
Rückblick auf den Prozess - Wer erschlug Jonny K.?
Jonny K. wurde im Oktober 2012 von sechs jungen Männern am Berliner Alexanderplatz attackiert - er starb wenig später an Gehirnblutungen. Im Prozess haben die Angeklagten Misshandlungen eingeräumt. Doch eine Verantwortung für den Tod von Jonny K. übernehmen sie nicht.
Das Kriminalgericht Moabit ist ein wunderschönes, altes Gebäude. Aber immer laut. Auf den unzähligen langen Fluren mit den gewölbeartigen Decken hallt jedes Geräusch. Schlüssel scheppern, Türen knallen, Gesprächsfetzen klingen nach.
Mehr als ein Dutzend Mal ist Tina K. in diese Atmosphäre eingetaucht. Ist die riesige steinerne Treppe bis hinauf in den 3. Stock gelaufen, zum Saal 700. Wo der gewaltsame Tod ihres Bruders verhandelt wurde.
"Wenn ich jetzt noch dran denke ist das so, als wäre man in einer Luftblase. Weil... das ist alles überhaupt nicht real. Diese ganze Situation: Im Gericht zu sein, einen Richter zu sehen, einen Staatsanwalt. Und dann auch noch sechs Jugendliche zu sehen, die meinen Bruder getötet haben. Das sind alles Sachen wo man dachte, die werden niemals Realität."

Dennoch hat sich Tina K. dieser Realität gestellt. Keinen der bisher 15 Verhandlungstage hat sie versäumt. Manche hatten ihr zu Beginn unterstellt, sie sei nur scharf auf die Publicity. Wolle die Angeklagten tränenreich unter Druck setzen. Hat sie aber nicht, findet Rechtsanwalt Friedhelm Enners, der den ältesten der sechs Beschuldigten verteidigt.
"Es hätte ein Riesenzirkus werden können, und es gab ja viele Bemühungen medialerseits, dass man da etwas reißerischer berichtet, wenn man mehr Informationen bekommen hätte. Das haben alle Verteidiger in dieser Runde abgelehnt. Und auch seitens der Nebenklage kann ich nicht sagen, dass da die Betroffenheit, gerade von Tina, dazu geführt hat, dass sie völlig unsachlich oder unmotiviert und von Hass geprägt agiert."
"Ich habe keine Reue gesehen"
Stattdessen war sie still und konzentriert. Interviews auf dem Gerichtsflur fanden kaum mehr statt. Der Prozess setzte ihr sichtlich zu - in allen Einzelheiten hören zu müssen, wie ihr Bruder durch eine Reihe von Tritten und Schlägen in der Nacht des 14. Oktober zu Tode kam.
"Ich finde, das ist meine Aufgabe dort zu sein und jede Sekunde mitzukriegen. Aber mir war schon beim ersten Prozessanlauf klar, dass ich rausgehe, wenn sie die Fotos zeigen. Weil, die Fotos... das ist nicht mein Bruder, das sind Bilder von einer Hülle. Die müssen dort gezeigt werden, aber das ist nicht so, wie ich meinen Bruder kenne. Deshalb wollte ich das nicht sehen. Als es nochmal neu aufgerollt wurde und die Bilder gezeigt wurden, bin ich ja drin geblieben. Ich wollte die Angeklagten sehen, wie sie sich benehmen, wenn darüber geredet wird. Und die Hälfte der Angeklagten hat sich die Bilder angeguckt, die ganze Zeit angeguckt. Und auch dort habe ich keine Reue gesehen."

Die fehlende Reue ist für Jonny's Schwester das Leitmotiv in diesem Verfahren. Die Angeklagten aber stellen das anders dar: Jeder der sechs jungen Männer hat vor Gericht selbst gesagt oder seinen Anwalt sagen lassen, dass ihm der Tod des jungen Mannes Leid tue.
Prozess war im ersten Anlauf geplatzt
Auch Bilal K. Der 24jährige war nach den Ereignissen für mehrere Monate in die Türkei geflohen. Ein schwerer Fehler, ließ Bilal seinen Verteidiger Friedhelm Enners vor Gericht erklären. Begangen aus der Angst heraus, dass die anderen aus der Gruppe ihm die Tat in die Schuhe schieben wollten. Bilal K. aber will Jonny nur einmal getreten und dann versucht haben, die Angriffe zu beenden. Er bedauere das Ganze zutiefst, sagt sein Anwalt.

"Dass durch sein Zutun ein Mensch zu Tode gekommen ist, der fast in seinem Alter war, und aus seiner Sicht auch das tragisch, unnötig, schrecklich für die Familie ist. Und weil es für ihn genauso schrecklich ist. Nicht, weil er jetzt die Folgen zu tragen hat und in Untersuchungshaft sitzt - das akzeptiert er. Sondern, mit dieser Schuld zu leben."
Tatsächlich wirkte Bilal K. im Prozess oft ernst und bedrückt, saß blass und schmal auf der Anklagebank. Seine Mitangeklagten dagegen wirkten entspannter, je länger das Verfahren andauerte: vor allem die drei Cousins Hüseyin, Osman und Mehmet und ihr gemeinsamer Freund Melih. Nachdem der Prozess im ersten Anlauf nach vier Verhandlungstagen geplatzt war, weil einer der Schöffen befangen schien, wurden diese vier aus der Untersuchungshaft entlassen. Seitdem kommen sie selbstständig zu den Terminen - und schlenzen braun gebrannt, lässig und fröhlich in den Saal 700, vorbei an Tina K. Die fragt sich, ob das so sein muss. Ihr Anwalt Ronald Weber wiegt den Kopf.
"Selbst wenn das Gericht sich bemühen würde, das anders im Gerichtssaal zu organisieren, ist ja nicht auszuschließen, dass sich die Angehörigen und die Angeklagten eine Stunde später auf der Straße sehen. Letztendlich ändert das an der grundsätzlichen Problematik nichts. Ich habe das immer wieder thematisiert und meine Mandantin darauf hingewiesen, dass wir nicht in die Köpfe der Angeklagten gucken können. Wir wissen gar nicht, wie die sich wirklich fühlen. Und ob die nicht altersbedingt und gruppenmilieubedingt versuchen, den harten, starken Mann nach außen zu zeigen. Wir wissen es nicht."

Jonny K. ist an seinen Kopfverletzungen gestorben
Wohl kaum einer weiß nach 15 Verhandlungstagen mit Gewissheit, was genau sich am 14. Oktober vor der "Bar Mio" nahe des Alexanderplatzes abgespielt hat. Die Angeklagten haben sich im Prozess teilweise gegenseitig beschuldigt, Zeugenaussagen widersprachen sich oder passten nicht zur Beweislage.
Besonders im Gedächtnis blieb bei vielen Prozessbeobachtern der Auftritt eines jungen Barkeepers. Ausgesprochen selbstbewusst behauptete der, alles "ganz genau gesehen" zu haben: wie eine Gruppe auf Jonny K. "regelrecht herumgesprungen" sei. Doch so kann es nicht gewesen sein: Die Pathologen der Charité fanden bei Jonny K. vier Kopfverletzungen, an deren Folge er auch unzweifelhaft gestorben ist. Ansonsten war sein Körper überraschend unversehrt. Nach den Presseberichten über die Prügelattacke hatten die Mediziner anderes erwartet.
Für Michael von Hagen, den Staatsanwalt in diesem Prozess, ist ein so schwierig zu klärendes Tatgeschehen Alltag: "Es gibt eben Fälle wie diesen, wo es viele Angeklagte sind, wo es ein sehr schnelles, dynamisches Geschehen ist, wo es zwar viele Zeugen gibt, die alles aber zu unterschiedlichen Zeiten und von unterschiedlichen Standpunkten wahrgenommen haben. Und dann gehört es zu den Aufgaben, aus dem Wirrwarr und der Vielzahl von Einzelschilderungen wie bei einem Puzzle irgendwie zu versuchen, da einen Sachverhalt rauszufiltern, von dem man überzeugt ist, dass er sich so abgespielt hat und dass man das auch so beweisen kann."

Trotz der Routine lässt den Ankläger der Fall nicht kalt. Von Hagen, ein großer, kräftiger Mann, erzählt: Der kleine Altar für Jonny K. auf dem Alexanderplatz habe bei ihm Gänsehaut ausgelöst. Er grübele immer noch über das Motiv für die Schlägerei. Denn es gibt keins. Vier der sechs Angeklagten haben vor Gericht ausgesagt, sie könnten sich selbst nicht erklären, warum sie Jonny angegriffen haben. Überhaupt schienen alle Beschuldigte seltsam ratlos. Einen erlernten Beruf übt keiner der 19 bis 24-Jährigen aus, die meisten haben gar keinen. Alle wohnen noch bei ihren Eltern, wirken antriebsarm, überbehütet und unreif.
Tina K. hat einmal von der "Leere in den Augen" der Angeklagten gesprochen. "Was soll man von solchen Jungs erwarten? Ich erwarte einfach nur Menschlichkeit und wirklich den Anstand, dass irgendwann irgendeiner von denen aufsteht und mit der Wahrheit herausrückt."

Aufklärung für Angehörige besonders wichtig
Große Hoffnungen, dass das passiert, hat Jonnys Schwester nicht. Dabei weiß ihr Anwalt Roland Weber, wie wichtig die Aufklärung einer solchen Tat für Angehörige wie sie ist.
"Wenn ich aber erkennen kann, es wird sich eben nicht ganz detailliert aufklären lassen können, dann ist es meine Aufgabe, den Angehörigen in den jeweiligen Prozessabschnitten genau zu erklären, wo wir stehen, was gemacht werden konnte und wie das, was bisher festgestellt werden konnte, juristisch zu bewerten ist. Dann können die Angehörigen damit auch besser umgehen und wissen dann eben am Schluss: Was konnte tatsächlich geleistet werden und was nicht."
Für Tina K. wird sich erst mit den Urteilen zeigen, ob das Gericht leisten konnte, was sie sich am meisten gewünscht hat: dass der oder die Schuldigen für den Tod ihres Bruders die Verantwortung übernehmen müssen.






