Polnische und duetsche Polizisten überprüfen gemeinsam ein Auto an der Grenze bei Frankfurt (Oder) , Quelle: dpa
Brandenburg aktuell | 20.01.2014

Deutsch-polnische Zusammenarbeit funktioniert nicht - Schlechte Grenzerfahrungen

Die grenzübergreifende Kriminalität zwischen Deutschland und Polen nimmt zu. Allein in Brandenburg gab es 2013 zehn Prozent mehr Autodiebstähle – die meisten Wagen verschwinden gen Osten. Auch die Wohnungseinbrüche im Speckgürtel häufen sich. Nach rbb-Recherchen ist der Kriminalitätsanstieg auch auf die mangelhafte deutsch-polnische Polizeizusammenarbeit zurückzuführen. Von Adrian Bartocha und Olaf Sundermeyer

Brandenburgs Innenminister Ralf Holzschuher (SPD) will nicht über
grenzüberschreitende Kriminalität sprechen. Es sei gerade nicht der richtige Zeitpunkt, lässt der Minister auf die Interview-Anfrage des rbb mitteilen.

Immense Schäden, Sicherheitsgefühl "im Keller"

Beim Bund der Kriminalbeamten (BdK) stößt die Absage des Ministers auf Empörung. Für dessen Landesvorsitzenden Riccardo Nemitz jedenfalls ist jeder Tag geeignet, um dieses drängende Problem anzusprechen. "Die grenzüberschreitende Kriminalität ist seit Jahren hoch aktuell. Die Zahlen belegen das", sagt der Kriminalbeamte aus Neuruppin. Er erinnert zugleich daran, dass das Sicherheitsgefühl gerade der Menschen in der Grenzregion "in den Keller gesunken" sei. "Wegen der immensen Schäden kann ich verstehen, dass die Leute dort total frustriert sind."

Ein Polizist stoppt nahe Frankfurt (Oder) einen Pkw (Bild: dpa)
Viele in Berlin oder Brandenburg gestohlene Autos landen in Polen.

Keine gute Zusammenarbeit

Unstrittig ist, dass eine wirksame Bekämpfung der grenzüberschreitenden Kriminalität einzig mithilfe von polnischer Polizei und Staatsanwaltschaft möglich ist. "Ich kann nur unterstreichen, dass die Zusammenarbeit bei der grenzüberschreitender Kriminalität nicht so funktioniert, wie wir uns das vorstellen. An der Grenze ist halt Schluss." Dort enden die Ermittlungen.

Viele Täter reisen aus Polen ein

Zwar finden die Straftaten in Deutschland statt, vor allem auch in Berlin und Brandenburg. Aber viele der Täter kommen aus Polen oder reisen zumindest über die deutsch-polnische Grenze ein. Dorthin ziehen sie sich mitsamt ihrer Beute auch wieder zurück, zumeist mit gestohlenen Autos, Fahrrädern, Kinderwagen oder Unterhaltungselektronik, mit Baumaschinen, Schmuck und Gartengeräten.

Stettiner Bande stahl Solarmodule

Im Fall einer Bande aus Stettin waren es binnen zwei Jahren Solarmodule im Wert von zwei Millionen Euro, die von Solarparks entlang der Grenze in Deutschland gestohlen wurden, um sie anschließend über das polnische Internetportal "Allegro" zu verkaufen. Zwar konnten die beiden Haupttäter der 18-köpfigen Bande noch in Deutschland gefasst und schließlich verurteilt werden. Aber die meisten Solarmodule sowie das erbeutete Geld konnten nicht ermittelt werden.

Luftaufnahme der Dünnschicht-Solarmodule am ehemaligen russischen Militärflugplatz Groß Dölln (Quelle:dpa)
Immer mehr Solarmodule werden aus den Parks gestohlen.

Überhaupt wurde nur gut die Hälfte der fast 60 Einbrüche, die der Bande vorgeworfen worden waren, aufgeklärt. Denn die Polizisten der eingesetzten Sonderkommission "Sonne" konnten weder die Computer des Bandenchefs in Polen beschlagnahmen noch dessen Mobilfunkdaten oder Kontobewegungen nachvollziehen. Die entsprechenden Ermittlungen der polnischen Polizei in Stettin blieben – trotz Anfrage – aus.

Polnische Behörden wurden nicht aktiv

Das bestätigt auf rbb-Anfrage auch Oberstaatsanwalt Ulrich Scherding aus Frankfurt (Oder). "Es hat Gespräche darüber gegeben, ob die polnischen Behörden ein Parallelverfahren eröffnen, um auch von Polen aus gegen diese Tätergruppierung zu ermitteln. Die polnischen Behörden haben sich aber dagegen entschieden."

Dabei waren Mitglieder der Soko "Sonne", die sich eigens eine polnische Muttersprachlerin ins Team geholt hatten, nach Stettin gefahren, um in der dortigen Polizeikommandantur persönlich um Hilfe zu bitten. Ohne Erfolg.

Deutsche und polnische Polizisten im polnischen Swiecko (Archivfoto 2012, Quelle: dpa)
Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Polizei funktioniert offensichtlich nicht so gut, wie es dieses Foto vermuten lässt.

Wenig Interesse bei Taten auf deutschem Boden

Von Fällen wie diesem ist immer wieder von deutschen Polizisten und Staatsanwälten zu hören. Es heißt, Polen hätte nur ein bedingtes Ermittlungsinteresse, wenn die Straftat auf deutschem Boden stattfand.

Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Immer wieder zu hören ist von der so genannten "Kaczyński-Delle", benannt nach dem Führer der nationalkonservativen starken polnischen Oppositionspartei PiS (Recht und Gerechtigkeit), die noch immer in einigen polnischen Behörden ihren Einfluss in Bezug auf eine deutschlandfeindliche Haltung geltend macht.

"Man muss aber bedenken, dass die Polen selbst genug zu tun haben und deswegen Anfragen, die aus Deutschland kommen, oft nicht vorrangig bearbeiten", lautet die Aussage eines deutschen Justizbeamten.

Unterschiedliche Rechtssysteme

Aus Sicht der von Przemysław Kimon, dem Sprecher der Polizei Westpommern in Stettin, stellt sich die Sache so dar: "Natürlich wollen alle immer, dass alles sehr schnell geht, damit die Täter schnell vor Gericht gebracht werden. Aber leider dauern einige Dinge eben auch etwas länger. Das hat auch mit den verschiedenen rechtlichen Rahmenbedingungen in unseren beiden Ländern zu tun."

Tatsächlich sind die Unterschiede im Strafgesetz sehr groß: In Polen etwa gelten Diebstähle bis zu einem gewissen Wert lediglich als Ordnungswidrigkeiten, die Hehlerei ist ebenfalls anders geregelt.

Neues Abkommen wird verhandelt

Aber auch andere europäische Nachbarstaaten haben Rechtssysteme, die sich von dem deutschen unterscheiden. "Wenn es um grenzübergreifende Kriminalität geht, wollen wir ja etwas von den Polen", heißt es in Berliner Regierungskreisen. Dort verhandelt man aktuell über ein Abkommen mit Warschau, das die deutsch-polnische Polizeiarbeit regelt - vor dem Hintergrund, dass Polen Ende 2007 dem Schengen-Raum beigetreten ist und es seitdem keine Grenzkontrollen mehr gibt.

Polnische und deutsche Polizisten nehmen im Februar 2013 an einem Lehrgang zu grenzübergreifender Kriminalität teil [Bild: dpa]
Die Beamten schweigen lieber - aus Vorsicht.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte das Abkommen öffentlich bereits für 2011 angekündigt – noch in seiner ersten Amtszeit. Nun ist er auf diesen Posten zurückgekehrt, und muss die längst überfällige Aufgabe lösen. Trotz "Kaczyński-Delle". Anfang Februar wird er sich deshalb mit seinem polnischen Amtskollegen treffen.

Dessen Staatssekretär Marcin Jabłoński kommt übrigens aus der Grenzstadt Słubice bei Frankfurt (Oder) und ist mit der Situation der grenzübergreifenden Kriminalität bestens vertraut. Ein bereits zugesagtes Interview mit dem rbb sagte er allerdings kurzfristig ab. Offenbar war es auch für den polnischen Staatssekretär nicht der richtige Zeitpunkt, um öffentlich über dieses heikle Thema zu sprechen.  

Wer das Schweigen bricht, kriegt Probleme

Zumindest darin sind Deutsche und Polen sich einig. Wer dieses Schweigen bricht, muss mit Problemen rechnen - wahrscheinlich von oberster Stelle.

Das weiß auch BdK-Landeschef Chef Riccardo Nemitz. Er hat von vielen seiner Polizeikollegen von den Missständen in der deutsch-polnischen Zusammenarbeit gehört und kann verstehen, dass niemand öffentlich den Finger in diese Wund legen will. "Die Kollegen befürchten Einschnitte in ihre Karriere – sie haben Angst." Angst, über schlechte Grenzerfahrungen zu reden.

Beitrag von Adrian Bartocha und Olaf Sundermeyer

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