Roland Weber, Anwalt von Tina K. und Opferbeauftragter Berlins (Bild dpa)

Interview mit dem Anwalt von Tina K. - Ein Puzzle mit Lücken

Für Anwalt Roland Weber ist der Fall Jonny K. ein besonders schwieriger: Er hat die Schwester des Opfers vor Gericht vertreten - und muss den Familien erklären, dass es eine völlige Aufklärung des Mordes wohl nie geben wird.

Wie haben Sie diesen Prozess erlebt?

Roland Weber: Insgesamt als ruhiges und sachliches Verfahren. Das gilt durchgehend für alle Verhandlungstage insbesondere ab dem Zeitpunkt als das Verfahren noch einmal neu aufgerollt werden musste. Ich hatte den Eindruck, dass die Auswechslung des Schöffen eine Art Zäsur war. Danach ging es nochmal sachlicher und konzentrierter zu und das blieb so.

Die Verteidigung hätte auch mauern können, zum Beispiel indem sie viele Anträge stellt. Aber es ging von allen Seiten zügig und professionell voran. Hat Sie das überrascht?

Ich hatte es so erwartet. Wir haben es hier mit einer sehr erfahrenen Strafkammer und sehr erfahrenen Verteidigern zu tun. Und die wissen natürlich ganz genau, wann es sich lohnen würde, Zirkus zu machen, und wann nicht. Hier hätte es sich nicht gelohnt, entsprechend war es auch im Interesse aller Verfahrensbeteiligten, sachlich, ruhig und konzentriert zu arbeiten.

Trotzdem war es schwierig, die Situation aufzuklären. Keiner war nüchtern, es war dunkel, alles ging schnell. Einen roten Faden bei den Aussagen gab es auch nicht. Ist das bei solchen Fällen öfter so?

Bei Prozessen mit Gewalttaten, an denen viele Personen beteiligt waren, ist das ganz typisch. Wir haben ein gruppendynamisches Geschehen, das blitzartig abläuft. Die Einzelnen sind sehr auf sich konzentriert, niemand hat einen kompletten Überblick über das Geschehen. Dann rennt die Gruppe auseinander, trifft sich nach wenigen Minuten in der U-Bahn: Jeder stellt nun seine Sicht des Geschehens dar, und schon gibt es nach zwanzig Minuten ein völliges Kuddelmuddel  - objektiv nicht richtig aufklärbar. Man kann nur versuchen, die wie bei einem Puzzlespiel die einzelnen Teile zusammenzusetzen. Einige Teile bleiben da immer frei.

Müssen Sie so etwas dann auch Angehörigen sagen, sie vorwarnen, wenn sie das Mandat bekommen?

Nach meiner Erfahrung steht die Aufklärung bei den Angehörigen immer an erster Stelle. Wenn ich aber – und so war es auch hier –erkennen kann, dass es sich nicht ganz detailliert aufklären lassen können, ist es auch meine Aufgabe, den Angehörigen in den jeweiligen Prozessabschnitten genau zu erklären, wo wir stehen, was gemacht werden konnte, ob wir die Aufklärung vorantreiben können. Dann können die Angehörigen damit auch besser umgehen.

Ist das nicht manchmal sehr hart, oder? Den Angehörigen, die sowieso schon am Boden zerstört sind sagen zu müssen, dass sich die Sache nicht hundertprozentig aufklären lassen wird.

Für die Angehörigen ist das immer schrecklich, das ist klar. Gleichwohl ist es eben unsere Aufgabe, dass wir uns alle bemühen so gut es geht den Sachverhalt aufzuklären. Und wenn die Angehörigen mitbekommen, dass wir  unseren Teil beigetragen haben, dann können sie besser damit umgehen wenn am Ende nicht alle Fragen beantwortet werden konnten.

Wie erleben sie das als Opferbeauftragter der Stadt Berlin wenn vier der sechs Angeklagten fröhlich und locker in einem vorbei ins Gericht gehen?

Selbst wenn das Gericht sich bemühen würde, das anders im Gerichtssaal zu organisieren, ist ja nicht auszuschließen, dass sich die Angehörigen und die Angeklagten eine Stunde später auf der Straße sehen. Letztendlich ändert das an der grundsätzlichen Problematik nichts. Ich habe das immer wieder thematisiert und meine Mandantin darauf hingewiesen, dass wir nicht in die Köpfe der Angeklagten gucken können. Wir wissen gar nicht, wie die sich wirklich fühlen. Und ob die nicht altersbedingt und gruppenmilieubedingt versuchen, den harten, den starken Mann nach außen zu zeigen. Wir wissen es nicht.

Die Angeklagten haben während der Verhandlung Reue gezeigt, in der einen oder anderen Form. Soweit ich das von Tina erfahren konnte, hat ihr das nichts gegeben. Sehen sie die Möglichkeit für ein Gespräch zwischen Angehörigen und mutmaßlichen Tätern?

Wir dürfen die Angehörigen nicht überfrachten. Ein Verteidiger hatte ja den Vorschlag unterbreitet, in Kommunikation zu treten. Ich bin solchen Vorschlägen gegenüber grundsätzlich sehr aufgeschlossen. Wir müssen aber sehen: Tina hat ihren Bruder verloren und es ist noch kein Jahr her. Wir müssen da einfach warten damit sie für sich aus freien Stücken entscheiden kann, ob und wie sie künftig den Angeklagten – und  vielleicht Verurteilten – gegenübertritt. Im laufenden Verfahren ist das ein ungünstiger Zeitpunkt.

Das Interview führte Inforadio-Reporterin Sylvia Tiegs