Tina K., die Schwester des Gewaltopfers Jonny K. (Quelle: dpa)

Fragen an Tina K. - "Ich möchte junge Menschen auf ihrem Weg begleiten"

Gewaltopfer Jonny K. wäre am 7. April 21 Jahre alt geworden. Seine Schwester Tina K., die das Andenken an ihren Bruder bewahren möchte, hat aus diesem Anlass ein großes Benefizkonzert organisiert. Das rbb Inforadio hat sie vorab zum Gespräch getroffen.

Mitte Oktober 2012 wurde der Berliner Jonny K. auf dem Alexanderplatz zu Tode geprügelt. Dass seinen Namen heute ganz Deutschland kennt, liegt vor allem an seiner Schwester Tina K., die an Schulen und in Talkshows über das Thema Gewalt redet und den Verein "I Am Jonny“ gegründet hat. Zum 21. Geburtstag ihres verstorbenen Bruders am 7. April hat sie ein Benefizkonzert im Berliner Admiralspalast auf die Beine gestellt. Inforadio-Reporterin Sylvia Tiegs hat sie zuvor zu einem "Vis-à-vis"-Gespräch getroffen, aus dem rbb online hier Ausschnitte präsentiert.

Sylvia Tiegs: Du hast seit dem Tod deines Bruders sehr viel auf die Beine gestellt. Du bist in Fernsehrunden und Schulen aufgetreten. Du hast einen Verein gegründet und ein Konzert zu seinem Geburtstag organisiert. Du bist im Grunde genommen unermüdlich dabei, die Erinnerung an ihn aufrecht zu erhalten und über das Thema Gewalt zu sprechen. Die Gewalt, die ihn umgebracht hat. Warum machst du das?

Tina K.: Mir ist einfach seit dem 14. Oktober bewusst geworden, dass es nicht reicht, seine Geschwister und sein Umfeld so behütet wie möglich zu halten. Das mit meinem Bruder ist am Alexanderplatz passiert, einem so riesigen Ort. Und er war mit Leuten zusammen, die ihn gern haben. Dadurch ist mir bewusst geworden, dass es jedem passieren kann. Du bist nirgendwo sicher. Es gibt keine guten Bezirke, es gibt keine schlechten Bezirke. Die Gewalt ist überall. Sie kommt daher, dass die Leute frustriert sind. Und wenn man diese negative Energie in etwas stecken würde, an dem man Interesse hat, sei es in Sport, sei es in Musik, sei es in Kunst oder in Schauspiel – in irgendetwas - , dann würde man vielleicht nicht gewalttätig werden. Daher gehe ich in Schulen und erkläre es den Schülern. Und dadurch, dass ich mich dann öffne, spüren sie diese Verbindung zu mir und denken, da ist jemand, der mich versteht, da ist jemand, der nicht auf mich einredet, sondern mit mir redet, der mir zuhört und auf mich reagiert. Und das ist mir einfach unglaublich wichtig.

Wem will dein Verein "I am Jonny" ein Forum bieten?

"I Am Jonny" ist ein Forum für jeden, es geht dabei um Menschlichkeit, um Gemeinsamkeit, um Toleranz. Es geht darum zu zeigen, was Zivilcourage bedeutet. "I Am Jonny" ist gegen jede Ausgrenzung, es geht um das Miteinander. Ich finde, gerade Berlin sollte in dieser Hinsicht als Vorbild gelten, denn Berlin ist so facettenreich und so wunderschön - jeder Bezirk für sich. Es gibt so viele Kulturen und so viele Menschen, die zueinander kommen. Aber gerade durch die Großstadt kommt teilweise diese Ignoranz dem anderen gegenüber. Man ist in der Bahn, schubst sich, keiner steht auf für den anderen, keiner sagt Guten Tag.

Das ist aber auch ein bisschen Berlin, oder? Dieses sehr Ruppige…

Ja, ich muss aber sagen, wenn ich andere anlächle, bekomme ich auch ein Lächeln zurück. Wenn ich irgendetwas Schönes sehe, eine schöne Tasche zum Beispiel, dann sage ich das den betreffenden Leuten. Oder wenn jemand Hilfe beim Tragen braucht, dann frage ich, ob ich kurz anpacken soll. Ich wurde so erzogen - und ich bin Berlinerin, ich wurde in Berlin geboren und großgezogen.

Du hast ja viel mit Jugendlichen diskutiert in den letzten Monaten. Hast du das Gefühl, dass du auch die erreichst, um die man sich wirklich kümmern muss?

Zuletzt war ich in einer siebten Klasse in der Hector-Peterson-Schule an der Möckernbrücke. Da waren einige Schüler ziemlich gewaltverherrlichend und aggressiv. Aber die sind an sich solch liebe gute Menschen. Sie waren sogar die aktivsten und haben die ganze Zeit Fragen gestellt. Sie wussten, was ihnen wichtig ist, sie wussten, wie man die Familie stolz macht. Ich war mit meinem Freund dort und die fanden ihn total toll. Sie haben ihn gefragt, ob er ihr Fußballtrainer werden oder ihnen einfach bei etwas helfen kann. Die connecten auch ganz schnell.

Sie suchen Vorbilder?

Genau, sie brauchen positive Vorbilder. Und das sind nicht die Leute, die im dicken Benz durch die Gegend fahren und keiner weiß, wo das Geld dafür eigentlich herkommt. Nein, sie brauchen jemanden, der ihnen zuhört und sagt: Ey, setz dich jetzt an deinen Schreibtisch und mach die Sachen, dann kannst du es schaffen. Du musst nicht Toiletten putzen, es gibt Perspektiven. Du musst nicht von Hartz IV leben. Es gibt so viele tolle Berufe. Und ich finde, gerade Berlin und Deutschland bieten so viele Möglichkeiten, wenn du es schaffen möchtest, wenn du weißt, was du willst. Man müsste wirklich Zeit in die Jugendlichen investieren und individuell mit jedem darüber reden, was seine Vorlieben sind. Man müsste darüber diskutieren, was für Möglichkeiten es gibt, damit man wirklich diesen Support hat - sei es von der Schule, sei es von zu Hause. Irgendjemand muss da sein. Und wenn es beide nicht schaffen, dann muss es halt jemand anderes machen. Genau das möchte ich mit dem Verein erreichen. Ich möchte mit den jungen Leuten was machen und sie auf ihrem Weg begleiten, von einem tollen Kind oder Jugendlichen zu einem tollen, erfolgreichen erwachsenen Menschen, der auf sich selbst stolz sein kann.

Dein Bruder wäre in wenigen Tagen 21 Jahre alt geworden. Du hast zu seinem Geburtstag ein Konzert organisiert. Warum?

Mit dem Konzert wollen wir seinen Geburtstag feiern. Es ist keine Trauerfeier, sondern er wäre an diesem Tag 21 Jahre alt geworden und wir feiern damit einfach die letzten 20 Jahre. Sie waren wunderschön und ich bin einfach superfroh, dass er in meinem, in unserem Leben war. Ich hoffe, dass ganz viele Leute kommen. Die Seeed-Vocalists, also die Frontleute von Seeed, werden auftreten, Mic Donet, Andreas Bourani, Elif. Die Blue Man Group wird was eigenes machen, darauf freue ich mich besonders. Ich freue mich einfach generell auf den ganzen Abend, auch dass meine Eltern dort sein werden und diese ganze Liebe spüren können.

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