenne keinen, der so gesund geblieben ist wie ich, nach so vielen Jahren."

"Nach dem Herzinfarkt hat er mir gestanden, in was er verwickelt ist“

Wütend ist Marcel auch auf seinen Vater. "Als ich klein war, war er für mich mein Held. Heute kann ich darüber nur noch schmunzeln. Ein richtiger Vater bringt seinen Sohn nicht in eine solche Situation. Das ist einfach unmenschlich gewesen."

Was genau passiert ist, als Vater und Sohn 2003 in Lima halfen, den Transport von 167 Kilogramm Kokain vorzubereiten, lässt sich schwer sagen. Die Wahrheit kennen nur die Beteiligten. Der Neustart der Familie Witte in Peru lief nicht, wie geplant. Marcels Vater fühlte sich nicht wohl, wollte zurück, den Spreepark wieder hochziehen. Mutter und Geschwister waren schon wieder in Deutschland.

Schließlich habe sich sein Vater  mit "irgendwelchen Drogendealern" eingelassen, sagt Marcel. "Dann hat er hier in Peru einen Herzinfarkt bekommen und mir gestanden, in was er hier verwickelt ist. Das war ungefähr zehn Tage vor meiner Verhaftung." Marcel sagt, er sei als „Garantie“ von seinem Vater in Peru zurückgelassen worden. "Ich finde es traurig, dass ein Vater die Schuld auf seinen Sohn schiebt, um besser davon zu kommen."

"Mein Sohn hat mir neue Kräfte gegeben"

Heute würde er ihm gerne sagen, dass er enttäuscht ist. "Mein einziger Wunsch war, dass er sich um die Familie kümmert. Aber das hat er anscheinend doch nicht gemacht. Ich meine, um meine kleinen Schwestern. Die hätten schon einen Vater gebrauchen können, als die Presse voll war mit Skandalen über den Drogenhandel."

Die Familie ist zerstört, Marcels Verhältnis zu seinem Vater ebenso. Es ist umso auffälliger, wie viel Kraft Marcel aus dem Vater-Sohn-Verhältnis zieht. "Es gibt zwei Gefühle, die einen Menschen am Leben halten. Das eine ist Hass, das andere Liebe. Wenn man sich an eines der zwei Gefühle wendet, dann kann man viele Sachen durchstehen. Die ersten Jahre war es Hass, danach Liebe. Für meinen Sohn, und natürlich meine Mutter, meine Familie. Mein Sohn kam zum richtigen Zeitpunkt. Er hat mir neue Kräfte gegeben."

Männergefängnis Sarita Colonia in Callao, Lima, Peru (Quelle: rbb/Bettina Rehmann)
Der Blick zurück auf das Gefängnis, nach dem letzten Besuch bei Marcel

In Deutschland haben Marcels Freunde aus dem Schaustellergewerbe eine Spendenaktion ins Leben gerufen, um ihm zu helfen, eine Revision in Peru anzugehen. Vielleicht Hoffnung auf ein neues Ziel.

Eine dreiviertel Stunde haben wir gesprochen. Noch schnell ein paar Fotos vor der nackten Wand. Nein, im Gefängnis darf ich keine weiteren Aufnahmen machen. Nur von außen. Marcel und ich verabschieden uns im Innenhof.

Frau Parra nimmt mich auf dem Nachhauseweg ein Stück mit. Im schwarzen Geländewagen mit verdunkelten Scheiben wartet ihr Fahrer direkt vor dem Ausgang. Als ich noch einmal aussteigen will, um von der Straße aus ein letztes Foto vom Gefängnis "Sarita Colonia" zu machen, warnen mich die beiden: "Rapido! Es peligroso!".

Beitrag von Bettina Rehmann