Prozessbeginn am Berliner Landgericht -
Fall Jonny K. - Mutmaßliche Haupttäter bestreiten Schuld
Sechs junge Männer stehen seit Montag vor dem Berliner Landgericht, weil sie den 20-jährigen Jonny K. in den Tod geprügelt haben sollen. Doch wer trägt wie viel Schuld?
Die Brutalität hatte das ganze Land schockiert. Im Oktober starb Jonny K. in der Nähe des Berliner Alexanderplatzes durch Tritte und Schläge - aus nichtigem Anlass. Am Montag hat nun das Gerichtsverfahren gegen sechs Tatverdächtige zwischen 19 und 24 Jahren begonnen. Vier sind wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt, zwei wegen gefährlicher Körperverletzung. Ein Tötungsvorsatz ließ sich laut Staatsanwaltschaft nicht nachweisen. Deshalb lauten die Anklagen nicht auf Mord oder Totschlag.
Berlins Innensenator Henkel (CDU) zeigte sich anlässlich des Prozessbeginns erleichert. Es sei ein Beweis, dass solche feigen und brutalen Taten auch bestraft würden, sagte Henkel dem rbb. Er hoffe, dass alle offenen Fragen jetzt so schnell wie möglich geklärt werden könnten.
Verdächtige könnten unter das Jugendstrafrecht fallen
Da drei der sechs Angeklagten unter 21 Jahre alt sind und als Heranwachsende gelten, findet die Verhandlung im Fall Jonny K. vor einer Jugendstrafkammer des Landgerichts statt. Ob die Angeklagten im Falle einer Verurteilung auch nach Jugendstrafrecht behandelt werden, entscheidet die Kammer erst nach dem Ende der Beweisaufnahme.
Die Mindesstrafe bei Körperverletzung mit Todesfolge liegt bei drei Jahren, die Höchststrafe bei zehn Jahren. Beteiligung an einer Schlägerei wird mit Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren geahndet.
Am Alexanderplatz wurde nach der Tat die Polizeipräsenz verstärkt.
Hauptverdächtige erst seit Kurzem aus Türkei zurück
Den ersten Tatverdächtigen hatte die Polizei zehn Tage nach der Tat festgenommen. Alle anderen stellten sich danach den Berliner Behörden, zuletzt Anfang April besagter Onur U. Er war nach der Tat zunächst in die Türkei geflüchtet - ebenso Bilal K., der sich Anfang März der deutschen Polizei gestellt hatte.
Laut Anklage griffen die mutmaßlichen Schläger in der Tatnacht um vier Uhr morgens am Alexanderplatz zwei Freunde Jonny K.s ohne besonderen Grund an und brachten sie zu Fall. Als Jonny K. zu schlichten versuchte, traktierten ihn drei der Angeklagten mit Schlägen und Tritten, wodurch er zu Boden ging und mit dem Hinterkopf auf dem Pflaster aufschlug.
Einer der Angreifer - Bilal K. - habe ihm dann noch einen weiteren Tritt gegen den Kopf versetzt. Durch die Misshandlungen sei es zu einer Hirnblutung gekommen, die zum Tod von Jonny K. geführt habe.
Tina K. tritt im Prozess als Nebenklägerin auf.
"Ich will wissen, wer schuld ist"
Die Schwester des Opfers, Tina K., tritt als Nebenklägerin in dem Prozess auf. "Ich will wissen, wer schuld ist", sagte die 28-Jährige am Montag vor Prozessbeginn. "Ich hoffe, dass das nie wieder passiert. Die Jungs sollen sagen, was passiert ist, und sich nicht gegenseitig die Schuld geben."
Tina K. hat inzwischen die Stiftung "I am Jonny" ins Leben gerufen und unter anderem im April mit einem Benefizkonzert Geld für ihre Arbeit gegen Jugendgewalt gesammelt.
Der Prozess gegen die sechs Tatverdächtigen dauert voraussichtlich bis zum 23. Juni.
Nach der Urteilsverkündung im Berliner Landgericht: Tina K. wird von Medienvertretern umringt
Sie sagt: Es gibt keine Wahrheit. Denn die Tat wurde nie wirklich aufgeklärt.
Onur U. war der Hauptangeklagte in dem Prozess - er hat mit viereinhalb Jahren die höchste Haftstrafe erhalten - und will in Revision gehen.
Banges Warten vor dem Urteil am 15.08.2013: Die Mutter und die Schwester von Jonny sind im Gerichtssaal dabei.
Zurück auf Start: Am 06. Juni wurde vor dem Berliner Landgericht der Prozess um den Tod des 20-jährigen Jonny K. neu eröffnet. Zwei Angeklagte verstecken sich hinter einer Jacke und einer Aktenmappe.
Das Verfahren musste neu aufgerollt werden, weil ein Laienrichter wegen Befangenheit ausgetauscht werden musste. Er soll sich unter anderem in einem Zeitungsinterview abfällig über die Verteidiger geäußert haben.
Am Montag, 20. Mai, hatte vor dem Berliner Landgericht das erste Verfahren um den Tod von Jonny K. begonnen. Es herrschte großes Medieninteresse.
Zuschauer drängen sich am Nebeneingang ins Berliner Landgericht.
Memet E. wird auf dem Weg zum Gerichtsaal von Kameras verfolgt. Die Angeklagten sollen Jonny K. im Oktober 2012 durch Tritte gegen den Kopf so schwer verletzt haben, dass er einen Tag später starb.
Sechs mutmaßliche Schläger stehen vor Gericht - Onur U. ist einer der Hauptverdächtigen. Doch er weist am ersten Prozesstag die Schuld am Tod Jonny K.s von sich.
Zwei weitere Tatverdächtige - einer bedeckt sein Gesicht hinter einer Zeitung. Die Anklage lautet auf Körperverletzung mit Todesfolge, gefährliche Körperverletzung und Beteiligung an einer Schlägerei.
Tina K., die Schwester des Prügelopfers Jonny K., tritt vor Gericht als Nebenklägerin auf.
Tina K. setzt sich seit dem Tod ihres Bruders gegen Jugendgewalt ein - zuletzt bei einem Benefizkonzert, zu dem auch Innensenator Frank Henkel (CDU) kam.
Am Berliner Alexanderplatz, in der Nähe des Tatorts, wurde inzwischen eine provisorische Gedenkstätte für Jonny eingerichtet.
Die brutale Prügelattacke gegen Jonny K. hatte bundesweites Entsetzen ausgelöst.
Es kam auch zu diplomatischen Verstimmungen zwischen Deutschland und der Türkei um die Staatsangehörigkeit der Hauptverdächtigen. Zwei der mutmaßlichen Täter hatten sich aus Berlin in die Türkei abgesetzt.
Selbst Bundeskanzlerin Merkel hatte sich eingeschaltet und bei einem Treffen mit dem türkischen Regierungschef Erdogan um Unterstützung bei den Ermittlungen gebeten.
In der Nähe des Tatorts, am Berliner Alexanderplatz, gibt es jetzt eine mobile Polizeiwache, um in Notfällen schnell reagieren zu können.
Der Fall Jonny K. erregt auch zu Prozessbeginn Aufmerksamkeit.
Onur U.: "Jonny weder geschlagen noch getreten"
Die Staatsanwaltschaft hält den 19-jährigen Onur U. für den Treiber hinter der Attacke.
Dieser räumte am Montag zwar ein, den Streit nach einer Party am Alexanderplatz provoziert und dann einen Begleiter Jonnys mehrfach ins Gesicht geboxt zu haben. Jonny K. selbst habe er aber weder geschlagen noch getreten, ließ er seinen Anwalt Axel Weimann erklären. Er bedauere den Tod, habe aber nichts damit zu tun. Vielmehr wollten die anderen Angeklagten alles auf ihn schieben. Der Vorsitzende Richter Helmut Schweckendieck äußerte Zweifel an dieser Darstellung.
Onur U. war zuvor monatelang in der Türkei untergetaucht und hatte sich erst nach juristischem Tauziehen im April gestellt.
Auch Bilal K. streitet Mitschuld ab
Auch der zweite Hauptverdächtige, der sich ebenfalls vorübergehend in die Türkei abgesetzt hatte, wies eine Mitschuld am Tod Jonnys zurück. Er habe dem 20-Jährigen zwar einen Tritt gegen den Oberschenkel versetzt, nicht aber gegen den Kopf, hieß es in einer Erklärung, die Bilal K.s Anwalt am Montag verlas. Für Jonnys Tod sei Bilal K. nicht verantwortlich.
Der mit 24 Jahren älteste Angeklagte äußerte in der Erklärung zugleich Reue: "Jonnys Tod hat mich sehr berührt, ich bin fassungslos. Ich habe schweres Leid über die Familie gebracht."
Auch zwei weitere Angeklagte zeigten am Montag Bedauern über ihre Verstrickung in die Geschehnisse.
Die sechs jungen Männer, die wegen des Todes von Jonny K. verurteilt worden sind, müssen endgültig ins Gefängnis. Der Bundesgerichtshof hat ihre Revisionen verworfen. Berlins Opferbeauftragter Roland Weber begrüßte die Entscheidung und erklärte im rbb, warum fünf der Täter trotzdem noch auf ...