
"Es geht um richtig dicke Kohle" - Die verzweifelte Jagd auf Autodiebe
Die Polizei in Brandenburg steckt in einem Wettlauf mit internationalen Autobanden: Seit die Grenzkontrollen zu Polen weggefallen sind, verschwinden Tag für Tag Autos in Richtung Osten. Auf dem Weg dorthin können die Beamten nur wenige Diebe stellen. Sind die Autos erst jenseits der Oder, gibt es kaum noch einen Erfolg. Eine Reportage von Olaf Sundermeyer
Auch in dieser Nacht ist der Fahnder Olaf Eggert aus Cottbus wieder ins Bermudadreieck abgetaucht. So heißt unter den Brandenburger Polizisten die riesige Fläche zwischen Königs Wusterhausen und den Autobahngrenzübergängen bei Frankfurt/Oder und Forst. Die Autobahnen A12 und A13 und die deutsch-polnischen Grenze bilden die Kanten des Dreiecks. "Dazwischen verschwinden die Autos in einem riesigen Gebiet aus Wäldern, Seen und alten Militärgeländen. Die Täter flüchten, das ist ganz einfach dieser Urinstinkt, sich nicht von der Polizei fangen zu lassen", hatte Polizeioberkommissar Eggert vor Schichtbeginn erklärt.

Bei den Diebstählen "geht es um die richtig dicke Kohle in Europa", sagt er nun. Grund für die große Zahl gestohlener Autos ist für Eggert vor allem das wirtschaftliche Gefälle zwischen Deutschland, Polen und den weiter entfernten Gegenden in Osteuropa. "Bei uns gibt es den Spruch: Supermarkt Deutschland. Hier steht ja alles rum", sagt er. Und die Grenzöffnung erleichtert die Selbstbedienung an den Autos.
In Berlin und Brandenburg werden täglich 25 Autos gestohlen
Ende 2007 wurde der Schengen-Raum auch um Polen vergrößert. Seitdem finden an der 467 Kilometer langen Grenze zu Deutschland keine Kontrollen mehr statt und seitdem haben die Autodiebstähle in der Grenzregion drastisch zugenommen. Das hatte das Bundesinnenministerium bereits in einer Bilanz für das erste Jahr nach Öffnung der Grenze analysiert. Der Anstieg hatte 2011 seinen Höhepunkt erreicht. Nach Ablauf des vergangenen Jahres haben die Länder Berlin und Brandenburg einen leichten Rückgang gemeldet. Aber aus Sicherheitskreisen ist zu hören, dass die Zahlen in Brandenburg zuletzt wieder angestiegen sind.
Im Gegensatz zur allgemeinen Kriminalitätsentwicklung war hier von einem Anstieg der Kraftfahrzeugdiebstähle in der Grenzregion die Rede, "wobei der Großteil der Tatverdächtigen polnischer, ukrainischer und russischer Herkunft ist." Damit wurden gleichsam die so genannten "Zielländer" der gestohlenen Fahrzeuge umschrieben. Vom polnischen Grenzschutz ist zu erfahren, dass auch nach Litauen viele Autos gebracht werden. Die meisten Autos verschwinden an den Wochenenden. Im vergangenen Jahr wurden in Berlin und Brandenburg täglich im Durchschnitt 25 Autos gestohlen.
Vor der Grenze fahren die Diebe von der Autobahn ab
Jetzt ist es wieder passiert. Über Funk erfährt Eggert, dass am Abend ein hochwertiger Geländewagen gestohlen wurde. Der Audi Q7 wurde von dem Parkplatz des "Tropical Island" in Krausnick an der A13 geklaut. Eggert ist mit seinem Streifenwagen der Sonderkommission "Grenze" rund 80 km entfernt am dunklen Neiße-Ufer unterwegs. Welchen Weg dieser Dieb in Richtung Polen nehmen wird, ist ungewiss. Eggert erzählt, dass die Fahrer in Grenznähe immer häufiger von der Autobahn abfahren, um den Polizeikontrollen zu entgehen. Dann beginnt die Jagd im Bermudadreieck. Einige der in der Region gestohlenen Autos werden auch schon in Brandenburg in Einzelteile zerlegt. Sie werden über das Internetportal "Ebay" verkauft oder als Autoteile zwischen Lastwagenladungen über die Grenze gebracht.
Häufig geht es bis über die Ostgrenze der EU hinaus, etwa in die Ukraine, wo der Markt gestohlener Autoteile boomt. Vor allem Geländewagen wie der Q7 oder BMW X5 werden bei den Dieben in Auftrag gegeben.
"In der Ukraine herrscht ein günstiges Klima, um gestohlene Autos zu verkaufen", sagt Zenon Zieniuk. Der Privatdetektiv und ehemalige Kriminalpolizist aus Biała Podlaska spürt seit 20 Jahren gestohlene Autos auf, rund 700 Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt. Inzwischen hat er mit einem lokalen Partner auch in Berlin ein Büro eingerichtet. Seine Kunden sind Autobesitzer und Versicherungen.
Fällt der Diebstahl auf, sind die meisten Autos längst hinter der Grenze
Zieniuk sagt, dass die meisten Autos längst in Polen sind, wenn ihr Diebstahl in Deutschland bemerkt wird. Vielleicht auch schon in Weißrussland oder der Ukraine. Die Diebe sorgen möglichst schnell dafür, den Wagen wieder los zu werden. Das wiederum erschwert die Suche. "Deshalb müssen wir schnell sein. Je schneller wir sind, umso größer ist die Chance, das Auto wieder zu finden."
Für den Dieb des Audi wären es zum Grenzübergang nach Forst 88 Kilometer auf der Autobahn 13. Mit dem leistungsstarken Auto wäre das nur eine halbe Stunde. Eggert weiß, dass er keine Chance hat. Ohne weitere Anhaltspunkte über den Weg des Täters ist die Suche zwecklos. "Die Täter sind skrupellos, und wir sind zu wenige", sagt der Fahnder.
Als Hoffnung bleibt einzig die Polizeikontrolle, die sich in dieser Nacht in der Ortsdurchfahrt von Lieberose aufgebaut hat. Dort stehen Eggerts Leute auf dem direkten Weg zum Grenzübergang Gubinek. Verdächtige Fahrzeuge halten sie an. Sie können nur hoffen, dass der Audi hier vorbei kommt.
Im vergangenen Jahr hat Eggert einen Dieb bis nach Polen verfolgt und verhaftet, nachdem dieser mit einem gestohlenen Audi einer solchen Kontrolle bei Forst durchbrochen hatte. Der Dieb hatte dabei einen Polizisten umgefahren. "Als ich das gesehen habe, dachte ich schon, dass der Kollege tot ist", sagt Eggert. Weil er zum Zeugen einer Straftat wurde, durfte er die Verfolgung aufnehmen und dabei auch die Grenze überfahren. Hier gilt die so genannte Nacheile. Der bloße Verdacht einer Straftat reicht dafür nicht aus, sie muss in den Augen des Polizisten beweissicher sein - sonst ist für ihn an der Grenze Schluss. Der umgefahrene Polizist hat schwer verletzt überlebt. Bis heute konnte er aber nicht in den Dienst zurückkehren. Erst im März hatte ein Autodieb auf der polnischen Seite der Grenze, in Świebodzin, einen Polizisten durch einen Kopfschuss aus dessen Dienstwaffe getötet.

Ein neues deutsch-polnisches Polizeiabkommen soll helfen
Was könnte helfen? Die deutschen Polizisten an der Grenze wünschen sich ein neues bilaterales Polizeiabkommen, das ihnen weitreichende Kompetenzen auch im Nachbarland erlaubt. Die polnischen Kollegen sehen das genauso, etwa Damian Kuzynin vom polnischen Grenzschutz: "Das Problem ist vor allem die unterschiedliche rechtliche Bewertung einzelner Delikte, die beispielsweise in Deutschland einen Straftatbestand darstellen, aber in Polen nur eine Ordnungswidrigkeit. Wir wollen hier etwas bewegen, dürfen es aber nicht."
So wird beispielsweise Hehlerei in Polen nicht als vollwertige Straftat gewertet, und ein gestohlenes Auto geht schon nach drei Jahren rechtmäßig in das Eigentum des Käufers über. Die fehlende Angleichung der Strafgesetze in Europa hilft also den Kriminellen. Die ausstehende Einigung beim Polizeiabkommen stockt auch an dem historisch bedingten Vorbehalt gegen bewaffnete deutsche Polizisten in Polen. Denn das ist dort verständlicherweise ein Politikum.
Solange die Grenze für Polizisten ein Hindernis ist, für Diebe aber nicht, haben Olaf Eggert und seine Kollegen weiterhin nur geringe Chancen bei der Jagd im Bermudadreieck.




