
Autoschieberbanden im deutsch-polnischen Grenzgebiet - Wenn Kriminalität zum Preis der Freiheit wird
Ein Viertel aller in Deutschland gestohlenen Autos verschwinden in Berlin und Brandenburg: 25 Autos täglich. Der Staat kann wenig dagegen tun. Nur rund jeder achte Fall wird aufgeklärt. Denn seit vor sechs Jahren die Grenze zwischen Deutschland und Polen gefallen ist, missbrauchen internationale Banden systematisch die neue Freiheit.
Die Mahner trafen sich drei Monate, bevor Polen zu einem Mitglied der Europäischen Union wurde: Anfang 2004 versammelte sich der "Bund deutscher Kriminalbeamter" in einem Autobahnhotel bei Frankfurt/Oder, um auf die zu erwartenden Kriminalitätsrisiken der EU-Osterweiterung hinzuweisen. Dabei hinterließen die Kriminalisten ein schwarzes Bild in ihrem schmucklosen Tagungsraum, das später mit dem Schlagwort "Grenzenlos kriminell" umschrieben wurde: Aus Osteuropa wurden hier Drogen, illegale Prostituierte, Einbrecher und Schwarzarbeiter erwartet.
In Deutschland sollte der große Klau einsetzen. Das Diebesgut aus Häusern und von Parkplätzen würde dann über diese Grenze hier gehen, an der am 1. Mai des gleichen Jahres aber alles von einem bunten Feuerwerk überstrahlt wurde. Die Stadtbrücke zwischen Frankfurt/Oder und Słubice wurde am Tag des polnischen EU-Beitritts zum Ort für ein europäisches Fest.
Nie war das deutsch-polnische Verhältnis besser als heute
Seither setzt sich der Prozess der europäischen Einigung in hoher Geschwindigkeit fort: Polen gehört zu den EU-Gewinnern - und mit ihm zahlreiche deutsche Unternehmen, die erfolgreich dort tätig sind. Andersherum sind viele Polen gut für das Geschäft im Berliner Einzelhandel, im Eberswalder Zoo oder im "Tropical Island". Niemals war das historisch schwer belastete deutsch-polnische Verhältnis besser als heute.
Vielleicht lag es auch daran, dass man dieses Nachbarschaftsverhältnis nicht gefährden wollte: Denn das vorhersehbare Risiko der Grenzöffnung wurde von den verantwortlichen Politikern verschwiegen. Sinngemäß räumt Brandenburgs Innenminister Dietmar Woidke (SPD) dieses Versäumnis heute ein: "Wir haben alle gehofft, es würde gut werden", sagte er dem rbb. "Ich nehme mich da persönlich überhaupt nicht aus. Aber wir haben dann in Brandenburg feststellen müssen, dass es doch nicht so einfach war."
Mehr Autodiebstähle seit der Grenzöffnung
Denn tatsächlich nutzen seither auch international organisierte Banden die neue Freiheit für ihre kriminellen Geschäfte - zusätzlich beschleunigt durch den Wegfall der Grenzkontrollen Ende 2007, als Polen dem so genannten Schengen-Raum beitrat. Inzwischen herrscht völlige Freizügigkeit von Waren und Menschen über diese Grenze. Und genau dorthin verschwinden die meisten der in der Region gestohlenen Autos.
Die Zahl der Autodiebstähle war Mitte der 1990er Jahre in Berlin und in Brandenburg exorbitant hoch. Sie ging bis ins Schengen-Jahr deutlich zurück. Aber nun steigt sie wieder: Auf über 10.000 im Jahr 2011. Zwar hat die Politik punktuell mit verstärkten Polizeikontrollen reagiert, so dass die Zahlen 2012 etwas zurück gingen. Aber immer noch ist Berlin die Hauptstadt der Autodiebe. Auch die Grenzgemeinden entlang von Oder und Neiße sind besonders betroffen. Dort werden auch viele Landmaschinen gestohlen. Bei Guben ist es gar schon vorkommen, dass einzelne Traktoren bei Niedrigwasser der Neiße durch den Fluss entführt wurden.

Diebstähle werden von Banden organisiert
Die Autos werden gleich nach dem Diebstahl von Kurieren gen Osten gebracht. Einer von ihnen, ein Mann aus dem westukrainischen Lemberg (Lviv), erzählt, wie er regelmäßig in Deutschland gestohlene Autos in Grenzorten wie Słubice übernimmt, um sie dann weiter in die Ukraine zu fahren. Die Autos haben dann bereits polnische Kennzeichen. "Ganz besonders seitdem Polen Mitglied der Europäischen Union wurde, dominieren die Polen den größten Teil dieses Marktes", behauptet er.
Zumindest die Zahlen des Innenministeriums in Potsdam geben ihm recht: "Die Täterfeststellungen lassen auf überwiegend polnische Tatverdächtige in verschiedenen Deliktsbereichen schließen, insbesondere Kfz-Diebstahl", heißt es dort auf Anfrage: 64 Prozent dieser Tatverdächtigen kommen demnach aus Polen. Grundsätzlich aber werden die Diebstähle über Banden organisiert, die grenzübergreifend operieren und international zusammen gesetzt sind. Das bestätigt auch der ukrainische Kurier: "Der aktuelle Trend geht dahin, nicht mehr das komplette Fahrzeug über die Grenze in die Ukraine zu bringen. Meistens werden sie bereits in Deutschland auseinander gebaut, manchmal auch in Polen, und die Teile werden dann auf einem großen Lkw hierher gebracht."
Gestohlene Autos werden in Einzelteilen über Ebay verkauft
Einer solchen Bande ist die Polizei zuletzt am nordöstlichen Stadtrand Berlins auf die Spur gekommen: Dort lagerten rund 60 gestohlene Autos in Einzelteilen, die über die Internetplattform Ebay verkauft wurden. Auch Zwillinge wurden hier gefälscht: Das sind gestohlene Fahrzeuge, die von den Schiebern mit der Identität vergleichbarer Schrottautos versehen werden. Den Schrott lassen sie über Verwertungsbörsen aufkaufen - einzig zu dem Zweck, damit auch die Papiere sowie Fahrzeugidentitätsnummern zu erwerben.
In Deutschland gibt es auch Versicherungsbetrüger, die mit internationalen Banden ins Geschäft kommen. So verschwinden besonders viele hochwertige Leasingfahrzeuge, etwa in die Ukraine. Während Diebe und Kuriere den Wagen schon außerhalb der EU gebracht haben, meldet der Besitzer den Diebstahl erst dann, wenn er von dem sicheren Verbleib seines Wagens im Ausland weiß. Nach Schätzungen erfahrener Ermittler trifft diese Masche bei sieben Prozent aller Fälle zu.
Während die Banden grenzenlos kooperieren, steht den Ermittlern bei der Jagd auf die Kriminellen noch immer die jeweilige Gesetzeslage beider Länder im Weg. Ein deutsch-polnisches Polizeiabkommen etwa steht noch aus, das gleichberechtigte Ermittlungen im jeweiligen Nachbarland ermöglichen soll.
Starkes Wirtschaftsgefälle zwischen West- und Osteuropa
Nach Russland, Weißrussland oder die Ukraine wird das auf Sicht unmöglich bleiben. Und das machen sich die Banden zu Nutzen. "Selbst wenn Interpol bei uns aktiv wird, passiert das niemals ohne ukrainische Polizei. Aber die ist absolut korrupt, weshalb die Zusammenarbeit mit Interpol wertlos ist", sagt der Kurier, der seit über 15 Jahren im Geschäft ist.
Fachleute wie der polnische Rechtswissenschaftler Maciej Małolepszy von der Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder wünschen sich ohnehin einen stärkeren Blick auf die Ursachen der Kriminalität. Man könne die Kriminalität nicht gesondert betrachten, sagt er. "Das kann bei der Bevölkerung bestimmte Ängste wachsen lassen und lässt die Bevölkerung die Zusammenhänge zwischen Kriminalität und gesellschaftlicher Situation eines Landes nicht verstehen."
Eine der Ursachen ist das starke Wirtschaftsgefälle zwischen West- und Osteuropa. Das lässt sich auch daran ablesen, dass die Zahl der gestohlenen Autos - in Brandenburg etwa - bis heute nicht mehr über den Wert von 2004 gestiegen ist. Dem Jahr, an dem Polen Mitglied der EU wurde und seitdem sich das Land wirtschaftlich dynamisch entwickelt hat.




