Verärgerter Schöffe bei Jonny K.-Prozess -
"Sind Sie zu feige oder wollen Sie uns verarschen?"
Drei befragte Zeugen beriefen sich bei der Verhandlung am Donnerstag auf Erinnerungslücken. Ein Schöffe reagierte darauf genervt. Nun könnte der Prozess um den Tod von Jonny K. sogar platzen.
Wegen der Äußerung eines verärgerten Schöffen ist ungewiss, wie der Prozess um die tödliche Prügelattacke auf Jonny K. vor dem Berliner Landgericht weitergeht.
Die Verteidigung hat am Donnerstag beantragt, einen Laienrichter als befangen auszuschließen. Dieser hatte die Aussagen eines Augenzeugen, der sich auf Erinnerungslücken berief, mit den Worten kommentiert: "Sind Sie zu feige oder wollen Sie uns verarschen?". Sollte das Berliner Landgericht dem Antrag folgen, müsste der Prozess neu aufgerollt werden. Ersatzschöffen gibt es keine.
Das Gericht will bis kommenden Donnerstag über den Ablehnungsantrag gegen den Laienrichter entscheiden.
Staatsanwaltschaft ist gegen Ablehnung des Laienrichters
Der 23-jährige Augenzeuge der Tat und zwei seiner Freunde beantworteten die Fragen der Richter zumeist mit "Ich weiß es nicht, ich kann mich nicht erinnern". Auch der Vorsitzende Richter Helmut Schweckendieck äußerte Unverständnis: "Es fällt schwer, das zu glauben. Wissen Sie überhaupt, worum es in dem Prozess geht?"
Dennoch kritisierte er die Wortwahl des Schöffen. Aus Sicht der Verteidigung ist mit einem Schöffen, der sich zu so einer Wortwahl hinreißen lässt, kein faires Verfahren zu erwarten. Die Staatsanwaltschaft teilte den Ärger über die Äußerung, sprach sich aber gegen eine Ablehnung des Laienrichters aus.
Schöffen sind bei den Verhandlungen in einem Strafverfahrens die juristischen Laien, also ehrenamtliche Richter aus dem Volk. Sie beurteilen gemeinsam mit den Berufsrichtern die Tat des Angeklagten und setzen das Strafmaß fest. Sie sind an keine Weisungen gebunden, müssen keine juristische Vorbildung vorweisen und haben das gleiche Stimmrecht wie die Berufsrichter.
Die Angeklagten haben Schläge und Tritte gegen Jonny eingeräumt
Es war der vierte Tag im Prozess um den Tod des 20-jährigen Jonny K.. Er war laut Anklage in der Nacht zum 14. Oktober 2012 in der Nähe des Berliner Alexanderplatz mit Schlägen und Tritten so heftig angegriffen worden, dass er stürzte und einen Tag später an Gehirnblutungen starb.
Sechs Männer im Alter von 19 bis 24 Jahren sitzen wegen Körperverletzung mit Todesfolge beziehungsweise gefährlicher Körperverletzung auf der Anklagebank. Alle haben Schläge oder Tritte eingeräumt. Die Verantwortung für den Tod wiesen die Angeklagten aber zurück.
Nach der Urteilsverkündung im Berliner Landgericht: Tina K. wird von Medienvertretern umringt
Sie sagt: Es gibt keine Wahrheit. Denn die Tat wurde nie wirklich aufgeklärt.
Onur U. war der Hauptangeklagte in dem Prozess - er hat mit viereinhalb Jahren die höchste Haftstrafe erhalten - und will in Revision gehen.
Banges Warten vor dem Urteil am 15.08.2013: Die Mutter und die Schwester von Jonny sind im Gerichtssaal dabei.
Zurück auf Start: Am 06. Juni wurde vor dem Berliner Landgericht der Prozess um den Tod des 20-jährigen Jonny K. neu eröffnet. Zwei Angeklagte verstecken sich hinter einer Jacke und einer Aktenmappe.
Das Verfahren musste neu aufgerollt werden, weil ein Laienrichter wegen Befangenheit ausgetauscht werden musste. Er soll sich unter anderem in einem Zeitungsinterview abfällig über die Verteidiger geäußert haben.
Am Montag, 20. Mai, hatte vor dem Berliner Landgericht das erste Verfahren um den Tod von Jonny K. begonnen. Es herrschte großes Medieninteresse.
Zuschauer drängen sich am Nebeneingang ins Berliner Landgericht.
Memet E. wird auf dem Weg zum Gerichtsaal von Kameras verfolgt. Die Angeklagten sollen Jonny K. im Oktober 2012 durch Tritte gegen den Kopf so schwer verletzt haben, dass er einen Tag später starb.
Sechs mutmaßliche Schläger stehen vor Gericht - Onur U. ist einer der Hauptverdächtigen. Doch er weist am ersten Prozesstag die Schuld am Tod Jonny K.s von sich.
Zwei weitere Tatverdächtige - einer bedeckt sein Gesicht hinter einer Zeitung. Die Anklage lautet auf Körperverletzung mit Todesfolge, gefährliche Körperverletzung und Beteiligung an einer Schlägerei.
Tina K., die Schwester des Prügelopfers Jonny K., tritt vor Gericht als Nebenklägerin auf.
Tina K. setzt sich seit dem Tod ihres Bruders gegen Jugendgewalt ein - zuletzt bei einem Benefizkonzert, zu dem auch Innensenator Frank Henkel (CDU) kam.
Am Berliner Alexanderplatz, in der Nähe des Tatorts, wurde inzwischen eine provisorische Gedenkstätte für Jonny eingerichtet.
Die brutale Prügelattacke gegen Jonny K. hatte bundesweites Entsetzen ausgelöst.
Es kam auch zu diplomatischen Verstimmungen zwischen Deutschland und der Türkei um die Staatsangehörigkeit der Hauptverdächtigen. Zwei der mutmaßlichen Täter hatten sich aus Berlin in die Türkei abgesetzt.
Selbst Bundeskanzlerin Merkel hatte sich eingeschaltet und bei einem Treffen mit dem türkischen Regierungschef Erdogan um Unterstützung bei den Ermittlungen gebeten.
In der Nähe des Tatorts, am Berliner Alexanderplatz, gibt es jetzt eine mobile Polizeiwache, um in Notfällen schnell reagieren zu können.
Die sechs jungen Männer, die wegen des Todes von Jonny K. verurteilt worden sind, müssen endgültig ins Gefängnis. Der Bundesgerichtshof hat ihre Revisionen verworfen. Berlins Opferbeauftragter Roland Weber begrüßte die Entscheidung und erklärte im rbb, warum fünf der Täter trotzdem noch auf ...