Innenminister Woidke zu Grenzkriminalität (Quelle: dpa)

Interview mit Brandenburgs Innenminister - Woidke: "Wir müssen an die Hintermänner herankommen"

Trotz der hohen Grenzkriminalität will Brandenburg keine erneuten Grenzkontrollen, wie von einigen gefordert. Das Land verhandelt derzeit mit Polen über ein neues Polizeiabkommen, das deutschen Polizisten mehr Ermittlungsspielraum geben soll. Für Innenminister Dietmar Woidke ein Mittel, um das Problem in den Griff zu bekommen - und den Menschen in der Grenzregion ihre Sorgen zu nehmen.

rbb online: Herr Woidke, wie problematisch ist die Grenzkriminalität in der Region? Können Sie das nachvollziehen, dass das die Menschen immer mehr beschäftigt und viele auch Angst haben?

Dietmar Woidke: Als Angst würde ich es nicht bezeichnen. Es gibt aber eine große Besorgnis, die ist greifbar. Ich komme selbst aus der Region. Die Situation hat sich über die Jahre seit 2007 aufgebaut. Es gab damals schon Befürchtungen. Womit aber keiner gerechnet hatte, war, dass sich in einer doch großen Geschwindigkeit organisierte kriminelle Strukturen herausbilden. Das ist unterschätzt worden.

Was sind die größten Probleme der Polizei?

Ein großes Problem ist, dass wir an die großen Strukturen nicht so herankommen, wie wir es müssten. Wir müssen weiter mit der polnischen Seite daran arbeiten, dass das verbessert wird. Da gibt es ausgearbeitete Verträge, die dazu führen sollen, dass es gemeinsame Ermittlungsgruppen gibt. Die Autodiebe, die vor der Grenze noch gestoppt werden – was in den letzten Jahren ja auch erfolgreich passiert – sind nur die kleinen Helfershelfer.

"Ein deutscher Polizist in Polen kann gewisse historische Erinnerungen wecken."

Dietmar Woidke

Es fehlen also rechtliche Grundlagen zwischen Deutschland und Polen?

Wir sind bei den gemeinsamen Ermittlungsgruppen jetzt endlich auf einem guten Weg. Die Verträge sind unterschrieben, sie müssen noch gegengezeichnet werden. Ich bin optimistisch, dass uns das gelingt. Der zweite Punkt ist das deutsch-polnische Polizeiabkommen. Es ist im Interesse beider Seiten, dass die rechtlichen Grundlagen geregelt sind. Ein deutscher Polizist muss genauso wie ein polnischer wissen, was er auf fremdem Terrain darf und was nicht. Deshalb müssen wir dieses Abkommen schnellstmöglich unter Dach und Fach bringen, um das alte Polizeiabkommen aus der Zeit, als Polen noch nicht einmal EU-Mitglied war, auf den aktuellen Stand zu bringen.

Warum hat das so lange gedauert, bis gemeinsame Ermittlungsteams kommen?

Die Fragen der rechtlichen Grundlagen sind teilweise schwierige Verhandlungen, zum Teil auch, weil ein deutscher Polizist in Polen auch noch gewisse historische Erinnerungen wecken kann. Aber wir sind auf einem guten Weg. Es gibt immer mehr Leute in Polen, die diese grenzüberschreitende Kriminalität erstens als ein Problem für das Verhältnis Deutschland–Polen und zweitens als Problem für die wirtschaftliche Entwicklung beider Seiten sehen.

Seit eineinhalb Jahren gibt es die Sonderkommission (SoKo) Grenze. Bringt die den gewünschten Erfolg?

Ja. Wir sehen klare Erfolge. Wir haben sie  2012 aufgestockt, es sind jetzt ca. 120 Beamte. Ein zweiter Punkt ist die Polizeipräsenz an der Landesgrenze. Mit dem Einsatz der Hundertschaften sind wir personell an eine Grenze gegangen – viel mehr geht nicht. Man muss leider sagen, dass das Versprechen von Bundesinnenminister Schäuble im Jahr 2007 zur Bundespolizei nicht gehalten wurde. Es hieß, die Bundespolizei bleibt da, aber sie steht eben nicht mehr direkt an der Grenze. Die Bundespolizei an der polnischen Außengrenze wurde massiv abgebaut. Das müssen wir jetzt leider mit auffangen. Aber was wir auf der deutschen Seite machen können, wird getan.

Was sagen Sie dazu, wenn man fordert, man soll an oder kurz vor der Grenze wieder Kontrollen einführen?

Kurz vor der Grenze ziehen wir ja Netze auf. Mit dem Einsatz der Hundertschaften ist es uns gelungen, die Kontrollen wesentlich zu verbessern.  Aber im Normalfall fährt ein gestohlenes Auto nicht alleine auf die Grenze zu. Es fahren Kuriere vorweg. Eine Kontrolle vor der Grenze ist ungefähr 15 Minuten sinnvoll. Dann wissen die Täter Bescheid. Wichtiger ist, dass die Verfolgung nicht an der Grenze aufhört, wenn wir zum Beispiel eine Verfolgungsjagd haben, sondern dass das flüchtende Auto in Polen nahtlos übernommen wird. Aber der Schlüssel liegt hier bei den Hintermännern. Wir müssen an die Hintermänner herankommen.

Brandenburgs Innenminister Dietmar Woidke (Quelle: dpa)
Dietmar Woidke, Brandenburgs Innenminister und Ministerpräsident in spe.

Macht das nicht manchmal ratlos, wenn man so viel gegen Autodiebstahl macht und es trotzdem nicht richtig was bringt?

Wir haben in Brandenburg sehr unterschiedliche Entwicklungen. In Frankfurt (Oder) ist die Situation nach wie vor äußerst unbefriedigend. In anderen Bereichen gab es teilweise eine deutliche Entwicklung nach unten. Wir haben erste Erfolge erzielt. Ich will noch nicht von einer Trendwende reden, aber wir sind mit den eingeleiteten Maßnahmen auf einem guten Weg. Der Kfz-Diebstahl war 2012 in Brandenburg deutlich auf dem Rückzug.

Trotzdem verschwinden teilweise pro Nacht noch 10 bis 15 Autos.

Ja, aber es ist ja nicht gesagt, dass die immer nach Polen verschwinden. Wir haben es bei den Tätergruppen mit international agierenden Gruppen zu tun und da sind häufig auch deutsche dabei. Deswegen ist es falsch, mit dem Finger immer gleich nach Polen zu zeigen. Die Spuren führen auch sehr viel weiter nach Osten.

Konnte man nicht erwarten, dass es so kommen würde? Es gibt ein Wohlstandsgefälle zu Polen, das man nicht übersehen kann.

Das Wohlstandsgefälle gab es in den 90er-Jahren mit entsprechender Kriminalität schon genauso. Allerdings hat sich nach 2007 eine Situation entwickelt, in der es jedes Jahr schlimmer geworden ist. Und wir wussten, dass bei bestimmten Bereichen wie landwirtschaftliche Großmaschinen oder Traktoren organisierte Strukturen dahinterstecken. Man kann heute beklagen, dass die Befürchtungen da waren. Es gab aber auch klare Zusagen zum Beispiel des Bundes, dass die Bundespolizei in der Stärke vorhanden bleibt. Aber sofort mit der Öffnung der Grenze begann eine Reduzierung der Bundespolizei im Grenzbereich.

Zahlen wir in Brandenburg jetzt den Preis für die offenen Grenzen?

Nein. Ich bin der Meinung, dass wir hier in Brandenburg sehr stark von den offenen Grenzen profitieren. Man darf die offenen Grenzen nicht auf das Kriminalitätsproblem reduzieren. Allerdings ist diese Entwicklung in der Grenzkriminalität ein Hindernis für die deutsch-polnische Zusammenarbeit und für die regionale Zusammenarbeit. Deshalb müssen wir zu weiteren deutlichen Fortschritten kommen.

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